ABTWIL: Musizieren für den Seelenfrieden

Gerhard Heuberger möchte Asylsuchenden eine sinnvolle Beschäftigung geben und musiziert wöchentlich mit ihnen. Während des Unterrichts lernen sie auch anderes – ganz nebenbei.

Angelina Donati
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Der Asylsuchende Nader Mirzaii übt auf dem Piano. Sein Sohn würde am liebsten auch mitspielen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Der Asylsuchende Nader Mirzaii übt auf dem Piano. Sein Sohn würde am liebsten auch mitspielen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Angelina Donati

angelina.donati

@tagblatt.ch

«Bruder Jakob, Bruder Jakob! Schläfst du noch? Schläfst du noch?»: So tönt es an diesem Nachmittag aus dem offenen Fenster des katholischen Kirchgemeindehauses in Abtwil. Eine kleine Gruppe Männer aus Sri Lanka, Syrien und Afghanistan sitzt zusammen an einem Tisch und gibt das französische Kinderlied zum Besten. Lehrer Gerhard Heuberger hört währenddessen genau hin, gibt mit der Hand den Takt an und korrigiert, wenn nötig. «Ja, genau so», lobt er einen jungen Mann aus Afghanistan.

Zu diesem sozialen Einsatz kam der Abtwiler unkompliziert: «Ich besuchte die Asylsuchenden aus Abtwil im Deutschunterricht und fragte sie, wer Lust habe, mit mir zu musizieren», erzählt Heuberger. Die Begeisterung bei den jungen Männern war sofort da. «Sie sind richtig motiviert.» Mit dem Musikunterricht will Heuberger den Asylsuchenden eine sinnvolle Beschäftigung geben. Sie alle sind seit etwas mehr als einem Jahr in der Schweiz, haben Asyl beantragt und befinden sich in einer Art Wartezustand. «Mein Leben besteht nur aus Essen und Schlafen», sagt ein Mann aus Sri Lanka. Er und seine Kurskollegen hoffen, bald die Bewilligung F zu erhalten, um endlich arbeiten zu dürfen. «Die Musik bringt sie auf andere Gedanken. Beim Musizieren können sie abtauchen und für kurze Zeit ihre Sorgen und Ängste ausblenden», ist sich Heuberger sicher.

Neuland und sprachliche Barriere

Ein grosses Echo gab es, als der Abtwiler mittels Aufruf im ­«Gaiserwalder Gemeindeblatt» nach gebrauchten, nicht mehr ­benötigten Instrumenten suchte. «Ich war überrascht, wie viele Personen sich gemeldet und uns bestens erhaltene Instrumente abgegeben haben.» Dank der Auswahl spiele nun jeder der ­sieben Männer sein Wunsch­instrument. Besonders rhyth­mische Instrumente haben es ihnen angetan.

So einfach auch alles klingen mag – das Musizieren ist für die Asylsuchenden Neuland. Keiner von ihnen hat zuvor in seiner Heimat ein Instrument gespielt, wie sie erzählen. «Nur gesungen», sagt Juan Ali aus Syrien. Hinzu kommt die sprachliche Barriere. Obwohl sich einige von Heubergers Schülern schon ziemlich gut auf Deutsch verständigen können, gibt es viel Erklärungsbedarf. «Damit sie mich verstehen, muss ich mich oft mehrmals wiederholen», sagt Heuberger, der den Kurs seit Februar anbietet. Er nimmt’s aber gelassen. Bei den Umschreibungen mit bildlichen Beispielen würden die fremdsprachigen Männer gleich noch andere Wörter lernen. Und auch bei Gesprächen zwischendurch, bei denen es nicht nur um Musik geht, lernen sie etwas dazu. «Zudem können sie so untereinander Kontakt knüpfen und Freundschaften schliessen.» Ein grosses Augenmerk legt Heuberger auf die Musiktheorie. «Es wäre schade, ihnen einfach nur ein Instrument in die Hand zu drücken und gut ist. Sie sollen verstehen, um was es geht.» Die ausführlichen Erklärungen zur Musik, die Gerhard Heuberger abgibt, lassen keineswegs erkennen, dass er eigentlich gar kein Musiklehrer ist. Schon sein ganzes Leben sei er mit der Musik verbunden, sagt der pensionierte Leiter Transportlogistik. Er habe Blasmusik gespielt, stand im Militär als Spielführer im Einsatz und war jahrzehntelang Dirigent in Blasmusikformationen.

Besser Taten sprechen lassen statt nur zu kritisieren

Nach dem zweistündigen Unterricht, der jeden Montag stattfindet, sind Schüler und Lehrer jeweils richtig erschöpft. «Es ist aber eine schöne Müdigkeit», sind sich alle einig. Genug haben sie trotzdem noch längst nicht: ­Jeden Tag übt jeder noch für sich selbst zu Hause. «Jeweils eine Stunde», sagt Nader Mirzaii aus Afghanistan.

«Es sind alles sehr flotte Männer. Sie versprühen viel Freude und Enthusiasmus», sagt Gerhard Heuberger begeistert. Mit dem Musikunterricht möchte er auch dem oft nur negativ behaftetem Thema Asyl entgegenwirken. «Es ist doch besser, Taten sprechen zu lassen, statt nur zu kritisieren.» Der Abtwiler hofft, dadurch auch andere mitreissen zu können.