80jährigen Film wiederentdeckt

Wunderbares Zeitdokument: Ein wiederentdeckter Kurzfilm zeigt, wie 1931 neue Glocken durch Rorschachs Hauptstrasse zur Kolumbanskirche gefahren wurden. Gefunden wurde der 16-Millimeter-Film im Archiv der Kirchgemeinde.

Otmar Elsener
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RORSCHACH. Die Kirchgemeinden von Rorschach-Rorschacherberg besitzen eines der schönsten Glockengeläute der Schweiz. Wenn am Samstagabend alle Glocken von den drei Kirchtürmen den Sonntag einläuten, gibt der Gesamtklang vielen Menschen zwischen See und Berg ein Gefühl von Heimat und Geborgenheit.

Im Archiv der katholischen Kirchgemeinde ist nun eine kleine Rolle 16-Millimeter-Film wiederentdeckt worden, den ein Hobbyfilmer 1931 vom Einzug neuer Glocken für die Kolumbanskirche drehte. Der Kirchenverwaltungsrat liess diesen Film digitalisieren.

Reiter in historischer Uniform

Auf CD festgehalten, ist damit nun ein kleines, leider nur zweieinhalb Minuten langes Zeitdokument vorhanden. Es zeigt jedoch anschaulich, welch festliches Ereignis neue Glocken für die Bevölkerung bedeuteten: 1931 ist in Rorschach der 23. November als Kolumbans- und Kirchweihtag noch ein allgemeiner Feiertag. Der auf die Stadt prasselnde Regen hält das Volk nicht ab. Es steht mit Schirmen in Scharen an der Hauptstrasse, um den Einzug der Glocken von Staad her zu verfolgen. Die Glocken der evangelischen und der Jugendkirche läuten. Reiter in historischer Uniform führen den Zug an. Jede Glocke ist festlich bekränzt auf einem eigenen Pferdefuhrwerk. Dem mit der grössten, 4500 Kilo schweren sind vier Pferde vorgespannt. Buben rennen beidseits der Wagen, die Fuhrleute in Sonntagsgewändern und breitkrempigen Hüten grüssen die Zuschauer. Der Einzug endet auf dem Kirchplatz, wo Stadt- und Kirchenräte im Frack warten.

Die Glocken wurden auf einem Gerüst vor dem inzwischen verschwundenen Gebäude Blumenau (heute Stadthof) aufgehängt, am 29. November vom Bischof geweiht und am 2. Dezember von der gesamten Schuljugend in den Turm gezogen, an dem neue Luken ausgebrochen worden waren, um den Schall zu verstärken.

«Hochherzige Gönner»

Das Wort Sponsoring war noch nicht geläufig, als die Kirchgemeinde gezwungen war, die Glocken zu ersetzen. Die Grösste aus dem Jahre 1543 war zu Schaden gekommen, auch der Glockenstuhl war baufällig. «Hochherzige, opferfreudige Gönner haben sich anerboten, die Glocken zu schenken», stand im Pfarrblatt. Das waren namhafte Rorschacher Familien, auch die Bauernfamilie Angehrn-Wehrle im Schönbrunn, deren Sohn Anton im Volk fortan als «Glockentoni» bekannt war. Jede Glocke erhielt einen Namen und wurde lateinisch beschriftet. Die kleinste, die 750 Kilo schwere Schutzengelglocke, stiftete die Arztfamilie Mettler mit der für den Arzt passenden Inschrift «Heiliger Raphael, Arznei Gottes, heile unsere Körper- und Seelenwunden». (Der hebräische Name Raphael bedeutet Arznei Gottes.)

