Abschied von Mama Fortuna

Anni Sturzenegger-Berger hat mit dem FC Fortuna gelebt, ihre Söhne haben in der 1. Mannschaft gespielt. Nun mussten Familie und FC von «Mama Fortuna» Abschied nehmen.

Josef Osterwalder
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Nichts war für Anni Sturzeneggers vier Buben naheliegender, als beim FC Fortuna mitzutschutten. Wohnhaft im Vonwil-Quartier lag die Kreuzbleiche vor der Haustüre, der Fortunaplatz gehörte zum Spielareal; das weckte die Lust mitzumachen. Doch erst mussten sie eine Lehrstelle oder eine bestandene Aufnahmeprüfung in der Tasche haben, so hoch setzten die Eltern die Latte. Sobald sie dann aber das Trikot überstülpten, war der Stolz der Eltern so gross wie der der Söhne.

Der legendäre Schirm

Anni und Egon Sturzenegger schauten sich regelmässig die Spiele des FC Fortuna an. Ein Spiel ohne Sturzeneggers war wie Fussball ohne Ball. Tränen flossen beim Aufstieg so gut wie beim Abstieg. Und der Regenschirm, mit dem Mama Sturzenegger zuweilen am Rand des Spielfelds herumfuchtelte, gehört zu den unvergesslichen Anekdoten der Vereinsgeschichte. Denn wehe, wenn ein fremder Spieler einen ihrer Junioren unfair foulte. Dann machte ihre drohende Gebärde dem fehlbaren Gegner deutlich, was es geschlagen hat.

Die Sturzeneggers besuchten die Spiele auf der Kreuzbleiche, reisten mit Mannschaft und Fans zu den Auswärtsspielen. Der FC Fortuna ist zur erweiterten Familie geworden und Anni Sturzenegger zur «Mama Fortuna».

Den gleichen Zusammenhalt pflegte Anni Sturzenegger mit der eigenen Familie. Im Sommer ging's am Samstag in die Badi Romanshorn, in den kälteren Jahreszeiten zum Kaffee und Spiel aufs Gründenmoos. Hier konnten sie und ihr Mann den Kindern jenes Familiengefühl geben, das sie in ihrer eigenen Jugendzeit so stark vermissten.

Auf gemeinsamem Weg

Anni Berger und Egon Sturzenegger sind in sehr bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen. Am 22. Februar 1931 in Salez geboren, hatte Anni früh ihre Eltern verloren. Gleich nach der Schulzeit kam sie als Haushalthilfe und Kindermädchen zu einer Familie in Sennwald.

Mit 18 lernte sie ihren Mann kennen, der ein ähnliches Schicksal durchgemacht hatte. Im Waisenhaus aufgewachsen, wurde er als Jugendlicher von einem Schausteller adoptiert, mit dessen Karussell er durch die Ostschweiz zog. Auf der Kilbi in Lienz lernten sich die beiden elternlosen Jugendlichen kennen, lieben und beschlossen, ihren Weg gemeinsam zu gehen. Der Vater arbeitete erst als Weber, dann lenkte er das Fuhrwerk einer Brauerei, schliesslich einen Tanklastwagen. Die Mutter komplettierte das Haushaltgeld durch Putzen in Privathaushalten und Geschäften.

Fussball als Lebensschule

Arbeit von morgens bis tief in die Nacht, um den Kindern einen möglichst guten Start ins Leben zu ermöglichen. Anni Sturzenegger spürte, dass Fussball für ihre Buben das beste Biotop ist. So wie's im Fortuna-Leitbild steht: «Wir haben alle Kinder vom Quartier lieber auf dem Fussballplatz als auf der Strasse.»

Am 1. Januar ist Anni Sturzenegger gestorben. Beim Regiomasters, das zwei Tage nach der Beerdigung stattfand, wurde ihrer in einer Schweigeminute gedacht. Diese Ehrung verstand der FC auch als Signal. Es zeigt den Eltern, wie viel sie beitragen können, dass Fussballspiel für ihre Kinder zur Lebensschule wird.

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