ABTWIL: «Ich muss nicht der Beste sein»

Seit 2016 leitet Sergio Rageth das Schulheim Langhalde hoch über Abtwil. Er trat die Aufgabe in einer schwierigen Zeit an. Und auch die Zukunft birgt Herausforderungen.

Noemi Heule
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Sergio Rageth wacht seit 2016 über das Schulheim Langhalde in Abtwil. (Bild: Urs Bucher)

Sergio Rageth wacht seit 2016 über das Schulheim Langhalde in Abtwil. (Bild: Urs Bucher)

Noemi Heule

noemi.heule@tagblatt.ch

Vor einer malerischen Kulisse thront das Jugendstilhaus Langhalde hoch über Abtwil. Davor posiert Sergio Rageth für ein Foto und nimmt eines gleich vorweg: «Den Bart lasse ich mir nur für eine Theaterrolle wachsen», sagt er. Vor Weihnachten schlüpft er in die Figur von König Herodes. Ein Bösewicht, das ist Rageth im wahren Leben wahrlich nicht: Der 60-Jährige führt das sprichwörtliche Zepter im Schulheim Langhalde seit Anfang 2016. Er übernahm den Posten nach einem schwierigen Jahr für die Institution.
 

Schulische und soziale Kompetenzen fördern

Da sein Vorgänger im Alpstein tödlich verunglückte, haben zwei interne Personen interimistisch die Co-Leitung übernommen, bevor Rageth die Aufgabe des ­Institutionsleiters übernahm. Er war zuvor 15 Jahre lang für den Verein Rhyboot im Rheintal tätig. Eine Aufgabe mit Menschen mit Behinderungen, die er eigentlich bis zur Pension ausführen wollte. Dennoch meldete er sich, als er auf die Stelle in der Langhalde aufmerksam wurde. Vorerst «um den eigenen Marktwert zu prüfen». Schnell sagte ihm die Stelle in der Institution zu, die um ein Vielfaches kleiner ist als das Rhyboot. «Hier kann und muss man individuell auf die Schüler eingehen», sagt er. Der ganzheitliche Ansatz, dass sowohl schulische als auch soziale Kompetenzen gefördert werden, das gefalle ihm besonders an der Aufgabe.

Die Langhalde nimmt Jugendliche mit Verhaltensauffälligkeiten und/oder Lernbehinderung auf, die in der Regelklasse durch die Maschen fallen. 26 Schüler werden derzeit in der Langhalde beschult. Davon sind 22 im Internat, 4 weitere aus der näheren Umgebung besuchen die Tagesschule. Die Kinder und Jugendlichen von der 3. bis zur 9. Klasse benötigen eine enge Betreuung und die Klassen sind dementsprechend klein. Fünf Kinder pro Jahrgang werden jeweils in Doppelklassen von bis zu zwei Lehrpersonen beschult. Neben dem normalen Schulalltag helfen die Kinder im Haushalt mit oder eignen sich – wie an diesem Nachmittag – praktisches Wissen an, das ihnen später in der Berufslehre zugute kommt. So werken zwei Schüler an einem neuen Holzzaun vor dem Haus, ein anderer hilft in der Küche, zwei Kameraden führen erste Vorbereitungen für den Tag der offenen Tür am Samstag aus.
 

Ponys werden aus Spargründen nicht ersetzt

Sergio Rageth hat in der Langhalde keine einfache Aufgabe gefasst. Sparübungen fordern momentan viel seiner Arbeitszeit ein. Ab nächstem Jahr übernimmt der Kanton keine Defizitgarantie mehr, wie er das bisher getan hatte; das Heim muss selbsttragend sein. Viel, was das Schulheim bisher auszeichnete, muss er deshalb hinterfragen. Etwa die Ponys, die in der Vergangenheit zur Langhalde gehörten. Alle drei Tiere sind mittlerweile verstorben. Sie zu ersetzen, komme nicht in Frage, für den Betreuungsaufwand fehlt das Geld. Dafür grasen auf der Wiese momentan Alpakas, die auf der Langhalde Gastrecht geniessen.

«Ich bin Realist», sagt Rageth. Er versuche das Schulheim ohne Defizit in die Zukunft zu führen und gleichzeitig Qualitätseinbussen wo immer möglich zu verhindern. Gleichzeitig sei es immer schwieriger, das Haus überhaupt zu füllen, da auch Sonderfälle möglichst lange in die Regelklassen integriert werden. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern, die das Schulheim führten, ist Rageth kein Heilpädagoge, sondern Sozialpädagoge. «Die Arbeit im Heim steht mir fachlich näher als jene in der Schule.» Rageth wird von einem Schulleiter unterstützt.
 

Mit Fachpersonen nach Lösungen suchen

Er nehme seine Führungsaufgabe denn auch übergeordnet wahr: «Ich muss nicht überall der Beste sein.» Vielmehr gelte es, zu­sammen mit den qualifizierten Fachpersonen im Heim nach Lösungen zu suchen. Für die kommenden fünf Jahre bis zur Pensionierung hat sich Sergio Rageth keine grossen Ziele gesteckt. Stattdessen möchte er das Schulheim nach einer schwierigen Zeit für die Zukunft gut aufstellen.

Tag der offenen Tür

Übermorgen Samstag, von 10 bis 16 Uhr, lädt das Schulheim Langhalde zum traditionellen Tag der offenen Tür. Der Anlass bietet Gelegenheit, mit Sergio Rageth den neuen Leiter der Institution kennen zu lernen und einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Gosse und kleine Besucher können vor Ort Adventskerzen ziehen. Zudem gibt es laut Mitteilung einen Basar, wo Kinder und Jugendliche aus der Langhalde ihre Bastelarbeiten feilbieten. Neu können Kinder in der Turnhalle zudem ihre Kletterkünste unter Beweis stellen und für die kleinsten Gäste öffnet um 12.30 und 13.30 Uhr das Märlizimmer. Für die Mittagsverpflegung ist in der Kaffee- und Teestube gesorgt. (pd/nh)