Als die Ärzte für ihre Anerkennung kämpfen mussten

Am 31. Mai feiert die Ärztegesellschaft des Kantons St. Gallen ihr 150jähriges Bestehen. Sie hat in dieser langen Zeit das Gesundheitswesen stark mitgeprägt. Sie kämpfte an vorderster Front für eine gute Gesundheitsversorgung der Bevölkerung und für den Bau von Spitälern.

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Jakob Laurenz Sonderegger initiierte die Ärztegesellschaft des Kantons St. Gallen vor 150 Jahren. (Bild: Robert Heusser)

Jakob Laurenz Sonderegger initiierte die Ärztegesellschaft des Kantons St. Gallen vor 150 Jahren. (Bild: Robert Heusser)

Initiant für die Gründung der kantonalen Ärztegesellschaft war der Rheintaler Arzt Jakob Laurenz Sonderegger, der den Rheintalischen Ärzteverein präsidierte und gleichzeitig Mitglied beim städtischen Ärzteverein war. Sonderegger wollte in erster Linie Gleichgesinnte um sich scharen, um das damals harte politische Ringen um ein Kantonsspital gewinnen zu können. Er brauchte die Neugründung, um für die Ärzteschaft eine Organisation zu haben, die eine politische Schlagkraft entwickeln konnte. Vorgängerin war die politisch harmlose medizinisch-chirurgische Gesellschaft, die mehr den Charakter einer Lesegesellschaft und eines akademischen Zirkels, aber keine Aussenwirkung hatte.

Pointierte Worte für die Politik

Die neugegründete Organisation war da – geführt von dem kämpferischen Rheintaler. Sonderegger fasste damals die Beweggründe für die Neugründung und die Stimmung an der Gründungsversammlung in wenigen Sätzen pointiert zusammen: «Im Sommer 1862 fanden in unserem Canton, mehrere Hetzjagden auf die patentirte Medicin statt, Gerichtsverhandlungen, aus welchen trotz der unfehlbaren Einsicht des Souveräns Lotteriecollecteure und Curpfuscher mit den niedrigsten Strafen und dem höchsten Glanze hervorzugehen pflegen.»

Zudem sei ein Vorstoss des städtischen Ärztevereins zur Gründung eines Kantonsspitals im Grossen Rat als unnötig abgelehnt und ein Gesuch um Beitritt zum eidgenössischen Medizinalkonkordat durch einen gelehrten Juristen «mit einer Spottrede auf alle Gelehrsamkeit zurückgeschlagen» worden. Deshalb beschlossen am 8. Oktober 1862 61 Ärzte aus allen Gegenden des Kantons im Rathaus zu St. Gallen einstimmig die Gründung des Ärztevereins des Kantons St. Gallen. Bereits zu Beginn traten dem Verein 85 Mitglieder bei. Während der folgenden 15 Jahre führte Sonderegger als Präsident den kantonalen Verein. 1877 folgte ihm Carl Ferdinand Wegelin im Präsidentenamt.

Von unten nach oben gewachsen

Schon dreissig Jahre vor der kantonalen Standesorganisation sind lokale und regionale Ärztevereine entstanden – oft angetrieben von schweren Krankheitswellen, die Angst und Schrecken verbreiteten. Besonders hervorgetan hat sich in dieser Hinsicht die Rheintalische ärztliche Gesellschaft (heute Ärzteverein Rorschach-Rheintal), die in der Grenzregion besondere Erfahrungen in der Seuchenabwehr hatte. Sie trug ihre Anliegen auch in die Politik hinein, beispielsweise 1831, als sie mit einer Petition den Grundstein zur Revision des st. gallischen Sanitätsgesetzes legte. Dieser Ärzteverein ist laut dem ersten überlieferten Protokoll am 23. Februar 1832 als «rheintalisch-medicinische allgem. Gesellschaft» gegründet worden. Im gleichen Jahr erfolgte auch die Gründung des Ärztevereins der Stadt St. Gallen. Diese beiden Vereine standen denn auch bei der Gründung der kantonalen Ärztegesellschaft Pate. Heute tragen sechs regionale Ärztevereine die kantonale Organisation. Die Gründungszeit Mitte des 19. Jahrhunderts stand am Ende eines grossen Umbruchs der Medizin – ja des Beginns der Medizin im heutigen Verständnis. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann die Akademisierung und Professionalisierung des Arztberufes. Man kann es sich heute kaum mehr vorstellen, dass bis in die 1830er-Jahre handwerklich ausgebildete Wundärzte die Bevölkerung insbesondere auf dem Land betreuten: der Arzt als Lehrberuf. Die «Handwerker» hatten in der Medizin aber bald nichts mehr zu suchen: Den Wundärzten wurde die Aufnahme ins Sanitätskollegium verwehrt. Die naturwissenschaftlich ausgebildeten Ärzte übernahmen das Zepter im Gesundheitswesen. Bereits seit 1803 leiteten sie das Sanitätskollegium, kontrollierten das Gesundheitswesen im Kanton St. Gallen, nahmen Zulassungsprüfungen ab und bekämpften andere Heilpraktizierende scharf. Doch die Wundärzte, Naturheiler, Kurpfuscher und Teufelsaustreiber gaben nicht klein bei. Trotz staatlichen Verbots boten sie ihre Dienste feil und waren beim Volk nicht ungern gesehen. So berichten Rolf Wolfensberger und Thomas Dominik Meier in Band 6 der «Sankt-Galler Geschichte» von 2003 etwa vom Bauern und Sticker Johann Jakob Hugentobler (1851–1920), der «das wunderbare Geheimnis (besass), die Gebrechen der Menschen mit einfachen Mitteln zu heilen». Ab 1907 widmete er sich in St. Peterzell ausschliesslich seinen Patienten, und als der Ort mit dem Postauto erschlossen wurde, herrschte an sogenannten «Hugentobler-Tagen (…) reger Personenverkehr». Daran änderte auch eine bezirksgerichtliche Verurteilung zu einer 50-Franken-Busse nichts.

