20 Franken für «Seegfrörni»

Umzug und Maskenparade prägten den Fasnachtssonntag 1963. Doch das Volk hätte sich an diesem Sonntag gerne auf dem Eis vergnügt. Viele Leute taten es verbotenerweise, ohne dass etwas geschah. Erlaubt wurde es erst zwei Tage später.

Peter Beerli
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Buntes Fasnachtstreiben herrscht nicht nur in diesen Tagen, sondern gab es auch vor 50 Jahren. (Archivbild: Reto Martin)

Buntes Fasnachtstreiben herrscht nicht nur in diesen Tagen, sondern gab es auch vor 50 Jahren. (Archivbild: Reto Martin)

RORSCHACH. Genau ab dem Fasnachtsdienstag 1963, der damals auf den 26. Februar fiel, hatten die für das sanktgallische Bodenseeufer zuständigen Bezirksämter Rorschach und Unterrheintal endlich offiziell erlaubt, das Eis zu betreten. Es gab Leute, welche kritisierten, dass die Behörden diesen Entscheid so lange hinausgezögert hatten. Man hätte doch am Sonntag statt dem Maskentreiben besser ein Volksfest auf dem Eis organisiert.

Auf 1000 Franken erhöht

Doch wie sah denn das Maskentreiben damals eigentlich aus? Neben den Bällen in der «Waldau» und im «Bad Horn», der weit stärker als heute genutzten Beizenfasnacht und einem Umzug ist älteren Leuten die Maskenparade mit Prämierung in Erinnerung geblieben. Mit einem grossen Inserat lud das Fasnachtskomitee des Gemeinnützigen und Verkehrsvereins auf den Abend des Fasnachts-sonntags zum bunten und fidelen Maskentreiben ein. Auf stolze 1000 Franken sei die Summe, die zu gewinnen war, erhöht worden. Originalität und Betriebsamkeit waren von den Einzelmasken, Paaren und Gruppen gefordert. Diese hatten durch fünf Restaurants zu zirkulieren, das Publikum zu belustigen und sich der Jury zu stellen. Am meisten zu sehen bekam man natürlich in den beteiligten Lokalen, im «Anker», im «Hafenbuffet», in der «Post», der «Kornhaus-Stube» im Café Schnell.

Preisgericht mit Dame

Der Berichterstatter des «Ostschweizerischen Tagblattes» sass damals im «Hafenbuffet» und staunte zusammen mit dem zu den Klängen der bekannten Kapelle Schonath eifrig tanzenden und singenden Publikum über die originellen Ideen der vielen Masken. Er widmete seine Aufmerksamkeit auch dem Preisgericht. Er stellte fest, dass sich die Jury, welcher – längst vor der Einführung des Frauenstimmrechtes – nebst zwei Männern eine Dame angehörte, sich auch durch Schmeichel-Kätzchen und Knie-Höckli nicht beeindrucken liess.

An den Strassen zwischen den Gaststätten verfolgten Zaungäste das Geschehen. Auch sie versuchten, die besten Masken zu entdecken und verglichen später , ob die Jury zum gleichen Resultat gekommen war wie sie selbst.

Wartegg und Schwebende

Welche Themen bewegten damals das fasnächtliche Volk, regten an, ein Kostüm zu gestalten? Die Räumung auf Schloss Wartegg liess zwei Paare und eine Einzelmaske 135 Franken der Gesamtsumme ergattern, auf die Schwebende entfielen zwei der siebzehn Preise. Die Kubakrise, der Sensationsjournalismus, die Kunsteisbahn-Idee und allerlei Verkehrsprobleme wurden höher gewertet als das Sujet «Seegfrörni», für das nur gerade 20 Franken übrig blieben.

Nicht alle waren Fasnächtler

Doch Teilen der Bevölkerung wäre das Eis wichtiger gewesen als die Fasnacht. So stellte ein Leserbrief-Schreiber» fest: «Rorschach macht gegenwärtig in Fasnacht oder besser, versucht es. Aus ein paar verdunkelten und verunstalteten alten Wirtschaften und mit einer mehr aus- als angezogenen Bedienung wird eine Stimmung vorgetäuscht, die gar nicht in den Herzen ist. Vom Fasnachtsumzug schweigen wir lieber. Doch wo blieben in dieser einmaligen Zeit die Vereine, der Verkehrsverein, die Verantwortlichen der Öffentlichkeit, welche die Bevölkerung aus den verrauchten Wirtschaften heraus aufs Eis und an die frische Luft zu einem organisierten Volksfest hätten holen können? Die Bevölkerung wäre diesem Ruf nur zu gerne gefolgt. Es ist jammerschade, dass man solche Gelegenheiten, wie sie die Seegfrörni geboten hat, nicht wahrgenommen hat, um bleibende Erinnerungen zu schaffen, zu Herzen gehende Feste zu feiern und echte Heimatliebe und Heimattreue zu fördern.»

Gelegenheit, sich auf dem Eis zu vergnügen und Erinnerungen zu sammeln, war nach der Fasnacht doch noch geboten.