Als St.Gallen belagert wurde

ST.GALLEN. Auch 2015 jähren sich grosse und kleine Ereignisse, die die Geschicke der Stadt St.Gallen in früheren Jahrhunderten mitbestimmt haben. Zündstoff birgt die heutige Deutung zweier Schlachten der alten Eidgenossen. Eher kurios mutet aus heutiger Sicht der St.Gallerkrieg von 1490 an.

Reto Voneschen
Drucken
Teilen
Der Bohl wurde erstmals 1390 als solcher bezeichnet. Ab dem 19. Jahrhundert bis 1971 hiess er Hechtplatz nach dem Hotel Hecht (links auf der Ansichtskarte um 1910) oder Theaterplatz nach dem 1857 eingeweihten Stadttheater (rechts im Bild). (Bild: Sammlung Reto Voneschen)

Der Bohl wurde erstmals 1390 als solcher bezeichnet. Ab dem 19. Jahrhundert bis 1971 hiess er Hechtplatz nach dem Hotel Hecht (links auf der Ansichtskarte um 1910) oder Theaterplatz nach dem 1857 eingeweihten Stadttheater (rechts im Bild). (Bild: Sammlung Reto Voneschen)

Zu nationalen Zankäpfeln dürfte sich 2015 die Deutung zweier Schlachten aus der Schweizer Geschichte entwickeln: Der Sieg der alten Eidgenossen über ein habsburgisches Ritterheer jährt sich am 15. November zum 700., die blutige Niederlage von Marignano am 13./14. September zum 500. Mal. Beide Ereignisse lassen sich heute politisch unterschiedlich für oder gegen eine Öffnung der Schweiz nach aussen deuten, je nach Weltanschauung.

Beide Ereignisse waren damals in St.Gallen spürbar: Bei der Schlacht von Morgarten starben die Ritter von Alt-Landberg bei Bauma. Ihre Burg fiel als Lehen an den Abt des Klosters St.Gallen zurück. Und auf dem Schlachtfeld von 1515 in Norditalien waren auch Stadtsanktgaller dabei. Vadian berichtete von 41 getöteten St.Gallern.

Columban und der Klosterkäse

Runde Gedenkjahre für Kloster und Stadt St.Gallen gibt es 2015 auch noch weiter zurück. Vor 1400 Jahren, am 23. November 615, starb Columban in Bobbio in Norditalien. Er soll nach 610 mit Gallus zusammen in die Ostschweiz gekommen sein, sich hier aber mit diesem verkracht haben. Kurz vor dem Tod von Columban sollen sich die beiden noch versöhnt haben.

Dazu passend ein zweites «Jubiläum» aus der Klostergeschichte: Um 790, also aus der Zeit vor 1225 Jahren, datiert das älteste erhaltene Buch in deutscher Sprache. Die «Abrogans»-Handschrift mit dem ältesten Vaterunser und Credo in deutscher Sprache gehört zum Bestand der Stiftsbibliothek St.Gallen. 840, vor 1175 Jahren, wurde der St.Galler Klosterkäse erstmals in einer Urkunde erwähnt.

Der erste grosse Stadtbrand

In diesem Jahr jährt sich auch der erste überlieferte volle Stadtbrand zum 800. Mal. Das Feuer vernichtete am 2. Mai 1215 ganz St.Gallen. Nur das Kloster und einzelne Gebäude am Rand wurden verschont. Die Katastrophe wiederholte sich 1314 und 1418.

Weniger ein historisches Datum, vielmehr ein Kuriosum ist, dass der Bohl erstmals vor 625 Jahren so bezeichnet wurde – 1390 als «Boll». Vor 575 Jahren, 1440, wurde die St.Galler Obrigkeit das, was sie bis heute nicht gerne hat: öffentlich gerügt. Dies nach einem Spruch des Hofgerichts in Rottweil durch König Friedrich, weil die Stadt den geächteten Eberhard von Ramschwag aufgenommen hatte.

Ein Krieg mit den Eidgenossen

Vor 525 Jahren wurde die Gallusstadt von den Eidgenossen belagert, und zwar vom 12. bis 15. Februar 1490. Ausgebrochen war der sogenannte St.Gallerkrieg aufgrund von Streitigkeiten der Stadt und der Appenzeller mit dem Kloster. Dabei wurde 1489 der Klosterneubau bei Rorschach zerstört, Romanshorn besetzt und das St. Annaschloss bei Rorschach belagert. Die Eidgenossen als Schutzmacht des Klosters griffen mit 8000 Mann ein. Der Konflikt wurde mit dem Vorfrieden von St. Fiden am 15. Februar 1490 und dem ersten Einsiedler Vertrag vom 16. März 1490 beigelegt.

Hexen, Schnee und Regen

1615, vor 400 Jahren, wurden in St.Gallen Barbara Bruggbacherin und Dorothea Lampartin als Hexen hingerichtet. Vor 375 Jahren, 1640, traf dieses Schicksal Anna Huber. Im Winter 1440/41, vor 575 Jahren, litt die Stadt unter starken Schneefällen. Durch die grossen Schneemassen stürzten sogar einige Häuser ein. Am 22. Juni 1690, vor 325 Jahren, wurden nach mehrtägigem Regen Gärten hinter dem Kloster weggespült. Die Wiesen neben der Stadt waren überschwemmt und erinnerten gemäss Chronik an Seen.