Ab sechs Personen wurde gespielt

In den 1980er-Jahren wurde in der Kellerbühne oft vor fast leeren Reihen gespielt. Nicht alle, die sich um einen Auftritt bemühten, waren damals auch genehm. Absagen gab's etwa für Manuel Stahlberger, aber auch für Ursus und Nadeschkin.

Margrith Widmer
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Anekdoten aus der Kellerbühne der 1980er- und 1990er-Jahre mit Liana Ruckstuhl, Bruno Broder und Rosmarie Früh. (Bild: Michel Canonica)

Anekdoten aus der Kellerbühne der 1980er- und 1990er-Jahre mit Liana Ruckstuhl, Bruno Broder und Rosmarie Früh. (Bild: Michel Canonica)

Die Kellerbühne jubiliert. Aus diesem Anlass lässt das Historische und Völkerkundemuseum derzeit die ersten 50 Jahre des Kleintheaters in einer Ausstellung und einer Vortragsreihe Revue passieren. Der Schwerpunkt des zweiten, von der ehemaligen «Ostschweiz»-Redaktorin Rosmarie Früh moderierten Nostalgie-Gesprächs lag am Sonntag auf den Jahren 1983 bis 1995. Damals gab's im Keller unter dem Restaurant Drahtseilbahn oft fast leere Reihen: «Ab sechs Personen wird gespielt», lautete damals die Devise.

Harald Schmidt gibt Geld zurück

Bruno Broder leitete die Kellerbühne von 1983 bis 1992, Liana Ruckstuhl von 1992 bis 1995 – dann wurde sie in den Stadtrat gewählt. Sie hatte an der Kellerbühne schon 1981 Peter Ustinovs Boulevard-Komödie «Halb auf dem Baum» inszeniert.

«Oft haben wir gebangt», erinnerte sich Bruno Broder. Manchmal quoll das Kleintheater aber auch über: Besucherinnen und Besucher mussten abgewiesen werden, Leute sassen am Boden. «Wenn die Feuerpolizei das gesehen hätte…»

Und ein Mal gab's eine unglaubliche Überraschung: 1987 gab der Kabarettist Harald Schmidt 500 Franken seiner Gage zurück: «Sie haben so viel Mut bewiesen, indem Sie mich engagierten.»

«Nein, nein, nein, nein, nein»

Als Gert Fröbe in der Kellerbühne seinen legendären Auftritt hatte, wurde Bruno Broder mit der Lichttechnik beauftragt. Scheinwerfer sollten Fröbe von unten beleuchten. Broder kaufte Scheinwerfer und plazierte sie. Oben auf der Bühne dröhnte der Koloss Fröbe: «Nein, nein, nein, nein, nein.» Mehrmals. Und klärte dann den verdutzen Broder auf: «Entschuldigen Sie, ich bin am Einsprechen.» Die Scheinwerfer waren in Ordnung.

Später ging man mit Fröbe ins «Im Portner». «Stadtrat Urs Flückiger, der Polizeivorstand, sorgte dafür, dass es keine Polizeistunde gab.» Fröbe setzte sich mit seinen Beleuchtern an einen separaten Tisch – Broder erntete neidische Blicke. Als er Fröbe später nochmals traf, erinnerte sich dieser noch lebhaft an die «Tropfsteinhöhle». Dazu machten die Heizungsrohre «toc, toc».

«Lex Ruckstuhl»

Als Liana Ruckstuhl zur Kellerbühnen-Leiterin gewählt wurde, wünschte sie sich diesen Job so sehr, dass sie verbotenerweise kurz nach einer Operation ihr Spitalbett verliess, um die Wahl anzunehmen. Bis zu ihrer Anstellung waren die Leiter jeweils Lehrer gewesen, die – bei vollem Lohn – ihr Schulpensum auf 50 Prozent kürzen konnten. Das war eine «Subvention» der Stadt.

Liana Ruckstuhl aber hatte einen Gymnasiallehrerinnen-Lohn und war beim Kanton angestellt. Und dieser blieb hart: keine «Subvention» in Form eines geschenkten halben Lohns. Daraufhin gab es in der Stadt eine neue Subventionsordnung und die Stelle musste fortan ausgeschrieben werden.

Schaumwein-Skulpturen

Im alten Coca-Cola-Kühlschrank sollte für die Silvesterparty Schaumwein besonders kühl gestellt werden: «Als wir einschenken wollten, war der Kühlschrank voller festgefrorener Schaumwein-Skulpturen und Tausenden von Glassplittern», erzählte Ruckstuhl.

Als die Kellerbühne eigenmächtig eine neue Lichtanlage finanzierte, drohte der seinerzeitige Stadtammann und städtische «Finanzminister» Heinz Christen wiederum: «Das nächste Mal zahlst du das selber», erinnerte sich Broder, der dank der unkonventionellen Buchhaltung der Kleinbühne seine Frau kennenlernte. «Diese <Tschättere> hat mich furchtbar geärgert. Sie sagte nämlich immer, es stimme so nicht.»

Stahlberger muss noch üben

Nicht gemocht hat Broder die «Födlebürger», die jeweils bis fünf Uhr früh in der Kellerbühne feierten und auch noch draussen pinkelten. Zu «Fehleinschätzungen» bekannte sich Liana Ruckstuhl im Nostalgie-Gespräch vom Sonntag: Manuel Stahlberger habe sie beschieden, er müsse «schon noch üben». Ursus und Nadeschkin, die heute schweizweit bekannt sind und dieser Tage die Tonhalle mit ihrem Programm füllten, habe sie nach Hause geschickt. Ruckstuhl: «Da taten ein Mann und eine Frau so blöd auf der Bühne.»