8,31 Meter in zwei Stunden

Eben dämmert der Tag. Die föhnige Stimmung zaubert im Osten ein rosa Wölklein über die Berge. Früh beginnt sich um die Abschrankungen um den «Breitehof» eine Menschentraube zu bilden. Es ist eine besondere Veranstaltung: Ein Haus wird verschoben.

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Auf sieben solcher Schubbahnen wird das Gebäude 8,31 Meter versetzt.

Auf sieben solcher Schubbahnen wird das Gebäude 8,31 Meter versetzt.

Eben dämmert der Tag. Die föhnige Stimmung zaubert im Osten ein rosa Wölklein über die Berge. Früh beginnt sich um die Abschrankungen um den «Breitehof» eine Menschentraube zu bilden. Es ist eine besondere Veranstaltung: Ein Haus wird verschoben. Der «Breitehof» steht noch dicht an der Romanshornerstrasse auf der einen Seite einer grossen, mit Plastik ausgekleideten Wanne – wie abgesägt vom bisherigen Fundament und unterhöhlt auf Stützen. Jede Wand des ehemaligen Hauptsitzes der Arbonia-Forster-Gruppe ist abgefangen und nachbetoniert worden.

8,31 Meter weiter diagonal versetzt, teilweise in einem Eck noch unter dem auf Stahlstützen aufgeladenen Haus, ist die Fundamentplatte betoniert. Für die Zaungäste ist klar: Hier drauf wird der «Breitehof» zu stehen kommen.

Nur noch Formsache

Drei Monate ist die Hausverschiebung vorbereitet worden. Die Arbeit sei eigentlich gemacht, heute würde nur noch die Hausverschiebung vollzogen, sagt Bauführer Reto Stadelmann. Das, was spektakulär zu verfolgen ist, ist für die geübten Spezialisten der Firma Iten Formsache. Entsprechend gut geschlafen hat Reto Stadelmann denn auch. Klippen für das Manöver sieht er keine mehr. Die sieben stählernen Schubbahnen geben die Richtung vor. Auf Rollen wird das 1250 Tonnen schwere Gebäude in Zeitlupentempo an den künftigen Standort bewegt – mit 16 Tonnen Schubkraft. Mit dem ständigen Blick nur aufs Haus gerichtet, nimmt man nicht wahr, dass es «vorwärts kommt». Nur von ganz nahe erkennen die Sperber unter den Beobachtern, wie die Rollen sich langsam drehen.

9.41 Uhr: «Wie viel haben wir?», fragt der Bauführer. Und er bekommt sogleich eine zentimetergenaue Antwort: 3,80. «Vier Meter in der Stunde ist das normale Tempo. Heute sind wir schneller, wir kommen sehr gut voran», konstatiert Stadelmann.

15 Objekte haben er und sein Team in den letzten zweieinhalb Jahren «gezügelt». Im Thurgau ist der «Breitehof» nicht das erste Gebäude, das die Innerschweizer Spezialfirma verschiebt. In Arbon wurde 1992 das heute 280 Jahre alte Mayr-Haus im Morgental verschoben. Es musste Platz machen, damit die Landquartstrasse verbreitert werden konnte. Heute muss der «Breitehof» der Strasse weichen.

Mit Stativ und Kamera

Einige Leute haben sich mit Stativ und Kamera installiert, um die «Wanderung» des «Breitehofs» im Bild festhalten oder im Zeitraffer dokumentieren zu können. Auch Stadtammann Martin Klöti zückt seine Kamera. Die Hausverschiebung sei ein spezieller Mosaikstein des Projekts neue Kantonsstrasse.

Wie viele Pensionierte verfolgt George Smits die Aktion: «Ich will immer wissen, wie etwas geht.» Das war auch beim Hafen so. Die Schauplätze wechseln. Smits verkörpere die Arboner «Schattenbaukommission», neckt ihn der Stadtammann.

Nach zwei Stunden bleibt dem «Breitehof» noch eine Reststrecke von eineinhalb Metern. Den Fernsehsendern bietet sich Action. «Das Haus wird bombensicher am neuen Ort stehen», verkündet Reto Stadelmann. Auf die Idee, eine Kaffeestube unter dem Dach der alten Forster-Fabrik einzurichten oder Tee auszuschenken, ist niemand gekommen. Da hätte einer noch ein gutes Geschäft machen können. Dafür hat das «Plaza» gegenüber am Stahelplatz voll. Weil es einerseits zu regnen begonnen hat – und weil doch langsam die Kälte die Beine hochschliert.

Haus wird wieder verkauft

Derweil sinniert Andy Heller schon über die Zukunft des Hauses. Der Kanton, der es von der AFG erworben hatte, sucht nun selber einen Käufer: «Wir haben es aber nicht pressant. Wir wollen den <Breitehof> nicht einfach verschachern.» Bei einer neuen städtischen Torsituation, die hier rund um den Stahelplatz entstehen wird, ist die Lage durchaus attraktiv. Zumal die «vereinigten Hüttenwerke», wie der vormalige AFG-Konzernchef Edgar Oehler die Bauten zwischen Romanshornerstrasse und Bahn zu bezeichnen pflegte, über kurz oder lang einer städtischen Überbauung Platz machen werden.

Martin Klöti schiesst seine letzten Bilder der <Breitehof>-Serie – und frohlockt: «Jetzt ist die Türe offen in die Stadt!», als er im Sucher den Blick auf das Städtli und die Martinskirche unverstellt richtet. Max Eichenberger