Abschied von der Rasselbande

GOSSAU. Sie ermöglicht Vätern und Kindern seit 25 Jahren eine gemeinsame Stunde mit Spiel und Spass. Als Leiterin des Gossauer Vaki-Turnens kennt Silvia Bosshardt auch die Väter von klein auf. Kürzlich gab die 72-Jährige ihr letztes Turnen.

Timo Schorno
Drucken
Teilen
32 Jahre lang leitete Silvia Bosshardt in der Hirschberg-Halle das Muki-Turnen. Seit 25 Jahren ist sie auch für Väter und Kinder da. (Bild: Urs Bucher)

32 Jahre lang leitete Silvia Bosshardt in der Hirschberg-Halle das Muki-Turnen. Seit 25 Jahren ist sie auch für Väter und Kinder da. (Bild: Urs Bucher)

«Für mich ist eine Stunde dann gelungen, wenn nicht nur die Kinder, sondern auch die Väter strahlen», sagt Silvia Bosshardt. Sie steht in der Turnhalle der Primarschule Hirschberg und gibt ihre letzte Stunde im Vater-Kinder-Turnen. Heute haben die Väter nach eigenen Ideen einen Parcours für ihre Kleinen aufgebaut. Etwa, indem sie Matten an den Schaukelringen befestigen. Oder eine Kutsche basteln aus Springseilen und Wägelchen für die Bänke.

Wegbereiterin der Väter

«Ich will, dass alle sich bewegen. Auch die Väter», sagt Silvia Bosshardt. «Rumstehen und <schnoren> kann ich nicht haben.» Sagt es, und wirft zwei Männern einen Frisbee nach. Einen aus Wolle, den sie selber gehäkelt hat. In Silvia Bosshardts Augen blitzt der Schalk. Das Verhältnis zu den – oft jungen – Vätern ist herzlich. Manch einer war als Kind selber bei Silvia Bosshardt im Muki-Turnen, das sie vor 32 Jahren als Leiterin übernahm. Dass Silvia Bosshardt vor 25 Jahren dann das Vaki-Turnen ins Leben rief, war ein Zufall. Weil die Halle unter der Woche jeweils von Schülern belegt war, wich sie auf Samstag aus. Auf einmal kamen auch die Väter zur Stunde – bis sie irgendwann die Mehrheit bildeten.

Dieselben Rituale seit 1989

«Sie ist immer aufgestellt. Nicht selbstverständlich in diesem Alter», sagt einer der Väter an der Ringschaukel. Freude an den Kindern habe sie, meint ein anderer. Sie gehe auf Wünsche ein, ziehe nicht einfach ein striktes Programm durch, lege auch Wert auf Abwechslung. Nur die Rituale zu Beginn der Stunde sind seit 25 Jahren dieselben. Zur Eröffnung wird im Kreis ein Lied gesungen, danach kommt der «Appell». Jedes Kind rennt zu Silvia Bosshardt, umarmt sie und rennt zurück zu Papi. Dann folgt ein Spiel, das die Väter teils mehr ins Schwitzen bringt als die Kinder. Die Runden beginnen mit: «Papi, fang mich doch».

Ein Leben mit Kindern

Silvia Bosshardt hat die Programme aller Vaki-Stunden seit Beginn fein säuberlich in schwarzen Heften notiert. Sie werde die Hefte behalten, sagt sie, als Erinnerung an die vielen schönen Stunden in der Halle. An Fitness mangelt es der 72-Jährigen nicht. Die Kletterstange erklimmt sie gleich schnell wie ein etwa halb so alter Vater. Schliesslich kommt sie aus einer Turnerfamilie. Dennoch sei nun die Zeit gekommen, aufzuhören, sagt sie. Was ihr besonders schwer fällt, hatte sie doch zeitlebens auch beruflich mit Kindern zu tun. Sei es als Kinderkrankenschwester oder als sie für einen Zürcher Kinderbuchverlag tätig war. Sie stellte in Heimarbeit Ansichtsexemplare von bekannten Kinderbüchern wie «Der Regenbogenfisch» oder «Der kleine Eisbär» her. Als ihre eigenen Kinder klein waren, pflegte sie Senioren.

Man merkt es Silvia Bosshardt an, dass sie wehmütig ist. «Vor dem Turnen hätte ich fast ein paar Tränen vergossen.» Und als die Väter ihr zum Abschied ein Geschenk übergeben – zwei Billette für die Seilbahn auf den Säntis, den sie so liebt – ist sie sichtlich gerührt. Morgen Samstag organisiert der Frauensportverein ihr zu Ehren ein Abschiedsfest auf dem Spielplatz hinter dem Freibad. Eingeladen sind alle, die in den letzten Jahren als Vater oder Kind bei Silvia Bosshardt in der Stunde waren. Die Feier beginnt um 9 Uhr und dauert bis Mittag.

Es gibt Schokoeier zum Abschied

Nachdem sich Kinder und Väter verabschiedet haben, meint Silvia Bosshardt: «Spätestens in den Sommerferien, wenn ich die Einladungen für die Neuen schreibe, wird mir etwas fehlen.» Nach dem Turnen treffen sich die Väter meist noch auf Kaffee und Gipfeli im Restaurant Toggenburg. Auch Silvia Bosshardt ist dabei und verteilt ein letztes Mal Schokoeier an die Kinder – und an die Väter.

Aktuelle Nachrichten