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AKTIVISTIN: Beharrlich für den Frieden

Die 75-jährige Christina Dieterle demonstriert jeden Donnerstag in der Innenstadt für mehr Solidarität mit Flüchtlingen. Die passionierte Geigerin hat sich von der Kirche losgesagt, nicht aber vom Glauben.
Matthias Fässler
In ihrem Garten: Christina Dieterle mit einem Flyer für das Solidaritätszeichen (Bild: Hanspeter Schiess)

In ihrem Garten: Christina Dieterle mit einem Flyer für das Solidaritätszeichen (Bild: Hanspeter Schiess)

Matthias Fässler

matthias.faessler@tagblatt.ch

Christina Dieterle erzählt die Geschichte, als wollte sie ihr eigenes Handeln erklären. Als die Schweizer Landesregierung während des Zweiten Weltkriegs die Grenze für jüdische Flüchtlinge schloss, erhob eine Frau ihre Stimme: Gertrud Kurz. Die «einfache Hausfrau», wie sie sich selber nannte, ging jeden Tag zu Fuss ins Bundeshaus und versuchte, den Bundesrat umzustimmen. Ihre Beharrlichkeit zahlte sich aus. Die Landesgrenze, an der gemäss Bergier-Bericht rund 24000 Flüchtlinge abgewiesen wurden, wurde teilweise geöffnet. Gertrud Kurz, später «Flüchtlingsmutter» genannt, war mit Christina Dieterles Vater befreundet und ist ihr als Vorbild geblieben: bodenständig, nahbar und beharrlich in der Sache.

Aktuell organisiert Christina Dieterle das sogenannte Solidaritätszeichen, eine migrationspolitische Mahnwache, die jeden Donnerstag, 17.30 Uhr, in der St. Galler Innenstadt stattfindet.

Kritik an der offiziellen Kirche

Eigentlich wolle sie gar nicht über ihre Person sprechen, sagt Dieterle gleich zu Beginn des Gesprächs in ihrer Wohnung am Rande des Schoren-Quartiers: «Was interessiert die Geschichte einer alten Frau bei dem ganzen Elend auf der Welt?» Sie drückt einem ein Zitat des chinesischen Künstlers Ai Weiwei in die Hand, das sie aus der Zeitung kopiert hat und stets bei sich trägt. Die Grenzen Europas würden aktuell zum Schauplatz eines Massenmordes, sagt Weiwei. Es sind die grossen Themen und Zusammenhänge, die Dieterle zeit ihres Lebens beschäftigen: Migration, Frieden und Gerechtigkeit.

Dieterle wurde in eine Friedensorganisation hineingeboren, wie sie erzählt. Ihr Vater war Pfarrer. Sie sagt es, wie so oft, in einem schicksalhaften Ausdruck, als hätte sie gar nicht anders gekonnt, als die Stimme für den Frieden zu erheben. Ihr anfänglich starker Bezug zur Kirche sollte sich jedoch grundlegend wandeln. Da ihr eine klare Haltung zu Gunsten von Flüchtlingen fehlte, distanzierte sie sich zunehmend von der offiziellen Kirche. Nicht jedoch vom Christentum und dem Neuen Testament, das für sie bis heute eine wichtige Inspirationsquelle ist. «Wenn die Kirche das Neue Testament ernst nehmen würde, wäre vieles anders», sagt sie. «Jesus war ein Revolutionär, einer von unten.»

Gewaltfreier Widerstand

Politisiert wurde Dieterle Mitte der 1970er-Jahre mit dem Protest gegen das Atomkraftwerk in Kaiseraugst. Wenn sie daran zurückdenkt, gerät sie ins Schwärmen: «Das war eine wunderschöne Zeit, all die Leute, die kreative Energie, das gemeinsame Anliegen».

Wer für den Frieden kämpft, kommt nicht umhin, sein eigenes Verhältnis zur Gewalt zu definieren. Die heute 75-Jährige tat dies immer wieder, ob in Kaiseraugst oder heute beim Solidaritätszeichen, indem sie sich ganz dem gewaltfreien Widerstand verschreibt. Vehement und radikal in der Sache, aber immer friedlich in den Mitteln.

Die grossen Protestbewegungen scheinen heute zwar verschwunden, doch im Kleinen macht Dieterle weiter: Im August 2017 hat sie das Solidaritätszeichen ins Leben gerufen. Dabei wird jeweils ein Zitat auf einem Transparent gezeigt: «Wir sind nicht Fremde, wir sind Schwestern und Brüder einer Menschheit», steht da. Oder «In den Menschen der Migration liegt ein ungeahntes, wertvolles Potenzial». Die Solidaritätszeichen seien natürlich auch Ausdruck einer gewissen Ohnmacht, gesteht Dieterle. «Aber irgendetwas müssen wir doch machen. Wenn wir jede Woche da stehen, werden wir doch wahrgenommen.»

Engagement ohne Internet

Die Aktivistin sammelt Zeitungsartikel, archiviert sie feinsäuberlich und hat sie immer griffbereit. Etwa jenen Leserbrief, auf den sie besonders stolz ist. Er trägt den Titel «Blick auf grosse Zusammenhänge» und beschreibt die Verbindung von kolonialer Ausbeutung Afrikas durch Europa und den heutigen Migrationsbewegungen. Es sei ja schon absurd, sagt Dieterle. Wir könnten an alle Ecken der Welt fliegen, anderen werde diese Bewegungsfreiheit vorenthalten. «Jeder Mensch sollte das Recht haben, dort hinzugehen, wo er will.»

Dieterle mobilisiert für die Solidaritätszeichen mit handgeschriebenen und kopierten Flyern. Bis heute kommt sie ohne Internet und Handy aus. «Ich habe das Glück, dass ich für meinen Beruf nicht darauf angewiesen bin.» Dieterle ist professionelle Geigerin, unter anderem im Quartett «gad ase». Und sie spielt so leidenschaftlich, wie sie für den Frieden einsteht.

Beim Solidaritätszeichen seien sie manchmal zu zweit, meist aber mehr. Dieterle selbst ist immer da. «Mir ist es nicht wohl, im Wohlstand zu leben, wenn Millionen von Menschen im Elend leben», sagt sie. «Ich fühle mich verantwortlich, etwas zu geben.»

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