Als «Sälewie» im Muff auftrumpfte

Das Cabaret Sälewie blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Am Nostalgie-Gespräch im Historischen und Völkerkundemuseum liessen ehemalige Mitglieder alte Zeiten aufleben. Und lieferten dabei mehr als nur eine Pointe.

Margrith Widmer
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Am Nostalgie-Gespräch im Historischen und Völkerkundemuseum (von links): Peter Käser (Ensemblemitglied 1965 bis 1968), Heinz Müller (Mitglied von 1970 bis 1986), Erika Fritsche (Mitglied von 1975 bis 1982), Martin Wettstein (Präsident Kellerbühne seit 2010), Fred Kurer (Leiter Kellerbühne 1968 bis 1975), Bruno Broder (Leiter Kellerbühne 1983 bis 1992) und Katrin Schatz (Cabaretmitglied von 1984 bis 2014). (Bild: Benjamin Manser)

Am Nostalgie-Gespräch im Historischen und Völkerkundemuseum (von links): Peter Käser (Ensemblemitglied 1965 bis 1968), Heinz Müller (Mitglied von 1970 bis 1986), Erika Fritsche (Mitglied von 1975 bis 1982), Martin Wettstein (Präsident Kellerbühne seit 2010), Fred Kurer (Leiter Kellerbühne 1968 bis 1975), Bruno Broder (Leiter Kellerbühne 1983 bis 1992) und Katrin Schatz (Cabaretmitglied von 1984 bis 2014). (Bild: Benjamin Manser)

Im Keller des Kleintheaters Kellerbühne hat jahrzehntelang ein «unvorstellbarer Muff» geherrscht und dennoch: Das Lokal war die Endstation Sehnsucht des Cabarets Schnodergoofe, das 1962, mitten in der Boomzeit der Schweizer Cabaret-Szene, in St. Gallen gegründet wurde. Kellertheater kamen damals in Mode, wie Peter Käser am Nostalgie-Gespräch am Sonntag im Historischen und Völkerkundemuseum erzählte: «Die <Schnodergoofe> suchten einen alten, trockenen, geräumigen Keller, aus dem wir ein kleines Theäterchen basteln können.» Albert Johannes Sprattler, Inhaber des Kostümverleihs Jäger an der St. Georgen-Strasse 3, hatte einen alten Mostkeller – und von wegen «trocken»: alt und geräumig war der Raum, aber es miefte unsäglich.

Kissen wären vergraut

Dennoch: «Genau das war's.» Mit Hilfe des Gewerbeschuldirektors Norbert Bischof und 1700 Stunden Fronarbeit von Lehrlingen wurde der Keller auf Theater getrimmt: «Ein Klavier stand drin und einige Stühle, wir hatten nicht einmal einen Vorhang – aber es war äusserst lustig», so Käser. «Wir spielten immer in feuchten Hudeln.» Weil der Keller so feucht war, konnten auch keine Kissen auf die Sitze gelegt werden, sie wären vergraut.

Jedenfalls spielte das Cabaret Sälewie vor vollen Rängen – nachdem vor der Aufführung im «Splügen» gegenüber ein Angst-Schnäpschen gekippt worden war. Die Texte stammten von Hermann Bauer, Ralph Ottinger und Renward Wyss, der auch Souffleur war und den Vorhang bediente. «Sälewie» bot Stoff für viele Gerüchte, darunter jenes, es bedeute «C'est la vie». Nein, so Käser: «Es ist eine St. Galler Redensart, bedeutet <'s goht scho> und stammt ursprünglich von Hermann Bauer.»

Eigene Frau nicht erkannt

Heinz Müller erlebte die unangenehmste Vorstellung seines Lebens, als in der ersten Reihe eine alte Dame sass, die «blöd lachte, wenn's nichts zu lachen gab», drein rief, auf die Bühne kam und nach der Vorstellung auch noch zum Austrunk. «Das ist Brigitte», sagten seine Kollegen. «Nein, sie liegt mit einem Rückenschaden im Bett», behauptete Müller – es war dann dennoch seine Frau.

Erika Fritsche wurde von Fred Kurer «entdeckt». Renward Wyss schickte Kurer zur «Beobachtung» der jungen Frau: «Sie war liebreizend», so Kurer. Fritsche bedankte sich: «Bei Fred wusste man nie, bringt er den Text, den er hat, oder was anderes.» Kurer und Fritsche gaben zur Gaudi des Publikums einige Couplets aus Sälewie-Programmen zum Besten.

Rose für den Verlierer

Vom verstorbenen Renward Wyss (Kellerbühneleiter von 1975 bis 1983), der als «derb» galt, zitierte Bruno Broder aus einem Interview: Rosen würde er dem Verlierer schenken, Disteln dem Sieger – und er würde im Kantonsschulpark zum Stein erweichen heulen, bis der Unbekannte Soldat vom Sockel stiege – um dann mit ihm in eine Beiz zu gehen. Als eine Dame Renward Wyss im «Bierfalken» mal anhimmelte, habe sie ihm zugerufen: «Vater, wir wollen nach Hause.» Das «Anhimmeln» stoppte wie auf Knopfdruck.

Katrin Schatz sah das Cabaret erstmals mit 13 und war angefressen: «Das will ich auch. Ich bewunderte sie restlos.» Sie schaffte es: «Die Kellerbühne ist die grösste Konstante in meinem Leben und die beste Lebensschule.» Von wegen ruppig: «So, Du bist die Neue. Kannst Du etwas?», wurde sie begrüsst. Überall seien jeweils «Spickzettel» herumgelegen. Als mal gejasst wurde, «musste man aufpassen, nicht die falschen Karten zu geben, auf denen der Text stand», Kurer lobte sie: «Das letzte Wort stimmte immer.»

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