Kurpfuscher und Heiler

Allerdings – dass die Heiler, Kurpfuscher und Teufelsaustreiber zu Beginn neben der Schulmedizin Platz fanden, liegt nicht nur am Glauben der einfachen Leute an Wunderheiler, sondern auch daran, dass die Schulmedizin anfänglich nur beschränkt erfolgreich war. Ihre Möglichkeiten waren begrenzt, die Arzneien bescheiden. Dazu kamen die Misserfolge der Chirurgie, bei deren Eingriffen in den 1840er- und 1850er-Jahren rund die Hälfte der Patienten an Wundbrand erkrankte. Unwissenheit über Infektionen trug wesentlich zu diesem schlechten Ergebnis bei. Hygiene war noch nicht weit gediehen, selbst das Waschen der Hände vor einem ärztlichen oder chirurgischen Eingriff war damals keine Selbstverständlichkeit. Es hätte auch kaum viel genützt, weil das fliessende Wasser selbst in Spitälern fehlte oder von so schlechter Qualität war, dass Regenwürmer und Insekten aus den Hähnen kamen.

Später gab es zwar in der Chirurgie sensationelle Erfolge, und die ausübenden Ärzte von damals waren stolz auf ihre Fähigkeiten, Fertigkeiten und Möglichkeiten. Allerdings brachten diese Fortschritte damals für die Allgemeinheit wenig, weil zu jener Zeit Tuberkulose, Cholera, Typhus und Brechdurchfall bei Säuglingen die Menschen oft in Massen dahinrafften.

Schulmedizin setzt sich durch

Mit zunehmendem Erfolg der Schulmedizin begannen sich die Mediziner der damaligen Zeit als Experten der Gesundheitsvorsorge und des Gesundheitswesens einzurichten. Unterstützt wurde diese Entwicklung durch den zunehmend mehr intervenierenden Staat. Schulmedizin und Staat setzten Normen und schufen Institutionen. Das öffentliche Gesundheitswesen begann sich zu entwickeln und regelte, was zu regeln war. Es ging aber nicht nur um die Gesundheit des Volkes, sondern auch um Rivalitäten konkurrierender medizinischer Berufe und um die Sicherung der Standesprivilegien.

Markus Löliger

Amputations- und Sezierbesteck mit der Knochensäge am hinteren Rand der Holzschatulle (Anfang 20. Jahrhundert). (Bild: Donato Caspari)

Amputations- und Sezierbesteck mit der Knochensäge am hinteren Rand der Holzschatulle (Anfang 20. Jahrhundert). (Bild: Donato Caspari)

Ärztliche Instrumente: Speculum zur Untersuchung der Scheide (undatiert), Klistierspritze zur Darmspülung (19. Jh.), Kolp- und Metreurinther zur Dehnung von Scheide und Muttermund (undatiert). (Bild: Donato Caspari)

Ärztliche Instrumente: Speculum zur Untersuchung der Scheide (undatiert), Klistierspritze zur Darmspülung (19. Jh.), Kolp- und Metreurinther zur Dehnung von Scheide und Muttermund (undatiert). (Bild: Donato Caspari)

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