ABSCHIED: «Ohne Träne wird es nicht gehen»

Am kommenden Freitag, just an seinem 61. Geburtstag, gibt Goldachs Gemeindepräsident Thomas Würth die Schlüssel für das Rathaus ab. Im Interview lässt er 15 emotionale Jahre Revue passieren.

Rudolf Hirtl/Linda Müntener
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Thomas Würth: «Wenn ich am Freitag die Türe hinter mir schliesse, dann ist es gut möglich, dass ich von den Emotionen dieses Momentes überwältigt werde.» (Bild: Urs Bucher)

Thomas Würth: «Wenn ich am Freitag die Türe hinter mir schliesse, dann ist es gut möglich, dass ich von den Emotionen dieses Momentes überwältigt werde.» (Bild: Urs Bucher)

Rudolf Hirtl/Linda Müntener

redaktionot@tagblatt.ch

Nach 28 Jahren als Gemeindepräsident – 13 Jahre Bütschwil, 15 AABB22Jahre Goldach – tritt Thomas Würth ab. Er tut dies ohne Groll, mit schönen Erinnerungen im Gepäck und noch voll im Saft. Er macht bewusst einen radikalen Schnitt, gibt alle politischen Ämter ab und freut sich nun voller Frische und bei guter Gesundheit auf viel Freizeit und voller Spannung auf die Momente, die ihm das Leben noch bringen wird.

Thomas Würth, haben Sie nach 28 Jahren die Nase voll von der kommunalen Politik?

Nein, das ist nicht der Grund, weshalb ich aufhöre.

Weshalb dann?

Ich bin nun 61 Jahre alt. Die Kinder sind erwachsen und gut geraten. Was heute ja auch nicht selbstverständlich ist. Ich habe in der Vergangenheit nicht überbordet und kann es mir deshalb einfach leisten.

Wann ist der Entscheid ­zurückzutreten gereift?

Es war ein langer und auch mühsamer Prozess. Es gab Phasen, da war es für mich klar aufzuhören. Dann gab es aber wieder Phasen, in denen ich Lust hatte, für Goldach wichtige Projekte fertig zu machen, weil ich die Arbeit hier im Rathaus wirklich gerne tue.

Jetzt ist es im besten Alter doch so weit, wieso?

Als ich mit 33 Jahren Gemeindepräsident geworden bin, da habe ich einige Amtskollegen erlebt, die sich durch die letzte Amts­periode geschleppt haben und sich dabei sehr schwer getan ­haben. Für mich war deshalb klar, AABB22sollte ich in diesem Alter noch Gemeindepräsident sein, so AABB22muss meine letzte Amtsperiode ein Wollen und kein Müssen sein.

Haben Sie etwas Bange vor der Zeit danach?

Es wird zweifellos eine riesige Umstellung sein. Denn ich bin jetzt enorm engagiert und sehr viel unterwegs.

Haben Sie Pläne gemacht, oder lassen Sie nun alles auf sich zukommen?

Ich habe immer jene kritisiert, die zwar aus öffentlichen Ämtern ausscheiden, aber den einen oder anderen Job behalten. Ich werde einen radikalen Schnitt machen und keinerlei Ämtchen behalten. Ich habe auch sämtliche Anfragen für die Zeit danach bisher abgelehnt.

Dann stimmt es also nicht, dass Sie die Landumlegung Tannäcker zu Ende bringen?

Ich werde nun zuerst völlig ­abschalten. Ich gehe im Januar zuerst auf die Jagd, dann gehen wir Ski fahren und danach auf Reisen und besuchen unsere Tochter in Argentinien. Ich möchte mich aus dem Hamsterrad befreien und wieder Chef meiner eigenen Agenda werden. Wenn wir im März zurück sind, werde ich schauen, was das Leben für mich parat hat. Ich habe dem Gemeinderat angeboten, das sehr komplexe Thema der Landumlegung als Berater, nicht als Präsident zu Ende zu bringen, und dies nicht als teures Mandat, sondern kostenlos. Der Gemeinderat wird in seiner neuen Zusammensetzung über meinen Vorschlag beraten. Ich bin auch überhaupt nicht böse, wenn der Gemeinderat dieses Projekt ohne meine Hilfe behandelt.

Woher kommt Ihre Leidenschaft für die Jagd?

