Abstimmungskampf mit Bildchen

Es ist eine neuere direktdemokratische Entwicklung, dass sich verfeindete Abstimmungskomitees nicht nur verbal und schriftlich, sondern auch per Computer-Illustration bekämpfen. Geschuldet ist diese politische Aufrüstung vor allem der rasanten Entwicklung der Informatik.

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Das Nein-Komitee hat – mit Hilfe des Computers – in der Marktplatz-Vision der Stadt etwas aufgeräumt. (Bild: Illustration: Komitee «Nein zum Marktplatz ohne Markt»)

Das Nein-Komitee hat – mit Hilfe des Computers – in der Marktplatz-Vision der Stadt etwas aufgeräumt. (Bild: Illustration: Komitee «Nein zum Marktplatz ohne Markt»)

Es ist eine neuere direktdemokratische Entwicklung, dass sich verfeindete Abstimmungskomitees nicht nur verbal und schriftlich, sondern auch per Computer-Illustration bekämpfen. Geschuldet ist diese politische Aufrüstung vor allem der rasanten Entwicklung der Informatik. Mit Photoshop und anderen Programmen sind heute auch Laien in der Lage, ansprechende Bildchen zu produzieren. Oder jene Helgen, die das gegnerische Komitee verbreitet, so anzupassen, dass sie die eigene Ansicht illustrieren.

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Derzeit kreuzen in St. Gallen Befürworter und Gegner der Neugestaltung von Marktplatz, Bohl und Blumenmarkt die Klingen. Über den zweiten Anlauf dazu stimmen Städterinnen und Städter am 8. März ab. Und die Komitees arbeiten bereits hart daran, Ja- und Nein-Stimmen zu sammeln. Und sie tun das eben auch mit Bildern aus dem Computer, die sie sich und uns um die Ohren hauen.

Wie schon vor dem ersten, 2011 missglückten Abstimmungsanlauf hat die Stadt, die ihr Projekt an vorderster Front mit verteidigt, Illustrationen erstellen lassen, wie der «neue» Marktplatz aussehen soll. Einige davon sind auf Info-Wänden zwischen den Hüttchen des ständigen Marktes zu bewundern. Also inmitten jener Hüttchen und jenes Marktes, der verschwinden soll. Trotzdem steht im Zentrum einer städtischen Illustration der Marktplatz mit Markt. Eben nicht mehr dem ständigen in der heutigen Form, sondern mit einem der Wochenmärkte.

Ausdrücklich wehrt sich das Gegenkomitee nicht grundsätzlich gegen einen Marktplatz, es kämpft nur gegen einen solchen ohne ständigen Markt. Und da dieser ja verschwinden soll, der Platz also nur noch an einzelnen Wochentagen mit Wochen-, Bauern-, Quartals- und Ökomärkten belegt ist, hat es flugs die Illustration der Stadt genommen und darauf Marktstände und Konsumenten entfernt. Grosszügigerweise sind der Aufräumaktion gleich auch Passantinnen und Passanten zum Opfer gefallen, die im Helgen der Stadt vor den neuen ÖV-Wartehäuschen am linken Bildrand herumlümmeln. Was wohl im Zeichen der künstlerischen Freiheit erlaubt ist…

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Und eben genau an diese Freiheit, die künstlerische, sollten alle jene Stimmberechtigten denken, die sich allein von Bildern zum Ja oder Nein inspirieren lassen wollen. Was von den Abstimmungskomitees verbreitet wird, sind keine Fotografien. Bereits die Originalbilder der Stadt zeigen nicht, wie es dereinst auf dem Marktplatz sein wird. Dafür waren solche Illustrationen noch nie gedacht. Sie vermitteln einen Eindruck, wie der Platz dereinst nach der Umgestaltung wirken könnte. Wer sich wirklich ein Bild davon machen will, wie beispielsweise die Platzverhältnisse auf dem neuen Platz sein werden, muss sich an Pläne, allenfalls Modelle halten. Nur sie geben wirklich massstabgetreu wieder, wie sich bauliche Massnahmen auswirken werden. Es führt also wohl doch kein Weg darum herum, auch vor dieser Abstimmung Texte und Pläne in der offiziellen Abstimmungsbroschüre anzuschauen. (vre)

Die städtische Marktplatz-Vision wird – etwas schüchtern – durch einen der Wochenmärkte belebt. (Bild: Illustration: Stadt St. Gallen)

Die städtische Marktplatz-Vision wird – etwas schüchtern – durch einen der Wochenmärkte belebt. (Bild: Illustration: Stadt St. Gallen)

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