Achtung, die Alamannen kommen

ST.GALLEN. Als Beroharti trägt er Wurfspeer, Holzschild und Kettenhemd. Im richtigen Leben ist er pensionierter Kriminalpolizist. Peter Mäder kommt am Sonntag mit seiner Alamannengruppe Adalar ins Historische und Völkerkundemuseum St.Gallen.

Christina Weder
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Sie könnten einem das Fürchten lehren: Peter Mäder alias Beroharti (dritter von links) mit seiner Alamannengruppe Adalar. (Bild: pd)

Sie könnten einem das Fürchten lehren: Peter Mäder alias Beroharti (dritter von links) mit seiner Alamannengruppe Adalar. (Bild: pd)

Wenn sich Peter Mäder das Kettenhemd überstreift und den Helm aufsetzt, schlüpft er in die Rolle von Herzog Beroharti. Und taucht ins 6. Jahrhundert nach Christus ein. Sich zu verkleiden ist für Mäder längst nicht alles. Für ihn gehört mehr dazu.

Er will möglichst viel über die Lebensweise der Alamannen erfahren und erfahrbar machen. Vor neun Jahren hat er deshalb die Adalar-Sippe gegründet, die am Sonntag im Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen zu Besuch ist. Sie zählt aktuell sechs aktive Mitglieder, darunter auch Mäders Frau.

Im richtigen Leben hat Peter Mäder bei der Kriminalpolizei Zürich gearbeitet, seit zwei Jahren ist er pensioniert. Er sagt über sich: «Ich war schon immer neugierig und forschend.»

Vom Bogenbauer zum Forscher

In der Schule war Geschichte sein Lieblingsfach. Zuerst haben ihn Indianer fasziniert. Vor 20 Jahren rutschte er dann – eher zufällig – in die Mittelalterszene. Er gab damals Kurse als Bogenbauer und wurde angefragt, an einem Mittelaltermarkt teilzunehmen. «Ich überlegte mir also, was ich anziehen sollte.» Mäder kaufte sich ein Schnürhemd und ein Deko-Schwert. Doch er fühlte sich alles andere als wohl damit. Am liebsten hätte er sich in die hinterste Ecke des Marktstandes verkrochen. «Ich schämte mich so, denn es war überhaupt nicht authentisch.»

Mäder beschloss, sich seriös mit den Alamannen zu beschäftigen. Von der Mittelalterszene distanziert er sich lieber: «Da frisst man Wurst, säuft Bier und läuft mit dem Schwert herum.» Das sei lustig, und er habe nichts dagegen einzuwenden. Doch ihm gehe es nicht bloss ums Spektakel und ums Verkleiden.

Mäder kann sich ganz schön ins Feuer reden, wenn es um die Alamannen geht. Besonders am Herzen liegt ihm das alte Handwerk. Er versucht, Gegenstände des alltäglichen Lebens möglichst originalgetreu zu rekonstruieren. In wochenlanger Arbeit schmiedet er Schwertklingen, stellt Möbelstücke her, fertigt Gürtelschnallen. Oder baut die Leier von Trossingen nach, ein Musikinstrument, das einem vornehmen Alamannen ins Grab mitgegeben worden war.

In der Topliga der Schautruppen

Laut Sarah Leib, Kuratorin der aktuellen Ausstellung «Römer, Alamannen, Christen» im Historischen und Völkerkundemuseum, spielt die Adalar-Sippe in der Topliga der Schautruppen. Sie sei vergleichbar mit den römischen Legionären der Legio XI, die auch schon im Historischen und Völkerkundemuseum zu Gast waren. Es handle sich um Allrounder, die vom Bett über den Kerzenständer bis zum Schmuckstück alles rekonstruieren. «Sie kommen dabei der historischen Realität, wie wir Wissenschafter sie sehen, sehr nahe – auch wenn sie gelegentlich Kompromisse machen müssen, etwa bei den Frisuren», sagt Sarah Leib. Denn darüber, wie die Alamannen die Haare getragen haben, geben nur wenige Abbildungen oder gut erhaltene Moorfunde Auskunft.

Mit den Rekonstruktionen, welche die Adalar-Sippe am Sonntag mitbringt, ist zudem das möglich, was im Museum sonst nicht erlaubt ist: anfassen und ausprobieren.