Als Moskau in der Ostschweiz siegte

Am 8. Mai 1945 ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. Zur gleichen Zeit fuhren die Kommunisten in St. Gallen einen Wahlsieg ein. Die PdA hatte geschickt die konsequente Ausweisung der Nazis gefordert.

Ralph Hug
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Bei Kriegsende 1945 hatte die St. Galler Bevölkerung genug von NS-Umtrieben. Im Bild: Naziversammlung in der Tonhalle St. Gallen. Der Wahlslogan der Kommunisten, «Nazis raus!», fiel auf fruchtbaren Boden. (Bild: Staatsarchiv St. Gallen)

Bei Kriegsende 1945 hatte die St. Galler Bevölkerung genug von NS-Umtrieben. Im Bild: Naziversammlung in der Tonhalle St. Gallen. Der Wahlslogan der Kommunisten, «Nazis raus!», fiel auf fruchtbaren Boden. (Bild: Staatsarchiv St. Gallen)

ST. GALLEN. Kommunisten im St. Galler Kantonsratssaal? Heute eine eher ungewohnte Vorstellung. Doch 1945 war es Realität: Bei den Grossratswahlen ergatterte die 1944 gegründete Partei der Arbeit (PdA) auf Anhieb vier Mandate, drei in St. Gallen und eines in Rorschach. Die PdA setzte das Erbe der zu Beginn des Kriegs verbotenen Kommunistischen Partei (KP) fort. Auch in der Stadt St. Gallen feierte die neue Linksgruppierung einen unerwarteten Erfolg, indem sie bei den Gemeinderatswahlen ebenfalls vier Sitze eroberte. Die SP erhielt Konkurrenz von links. Wie war das möglich?

Ein Blick in die damaligen Debatten zeigt, dass ein grosses Thema die Gemüter bewegte: der Umgang mit den Nazis. Breite Kreise waren der Ansicht, dass jetzt endlich durchgegriffen werden müsse. «Weg mit den Nazis!» war eine Forderung, die in breiten Kreisen Anklang fand. Viele hatten den Eindruck, die Behörden hätten die Nationalsozialisten zu stark gewähren lassen und seien zu wenig gegen ihre Umtriebe eingeschritten. Deutschfeindlichkeit verband sich mit Antifaschismus zu einer aufgeheizten Stimmung.

Säuberung von Nazis gefordert

Davon legte eine Versammlung am 5. Juni 1945 beredtes Zeugnis ab. Im «Schützengarten»-Saal, dem grössten in der Stadt St. Gallen, drängten sich auf Einladung der SP und des Gewerkschaftskartells laut Presseberichten zwischen 1500 und 2000 Leute. «Galerien, Gänge, ja selbst die Bühne mussten belegt werden», war in einem Artikel zu lesen. Der Anlass sollte die Behörden zu einem energischeren Vorgehen gegen deutsche wie einheimische Nazis bewegen. Prominente Redner wie der Rechtsanwalt, spätere Nationalrat und Bundesrichter Harald Huber forderten eine «Säuberung».

Alle Mitglieder der Hitler-Partei NSDAP müssten ausgewiesen werden. Sie seien die Schuldigen am Krieg und versuchten sich nun zu drücken, so der Tenor. Laut Huber beschäftigte das deutsche Konsulat in St. Gallen, vor dem jeweils die Hakenkreuzfahne wehte, bis zu 19 Personen. Insgesamt seien 69 Antragskarten für die Parteiaufnahme ausgestellt worden. Diese Listen seien jetzt plötzlich verschwunden. Die Behörden hätten erst zwei Tage nach Kriegsende Hausdurchsuchungen durchgeführt – zu spät. Huber verlangte auch Säuberungen im Polizei- und Offizierskorps sowie in den Chefetagen der Industrie. Diese seien von Nazisympathisanten und Fröntlern durchsetzt gewesen. Er erhielt für seine Kritik «stürmischen Beifall».

Ex-Polizeichef frühpensioniert

Konkreter wurde ein Redner, der den früheren St. Galler Polizeichef Carl Kappeler angriff. Dessen Sympathien für Hitler waren weitherum bekannt gewesen, hatte er doch an NSDAP-Parteitagen teilgenommen, was bei Bekanntwerden grosse Empörung hervorgerufen hatte. Der unter Druck geratene Stadtrat musste Kappeler frühpensionieren.

An der Veranstaltung im Schützengarten versuchte SP-Regierungsrat Alfred Kessler, den Volkszorn zu dämpfen. Er wies darauf hin, dass der Kanton St. Gallen mit bisher 47 Ausweisungen von Nazis an der Spitze stehe. Alle rund 150 Aktive der NSDAP müssten den Kanton verlassen, kündigte er an.

Der Anlass wurde von der Bundespolizei beobachtet. Der teilnehmende Beamte listete in seinem Bericht alle PdA-Leute auf, die sich zu Wort meldeten, unter ihnen der Spanienkämpfer Walter Wagner. Dieser hatte die antisemitische Flüchtlingspolitik von Heinrich Rothmund der Duldung von Nazigrössen gegenübergestellt. Im Rapport hiess es, der junge Kommunist sei «scharf ins Zeug gefahren» und habe gegen die Politische Polizei gehetzt.

Kurze Hochblüte

Die PdA hatte geschickt die Forderung nach einer konsequenten Ausweisung der Nazis ins Zentrum ihres Wahlkampfs gestellt. Wie der Wahlerfolg zeigt, fand sie damit Gehör. Allerdings währte die Hochblüte der Kommunisten nur kurz. Nach vier Jahren sass nur noch ein PdA-Vertreter im Grossen Rat, die andern wurden nicht wiedergewählt. Und noch eine Legislatur später musste auch der letzte sein Mandat abgeben. Die Partei machte damals vor allem durch interne Streitereien um ihren nationalen Sekretär Karl Hofmaier von sich reden, der in einen Finanzskandal verwickelt war.

Schon früher aktiv

Wenig bekannt ist, dass die Kommunisten schon früher im St. Galler Parlament vertreten waren. Der erste wurde 1922 gleich nach der Spaltung der SP gewählt. Es war der Gewerkschafter Hans Heinrich Hiestand. 1933 zog dann mit dem Stickereifabrikantensohn Hans Thoma ein weiterer Jungkommunist in den Rat ein. Er blieb aber nur kurze Zeit und verabschiedete sich 1936 in den Spanischen Bürgerkrieg.

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