Glockengiesserei in Staad

Die Glocken kamen aus der von Jakob Egger gegründeten Giesserei in Staad. Egger, 1850 als Sohn eines Hufschmieds in Thal-Buriet geboren, lernte das Glockengiessen in Zürich und machte sich 25jährig selbständig. Er kaufte eine alte Liegenschaft oberhalb des Staader Bahnhofs und war rasch erfolgreich. Aus seiner Werkstätte stammen noch heute über 200 Glocken in der Schweiz. Das Geschäft ging 1920 an seinen Sohn Wilhelm und von ihm an die Firma Hamm, welche die Rorschacher Glocken goss. Der von Hamm 1937 verkaufte Betrieb ging 1941 Konkurs. Damit verlor Staad das Glockengiesserei-Gewerbe für immer. Nur noch ein selten, bei extrem tiefem Wasserstand ans Tageslicht kommender Fels im See beim Hörnlibuck erinnert in Staad an den Glockengiesser Wilhelm Egger. Er hat dort 1921 etwa zwanzig Zentimeter hoch seinen Namen und die Jahrzahl tief in den Stein gemeisselt.

Feste für die ganze Stadt

Genau so festlich wie 1931 war es im April 1904 bei der Weihe und dem Aufzug der Glocken in den Turm der neuen evangelischen Kirche zugegangen. 5000 Personen bestaunten damals vor allem die grösste Glocke, die den Namen Vadian trägt. Sie wiegt 8137 Kilo – allein der Klöppel 350 – und war damals die zweitgrösste Glocke der Schweiz. Es lag der Kirchgemeinde fern, mit einer derart grossen Glocke zu protzen; vielmehr verlangte ihr damaliges Gebiet – von der Grenze zu Staad bis zur Grenze beim Arboner Morgental, von Wartensee über Mörschwil bis an die Grenze zur Stadt St. Gallen – nach einer Glocke, die auch für die weit entfernt wohnenden Kirchbürger zu hören war. Die Schulkinder sangen ein eigens vertontes Glockenweihelied für das gemäss Tagblatt «erhebende Ereignis, an dem sich das ganze Volk der Hafenstadt freute».

Mitten im Krieg

Weil die Glocken der Jugendkirche nicht mit den aufeinander abgestimmten Geläuten der evangelischen und der Kolumbanskirche harmonierten, kaufte die katholische Kirchgemeinde 1942 – mitten im Weltkrieg – weitere neue Glocken. Auch dieser bislang letzte Glockenaufzug in Rorschach war festlich. An langen Seilen zogen die Schulklassen die Glocken in den Turm, die Primarschüler die kleineren, die Oberstufenschüler die grossen. So wurde vor bald 70 Jahren der herrliche Einklang der Rorschacher Glocken (siehe Kasten) erreicht.

Quellen: Pfarrblätter der katholischen Kirchgemeinde; Monats-Chroniken des Tagblatts; Rorschacher Neujahrsblätter; «Geschichte der Evangelischen Kirchgemeinde Rorschach».

Die Glocken der Kolumbanskirche waren 1931 vor dem Aufzug auf dem Kirchplatz (im Hintergrund die 1980 abgerissenen Gebäude Blumenau und Casino) an Gerüsten aufgehängt zur Besichtigung. (Bild: Josef Elsener)

Die Glocken der Kolumbanskirche waren 1931 vor dem Aufzug auf dem Kirchplatz (im Hintergrund die 1980 abgerissenen Gebäude Blumenau und Casino) an Gerüsten aufgehängt zur Besichtigung. (Bild: Josef Elsener)

An der evangelischen Kirche Rorschach (im Hintergrund die danach abgebrochene erste) wurde 1904 ein turmhohes Gerüst erstellt für den feierlichen Aufzug der Glocken, den 5000 Menschen mitverfolgten. (Bild: Tagblatt-Chronik 1954/H. Labhart)

An der evangelischen Kirche Rorschach (im Hintergrund die danach abgebrochene erste) wurde 1904 ein turmhohes Gerüst erstellt für den feierlichen Aufzug der Glocken, den 5000 Menschen mitverfolgten. (Bild: Tagblatt-Chronik 1954/H. Labhart)