ABTWIL: 2500 Pfeifen geht’s an den Staub

Auf der Empore der katholischen Kirche herrscht derzeit ein organisiertes Chaos. Nach 25 Jahren wird erstmals die Orgel revidiert. In viel Handarbeit und zum Schluss mit ohrenbetäubendem Lärm.

Corinne Allenspach
Drucken
Teilen
Lehrtochter Nicole Kaiser löst mit einem Pfeifenputzer den Dreck in jeder Orgelpfeife. Danach wird er abgesaugt. (Bild: Heller Claudio)

Lehrtochter Nicole Kaiser löst mit einem Pfeifenputzer den Dreck in jeder Orgelpfeife. Danach wird er abgesaugt. (Bild: Heller Claudio)

Auf der Empore der Abtwiler Pfarrkirche traut man sich im Moment kaum, einen Schritt rückwärts zu machen. Überall liegen stapelweise Orgelpfeifen. Die kleinste mit einem klingenden Teil von rund 7 Millimetern, die grösste mit 5,5 Metern. Insgesamt sind es etwa 2500 Pfeifen, die in den nächsten Wochen fein säuberlich gereinigt und wieder frisch gestimmt werden müssen. Eine Aufgabe, die unzählige Handgriffe verlangt. Nachdem jede einzelne Pfeife ausgebaut ist, wird der Schmutz im Innern zuerst mit einem Pfeifenputzer gelöst und dann abgesaugt. «Der Staubsauger ist unser bester Freund», sagt Christian Musch und lacht. Der 36-Jährige hat eine Ausbildung als Orgelbauer absolviert. Seit nunmehr 18 Jahren macht er Orgelrevisionen für die 150 Jahre alte Firma Goll aus Luzern. «Ein super schöner Job», bei dem man viel auf Reisen sei, bis nach Norwegen. In Abtwil wird er unterstützt von Lehrtochter Nicole Kaiser. Sie ist schweizweit eine von nur drei Lehrlingen im zweiten Lehrjahr. «Wir brauchen dringend mehr Nachwuchs, sonst stirbt unser Handwerk irgendwann aus», sagt Musch.

Nach der Reinigung stellt Orgelrevisor Christian Musch jede einzelne Pfeife wieder an den richtigen Platz. (Bild: Heller Claudio)

Nach der Reinigung stellt Orgelrevisor Christian Musch jede einzelne Pfeife wieder an den richtigen Platz. (Bild: Heller Claudio)


Durchschnittlich alle 20 bis 25 Jahre muss eine Orgel komplett revidiert werden. Für die Abtwiler Orgel, die 1991 im Gehäuse der früheren Orgel neu gebaut und eingeweiht wurde, ist es die erste Revision. 100'000 Franken haben die Kirchbürger an der letzten Versammlung dafür gesprochen. «Diskussionslos und einstimmig», freut sich Hans-Rudolf Arta, Präsident der Katholischen Kirchgemeinde Abtwil-St.Josefen. Zudem 90'000 Franken für die Kirchenreinigung. «Wir sind sehr dankbar für dieses Vertrauen.»

Auch Vögel hinterlassen ihre Spuren
Um zu demonstrieren, was sich in 25 Jahren so alles ansammelt, nimmt Christian Musch eine Orgelpfeife, dreht sie um – und eine beachtliche Menge Staub rieselt auf seine Hand. Die Abtwiler Orgel sei den Jahren entsprechend verschmutzt, sagt er. Man merke den Feinstaub der nahen Autobahn und den Russ, der in katholischen Kirchen von den Kerzen anfalle. «Aber die Staubmenge zeigt auch, dass es ein Gotteshaus ist, in dem viele Leute ein- und ausgehen.» Und zuweilen auch Vögel: Deren Hinterlassenschaften musste Musch vom Dach der Orgel entfernen. In anderen Kirchen hat er auch schon erlebt, dass Vögel in die Orgelpfeifen gefallen und dort gestorben sind.

Gut zwei Monate sind eingeplant für die Revision der 36 Register grossen Abtwiler Orgel mit ihrer breiten Klangpalette. Spätestens zum Kirchenfest vom 19. März werde sie in neuer Frische erklingen. Die Reinigungsarbeiten sind das eine. Christian Musch und Nicole Kaiser werden zudem rund drei Wochen lang nur damit beschäftigt sein, jede Pfeife auf ihren Klang zu überprüfen. Volle Konzentration ist in den letzten drei Tagen gefordert, bei der Generalstimmung. Dann gibt das Stimmgerät für jede der 2500 Pfeifen den Ton an – und Musch passt ihn nach Gehör an. Bis zu neun Stunden pro Tag hat er dann den Ton im Ohr. «Das hat nichts mehr mit Romantik zu tun, das ist nur noch Lärm.»