«Alles, nur nichts Langweiliges»

Er war Gründer des Cabarets Sälewie, Leiter der Kellerbühne, der erste Kulturbeauftragte der Stadt, und er textete sogar manche «Emil»-Nummer: Anfang Monat ist Renward Wyss 86jährig gestorben.

Fred Kurer
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Renward Wyss 27. Juni 1927 – 5. Februar 2014 (Bild: pd)

Renward Wyss 27. Juni 1927 – 5. Februar 2014 (Bild: pd)

Der Abschied am 12. Februar im «Feldli» verlief, wie Renward Wyss es sich gewünscht hatte: ohne Aufhebens, im allerengsten Kreis. Ginge es nach ihm, dürfte auch dieser Nachruf hier nicht erscheinen: «Nur kein Brimborium!» Und: «Lass meinen Namen aus dem Spiel!» Wie oft hat er diesen Satz nach dem Texten fürs «Sälewie», fürs Figurentheater geäussert: «Wir sind ein Autorenkollektiv, basta. Wer was geschrieben hat, geht niemanden was an.» Niemand sollte auch erfahren, dass viele «Emil»-Nummern aus seiner Feder stammten, etwa die letztes Jahr im KKL Luzern aufgewärmte «Der achte Bundesrat».

Renward Wyss wurde in Rorschach geboren. Seine alleinerziehende Mutter hatte ihre liebe Mühe mit ihm. Auch die Lehrer. Im Lehrerseminar blühte er dann auf. Dort galt es ja auch, Theater zu machen. Vom «Sommernachtstraum» mit ihm als Puck hat Renward Wyss bis zuletzt geschwärmt. Der Rest des Seminars? Jedenfalls machte er das Patent, und war ab sofort der einzige patentierte Primarlehrer, der nie einen Fuss in eine «normale Schule» setzen sollte. Für seine erste Stelle wählte er den «Platanenhof»: Arbeit mit Schwererziehbaren. Devise: «Alles, nur nichts Langweiliges».

Als Mann an Frauenfachschule

1957 heiratete er die frisch aus den USA heimgekehrte Margrith (Magi), die ihm eine liebe und verständnisvolle Partnerin blieb sein Leben lang. Sechs Jahre später erblickte Tochter Krista die Welt. In St. Gallen startete Renward Wyss an der Gewerbeschule ohne entsprechende Ausbildung. Später lehrte er als fast einziger Mann an der «Frauenfachschule», auch dort recht unkonventionell: mit Exkursionen in Betriebe, Spitäler, Gärten, Läden, Museen. Und Theater selbstverständlich. Gemeinsam mit dem Stadttheater gründete er das Projekt «Bühne frei» und den Theatertag: Alle Jugendlichen sollten einen ganzen Tag im Theater erleben, von Backstage über Proben und Mittagessen mit Künstlern bis und mit Abendvorstellung.

Seine wahre Liebe, das Cabaret

Seine wahre Liebe aber gehörte dem Cabaret. Erst noch als Spieler im «Sowieso», später, nach dem Ausbuddeln des Kellers am Müllertor, wo er kräftig mit Hand anlegte, als Gründer, Chef und Regisseur beim «Sälewie». 1975 wurde er zum künstlerischen Leiter der Kellerbühne berufen. Sein Vorgänger hatte ein Riesendefizit herbeigeritten, um zu zeigen, dass der Betrieb mit den gewährten Geldern und in unbezahlter Freizeitarbeit unmöglich weitergeführt werden konnte. Der Stadtrat hatte ein Einsehen: Neu nun führte der Leiter das Kleintheater im Halbamt; gleichzeitig schuf er die Stelle «Kulturbeauftragter», ebenfalls ein Halbamt. Renward Wyss übernahm, versorgte und prägte beide Ämter bis 1983. Als Kulturbeauftragter half er aufmerksam: ein Akteur sehr im Hinter- und Untergrund, so sehr, dass seine Arbeit gelegentlich unterschätzt wurde.

Von den vielen Spielorten seines Lebens trat er quasi unbemerkt zurück und lebte zuletzt, sehr zurückgezogen, mit seiner Frau Magi in der «Kursana».

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