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Als in der Stadt die Pest tobte

Judenbrennung, Massensterben, Flucht aufs Land – im Rahmen einer Vortragsreihe an der Universität St. Gallen dokumentierte der Historiker und Theologe Walter Frei, wie sehr auch die Vadianstadt vom «Schwarzen Tod» betroffen war.
Fredi Kurth
Am Ort der heutigen Hinterlauben wurden am 13. Februar 1349 die Juden von St. Gallen verbrannt. (Bild: Ralph Ribi)

Am Ort der heutigen Hinterlauben wurden am 13. Februar 1349 die Juden von St. Gallen verbrannt. (Bild: Ralph Ribi)

Der Historiker Walter Frei, bekannt von seinen Stadtführungen, versetzte die Zuhörerinnen und Zuhörer im HSG-Vorlesungsraum 01-U203 in eine düstere Epoche der Zeitgeschichte, und als er nach einer Stunde fesselnder Beschreibung aufhörte zu erzählen, war man froh, bloss ins Dunkel der Nacht hinausschreiten zu müssen. Die 300 Jahre, in denen die Pest eine massive Bedrohung für die Menschen in Europa bedeutete, mögen im Zeitraffer schlimmer erscheinen, als sie in Wirklichkeit waren. Aber allein in St. Gallen gab es von 1348 bis 1635 nicht weniger als 14 schwere Epidemien, die bis zu einem Drittel der Bevölkerung dahinrafften.

Vadians Flucht nach Wädenswil

Vadian, der Reformator und Bürgermeister, erlebte allein drei grosse Pestzeiten. 1519 musste er für die Heirat mit einer Zürcherin in das noch kaum bevölkerte Wädenswil ausweichen. Von St. Gallen aus wurde Vadian beschieden, ja nicht zurückzukehren, um nicht angesteckt zu werden. Vadian war auch Stadtarzt und sein Rat aus der Ferne für die Menschen in St. Gallen von immenser Wichtigkeit. Joachim von Watt, so sein bürgerlicher Name, gehörte in der Funktion als Arzt zur Gruppe von Persönlichkeiten, die auf keinen Fall sterben durften. Pfarrer und Apotheker hingegen mussten in unmittelbarer Nähe den verzweifelten Menschen nahestehen und setzten sich extremer Ansteckungsgefahr aus.

Juden verdächtigt und verbrannt

Schon der erste Seuchenzug von 1348 war heftig und führte zu wilden Spekulationen über die Ursache. Primär glaubte man, dass der Sultan, der die Christen ausrotten wollte, die Juden dafür bezahlt habe, die Brunnen in den Städten zu vergiften. Diese «gigantische Weltverschwörung», so Walter Frei, führte in St. Gallen zur Judenbrennung. Alle Juden der Stadt, die in der heutigen Gasse Hinterlauben ihr Viertel hatten, wurden umgebracht. Rasch hatten zuvor St. Galler ihre Pfandbriefe den Juden zurückgegeben und wurden so ihre Schulden los. «Alteingesessene Familien wie Zollikofer, von Watt oder Mötteli errichteten dort noble Neubauten», erzählte Frei.

Beulen an intimen Stellen

Gemäss einer noch im Original bestehenden Urkunde vom 13. April 1349 hatte König Karl IV. St. Gallen trotz der Greueltat scheinbar freigesprochen. Es stellte sich jedoch heraus, dass das Dokument gefälscht war.

Die Pest trat alle 10 bis 20 Jahre in unterschiedlichem Ausmass auf. Beulen, häufig in der Nähe intimer Körperstellen, kündigten den «Schwarzen Tod» an. In einer prüden Zeit war es somit peinlich, die Wunde offen zu legen. Die Menschen wurden über Flöhe angesteckt, welche von Ratten infiziert waren. Nur wusste das damals niemand. Vadian riet, die Wohnungen gut zu lüften. Doch selbst alles Beten half wenig, und die Pest verbreitete sich auch, als keine Juden mehr da waren. Die Verzweiflung war gross. Pestkranke sollten nicht mehr in die Kirche gehen, der Schulunterricht fiel aus. Menschen waren von ihren von der Pest befallenen, meistens in Siechenhäusern untergebrachten Angehörigen für lange oder für immer getrennt.

Nur selten überlebte jemand die Krankheit, und wenn doch wurde diese Personen als Pestheilige bezeichnet. Vadian verfasste ein in Basel gedrucktes Pestbüchlein. Er riet den Leuten, wenn immer möglich aufs Land zu ziehen und bei Saitenspiel und heiteren Erzählungen der Seele Luft zu verschaffen. Auffallend war, dass die wohlhabenden Menschen am Stadtrand seltener erkrankten. Bei einer starken Epidemie starben von ihnen ein Fünftel, im Stadtkern ein Drittel der Bewohner. Die Flöhe konnten sich im weniger hygienischen Zentrum wohl besser verbreiten.

Bevölkerung erholte sich stets

Die 13. Pest im Jahr 1629 war die schlimmste. Ein Drittel der Stadtbevölkerung starb. Doch trotz dieser Verluste blieb die Bevölkerungszahl in all den Jahren konstant bei 5000. «Nach Epidemien wurde viel geheiratet und viele Kinder auf die Welt gebracht», sagt Frei, der als Quelle Silvio Buchers Buch «Die Pest in der Ostschweiz» angab. Erst im 19. Jahrhundert wurde der Pesterreger entdeckt. Noch 1900 gab es einen Erlass des Bundesrates, was bei Pestverdacht vorzunehmen sei. Heute sterben jährlich 2000 Menschen an der Pest, die mit Antibiotika geheilt werden kann.

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