Ich komme aus einer Jagdfamilie. AABB22Habe mich aber in jungen Jahren in erster Linie der Musik verschrieben. Ich war in der Blasmusik aktiv, habe das Dirigentendiplom erworben und in der Musikschule unterrichtet. Erst mit 40 wurde ich zu einer Jagd eingeladen, und da ist der in mir schlummernde Bazillus wieder ausgebrochen. Drei Stunden lang auf einem Hochsitz Wild beobachten und die ganze Welt vergessen, das tut mir gut. Auch wenn es für meine Familie nicht immer lustig gewesen ist, dieser Rückzug war meine Burn-out-Prophylaxe.

Werden Sie Ihren Nachfolger einarbeiten?

Wir haben einen Tag lang alle Abteilungen innerhalb und ausserhalb des Rathauses besucht. Einen halben Tag lang haben wir zusammen die wesentlichen Projekte angeschaut und die wichtigsten Betriebe besucht. Das war’s. Es wäre ein Blödsinn, wenn ich ihn eine Woche lang begleiten und zutexten würde. Sämtliche laufenden Geschäfte sind in den Gemeindeabteilungen bestens aufgehoben. Dieses Wissen und auch die nötige Hilfe und Unterstützung kann er jederzeit in Anspruch nehmen.

Zu den Aufgaben eines Gemeindepräsidenten gehört auch die Leitung der Bürgerversammlung. Welche Erinnerung haben Sie daran?

Im vergangenen März sind 950 AABB22Leute gekommen. Vermutlich weil sie gewusst haben, dass es meine letzte ist (schmunzelt.) Ernsthaft; die letzte zeigt, wenn die Bürgerversammlung etwas zu entscheiden hat, dann kommen die Leute auch. Etwa bei emotionalen Themen wie der Gemeindeordnung oder dem Pensum des Schulpräsidenten. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir eine Bürgerversammlung in Bütschwil. Dort gab es einen doch sehr «gewalttätigen» Mitbürger, der mich auch bedroht hat. Und ausgerechnet dieser hatte seinen Stimmausweis vergessen. Ich habe ihm dann vorgeschlagen, diesen zu holen, da er ja nicht weit weg wohne. In der Zwischenzeit habe ich die Versammlung so rasch wie möglich durchgeboxt und diese genau in jenem Moment beendet, als er zurückkam.

Dieses Beispiel zeigt, dass der Wind in der kommunalen Politik rauer geworden ist.

Ich habe kein Problem mit inhaltlichen Diskussionen, doch was man sich heute als Politiker gelegentlich gefallen lassen muss, ist tatsächlich grenzwertig. Man sagt zwar, als Politiker braucht man eine dicke Haut, doch mit den Jahren wird diese Haut vermutlich auch dünner.

Würden Sie interessierten Leuten dennoch den Schritt in die Politik empfehlen?

Ja. Aber als Mauerblümchen wird man in diesem Job nicht glücklich. Man muss eine Leaderfigur sein und auch Lust haben, vorne hinzustehen und sich der Diskussion zu stellen. Wenn ich heute durch die Gemeinde laufe, dann sehe ich viele Sachen, die gut geraten sind. Und das ist auch befriedigend.

Was ist denn während Ihrer Zeit weniger gut gelungen?

Wir hätten als Gemeinde noch etwas mehr Boden und Liegenschaften kaufen sollen. Das würde uns heute einiges erleichtern. Ich befürworte nach wie vor eine aktive Bodenpolitik. Die Bürgerschaft hat zwar immer recht, aber meiner Meinung nach war die Ablehnung der Fusion mit Untereggen ein Fehler. Wir hätten im Vorfeld vermutlich mit einer externen Stelle zusammenarbeiten und den Blick von aussen zulassen sollen.

War denn das Nein zu Plus-Minus auch ein Fehler?

Ich habe Ja gestimmt. Bei solchen Fusionsprojekten gibt es nur zwei wirklich wichtige Fragen. Das Geld und das Herz. Bei dieser ­Abstimmung hat beides nicht ­gestimmt. Ich bin überzeugt, als AABB22Stadt am See wären wir schneller und auch schlagkräftiger. Aber die Zeit ist noch nicht reif dafür.

Sie sassen als Gemeindepräsident während acht Jahren im Kantonsrat. Was bringt das?

Man kann sich für seine Region einbringen. Es kann allerdings auch lähmend sein, wenn Regions- über der Sachpolitik steht. Die im Kantonsrat vertretenen Gemeindepräsidenten auf eine Linie zu bringen, ist leider beinahe unmöglich. Die Interessen sind einfach zu verschieden. Ich hoffe, dass dies in Zukunft besser wird.

Bleiben Sie Goldach treu?

Ich zügle höchstens mal über die Strasse in die Alterswohnung (lacht). Uns gefällt es hier sehr gut, wir werden bleiben.