Abfall macht Kühe krank

Bierflaschen, McDonald's-Schachteln oder Aludosen: Immer mehr Abfälle landen auf Schweizer Wiesen. Die Leidtragenden sind Kühe, Rinder und Kälber. Auch in der Region sammeln die Bauern regelmässig Müll ein.

Daniela Decurtins
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Immer mehr Leute werfen ihren Abfall aus dem fahrenden Auto auf die nächste Kuhweide. (Bild: Daniela Decurtins)

Immer mehr Leute werfen ihren Abfall aus dem fahrenden Auto auf die nächste Kuhweide. (Bild: Daniela Decurtins)

Heini Strickers Kuh frisst nicht mehr. Ungewöhnlich, denn gemäss dem landwirtschaftlichen Informationsdienst frisst eine gesunde Kuh rund 100 Kilogramm Gras und trinkt ungefähr 50 Liter Wasser pro Tag. Der Mörschwiler Landwirt zieht einen Tierarzt hinzu. Eine mögliche Ursache ist eine Magenverstimmung, ausgelöst durch einen Fremdkörper, den die Kuh geschluckt hat. Zum Beispiel eine leere McDonald's Schachtel.

«Abfall aus Autos geworfen»

«Littering auf Weiden ist ein Problem in der Region St. Gallen», sagt Brigitte Frick, stellvertretende Geschäftsführerin vom St. Galler Bauernverband. Betroffen seien vor allem Bauern, deren Weiden direkt an Hauptstrassen liegen würden. «Autofahrer werfen Abfall aus ihren fahrenden Autos und dieser landet auf den Wiesen, Weiden und Feldern», sagt sie. Ihres Wissens hätten in der Region wegen Verschlucken noch keine Tiere notgeschlachtet werden müssen. Um den Menschen bewusst zu machen, welche gravierenden Auswirkungen das Wegwerfen von Abfall haben könne, lanciere der landwirtschaftliche Informationsdienst eine Kampagne, sagt Brigitte Frick. Es sollen schweizweit Tafeln und Plakate aufgestellt werden, um die Leute darauf aufmerksam zu machen, was sie aus Gedankenlosigkeit und Bequemlichkeit anrichten können.

Hohe Tierarztkosten

Heini Stricker sammelt regelmässig Abfall auf seiner Wiese ein. «Bevor gemäht werden kann, muss ich sie zuerst vom Abfall befreien», klagt er. Wenn Aludosen und Flaschen nämlich in die Mähmaschine geraten, werden sie zerkleinert und mit ins Futter der Kühe gegeben. «Diese kleinen Splitter sind scharf und können die Bauchwand der Tiere verletzen», sagt Stricker weiter. Für die Bauern kann das unter Umständen teuer werden. Denn wenn die Kuh krank wird, gibt sie keine Milch mehr. Und wenn sie keine Milch mehr gibt, bedeutet das im schlimmsten Fall, dass das Tier geschlachtet und der Kadaver entsorgt werden muss. Das bedeutet ein Totalausfall. Teuer zu stehen kommen ihn auch die Tierarztkosten. «Es gibt keine Versicherung dafür», sagt Stricker.

Wird ein Fremdkörper im Kuhmagen vermutet, lässt der Tierarzt die Kuh ein Magnet schlucken. Metallische Fremdkörper sollen angezogen werden, um den Weitertransport beim Wiederkäuen zu verhindern. Der Kuhmagnet ist etwa 15 Zentimeter lang und bleibt bis zu seiner Schlachtung im Magen des Tieres. Doch nicht alles wird von dem Magnet angezogen. Einige Fremdkörper können das Tier ernsthaft verletzen. Die Kuh bekommt Fieber und Entzündungen entstehen. Sie durchlebt Qualen, nachdem sie zusammen mit dem Gras den Abfall frisst, der von Menschen gedankenlos auf die nächste Kuhweide geworfen wird.

Ebenfalls zu schaffen macht Stricker der Nationalfeiertag. «Plastikdeckel der Raketen landen auf unserer Weide», sagt er. Das sei ein grosses Problem für die Bauern. Denn bevor sie die Kühe, Rinder und Kälber wieder grasen lassen können, müssen sie die Weide erst von den Feuerwerksabfällen befreien.

Scharfe Splitter im Futter

Auch Landwirt Walter Keller aus Wittenbach stellt eine Zunahme an Müll auf den Wiesen fest. «Seit es den McDonald's in der Nähe gibt, sieht man täglich Abfall entlang der Strassen», sagt er. Auch anderes wird bei Kellers entsorgt. «Leute, die beim Grillplatz Steigwald grillieren, werfen regelmässig ihren Abfall auf unsere Wiese», sagt der Wittenbacher. Auch für seine Frau Thekla ist die Situation unglücklich. «In unserem Futtermischwagen habe ich kürzlich messerscharfe Splitter entdeckt, die von Aludosen stammen», sagt sie.

Was schlägt der Bauer vor?

Kuhmagenmagnete einsetzen und Tafeln aufstellen – reicht das, um das Risiko von Erkrankungen der Tiere zu mindern? Walter Keller glaubt das nicht. «Man sollte in den Schulen die Kinder und Jugendlichen auf dieses Problem aufmerksam machen», sagt er. Jemand müsste den Jugendlichen aufzeigen, was alles passieren könne. Das hält er für die effektivste Lösung. Eine andere Idee seien Depotgebühren für Aludosen. «Denn wenn es ums Geld geht, sind die meisten Menschen einsichtig», sagt der Landwirt.