ABSTIMMUNGSVERHALTEN: Den Akademikergraben gibt es nicht

Politologen sehen in der Schweiz einen politischen Stadt-Land-Graben, der mit der steigenden Zahl von Akademikern in den Städten noch zunehme. Im Kanton St. Gallen bestätigt sich dieses Bild nicht.

Adrian Vögele
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Die Stadt-Land-Gegensätze bei Bildungsniveau und Abstimmungsverhalten sind im Kanton St. Gallen weniger eindeutig, als man meinen könnte. (Bilder: Ralph Ribi/Hannes Thalmann)

Die Stadt-Land-Gegensätze bei Bildungsniveau und Abstimmungsverhalten sind im Kanton St. Gallen weniger eindeutig, als man meinen könnte. (Bilder: Ralph Ribi/Hannes Thalmann)

Adrian Vögele

adrian.voegele@tagblatt.ch

In der Schweizer Politlandschaft hat der Stadt-Land-Graben den Röstigraben abgelöst. Zu diesem Ergebnis kam Ende 2016 eine Studie der ETH Lausanne. Beim Abstimmungsverhalten zeigen sich die markantesten Gegensätze nun zwischen den Städten, der Romandie und dem Tessin einerseits und den ländlichen Gebieten und Agglomerationen der Deutschschweiz andererseits. Politgeograf Michael Hermann sieht eine Ursache für diese Entwicklung in der wachsenden Zahl von Akademikern in den Städten. «Der Bildungsunterschied ist der Hauptgrund, warum der Stadt-Land-Graben weiter wächst», sagte er vor ­kurzem gegenüber der «Schweiz am ­Wochenende». In den grossen Städten wächst der Anteil der Akademiker in der Bevölkerung stark. In Zürich haben über 45 Prozent der über 15-Jährigen einen Tertiärabschluss, in Bern und Genf liegt der Wert ebenfalls über 40 Prozent – Tendenz steigend.

In der Stadt St. Gallen ist der Anteil mit 31 Prozent deutlich tiefer. Sie liegt auch nicht kantonsweit an der Spitze, sondern auf Platz vier: Am meisten Akademiker hat gemäss den aktuellsten statistischen Daten Mörschwil (41 Prozent), gefolgt von Eichberg und Zuzwil. Zwar nimmt der Anteil der höher Gebildeten in den meisten St. Galler Städten zu, doch dieselbe Tendenz zeigt sich auch in Agglomerations- und Landgemeinden, und zwar teils sogar stärker als in den Zentren. Zwischen 2011 und 2014 nahm der Akademikeranteil am stärksten in Eichberg zu – um fast 10 Prozent. Unter den zehn Gemeinden mit dem stärksten Anstieg sind die Städte nicht vertreten. In 20 Gemeinden in verschiedenen Regionen des Kantons nahm der Wert ab, einzige Stadt in dieser Gruppe ist Rorschach (–0,8 Prozent).

Gemischtes Bild bei Abstimmungsresultaten

Ein St. Galler Stadt-Land-Graben ist nicht nur beim Bildungsgrad schwer auszumachen. Auch beim Abstimmungsverhalten ist das Bild gemischt: Klar zutage trat der Graben bei der Vorlage zur erleichterten Einbürgerung im vergangenen Februar: Die drei grössten Städte stimmten dafür – in St. Gallen und Rapperswil betrug die Zustimmung über 60 Prozent – auf dem Land hingegen lautete die Antwort fast überall Nein, im Oberrheintal etwa mit über 70 Prozent. Die Gegner im Kanton setzten sich schliesslich knapp durch – mit 50,2 Prozent. Eine klare Tendenz zum Stadt-Land-Graben in St. Gallen gab es auch beim Atomausstieg, der Durchsetzungs-Initiative, der Präimplantationsdiagnostik und der Gripen-Beschaffung. In den meisten Abstimmungen jedoch lässt sich keine solch deutliche Polarisierung beobachten.

«Eine grosse Spaltung zwischen Stadt und Land sehe ich im Kanton St. Gallen nicht», sagt der Berner Politologe Werner Seitz. Der gebürtige St. Galler hat eine Monografie über die Geschichte der politischen Gräben in der Schweiz geschrieben. Generell trete das Phänomen «Stadt-Land-Graben» nicht permanent auf, sondern vor allem in bestimmten Themenfeldern wie der Aussen- und Ausländerpolitik sowie bei Wertefragen. «Das sind jedoch Themen, die grosse Beachtung finden», sagt Seitz. Darum werde auch oft über den Stadt-Land-Graben diskutiert. «Dabei ist dieser gar nicht eindeutig definierbar: Wo hört die Stadt auf, wo fängt das Land an?»

«Ostschweizer Städte stimmen wohl weniger progressiv»

In der Romandie sind die Unterschiede im Abstimmungsverhalten zwischen städtischen und ländlichen Gebieten eher kleiner als in der Deutschschweiz. «Das liegt daran, dass das Land dort ­progressiver ist», sagt Seitz. Für die Ostschweiz und den Kanton St. Gallen sei möglicherweise das Gegenteil der Fall: «Meine These nach einer groben Sichtung der Abstimmungsergebnisse lautet, dass die Ostschweizer Städte weniger progressiv abstimmen und daher der Stadt-Land-Graben hier weniger aus­geprägt ist als in anderen Teilen der Deutschschweiz.»

Die eingangs erwähnte Studie der ETH Lausanne kommt zum Schluss, dass das System mit Volks- und Ständemehr nicht mehr zeitgemäss sei: Die Städte bräuchten mehr politisches Gewicht. «Es ist verständlich, dass solche Fragen thematisiert werden», sagt Werner Seitz dazu. Entsprechende Forde­rungen gehörten zum politischen Ritual. Jedoch: «Ein Graben beim Abstimmungsverhalten ist aber erst dann ge­sellschaftlich gefährlich, wenn dieselbe Minderheit immer und immer wieder überstimmt würde.» So weit sei es bis jetzt nicht.