143 Jahre grünes St. Gallen

1872 stellte St. Gallen den ersten Stadtgärtner an. Daraus entstand das heutige Gartenbauamt. In einem neuen Buch geht Théo Buff der Geschichte dieser Amtsstelle nach. Er beschreibt «grüne Aspekte» der Stadtgeschichte in einer bisher noch nie dagewesenen Vollständigkeit.

Reto Voneschen
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Théo Buff Buchautor/Stellvertreter Direktionssekretär Bau und Planung (Bild: Michel Canonica)

Théo Buff Buchautor/Stellvertreter Direktionssekretär Bau und Planung (Bild: Michel Canonica)

Das städtische Gartenbauamt feiert kein Jubiläum. Seine Wurzeln gehen auf die erste Anstellung eines Stadtgärtners für den Stadtpark, also 143 Jahre weit zurück. Trotzdem hat «das Amt mit dem grünen Daumen» Grund zum Feiern: Es hat im Frühling im Stephanshorn einen modernen Werkhof beziehen können, der das jahrzehntealte Provisorium im Buechwaldpark ersetzt. Die Neubauten sind dem Publikum mit einem Tag der offenen Türe am vorletzten Wochenende vorgestellt worden. Dort erstmals präsentiert wurde eine neue Publikation über die Geschichte des Gartenbauamtes und anderer «grüner Einrichtungen» in St. Gallen.

Bisher vernachlässigter Aspekt

«St. Gallens Grüngeschichte(n) 1872 bis 2015» stammt aus der Feder von Théo Buff. Der stellvertretende Direktionssekretär der Baudirektion und Historiker legt zum einen die Geschichte eines sonst in dieser Beziehung eher vernachlässigten Teils der Stadtverwaltung vor. Damit rollt er gleichzeitig auch die Geschichte jener Grünflächen und Naturobjekte auf, die heute von diesem Amt betreut werden. Darunter befindet sich Vieles, was nicht mehr aus dem erheblich dichter als 1872 überbauten Stadtbild wegzudenken ist. Der Stadtpark mit Kantonsschulpark und Unterem Brühl, das Bahnhofs- oder das Grabenpärklein, die Volksbadwiese, die Friedhöfe, der Botanische Garten sind einige wenige davon.

Zum anderen erzählt Théo Buff viele Anekdoten aus der grünen Stadtgeschichte. Da ist etwa die Rede von Parkwächtern, die Hundehalter anhalten müssen, ihre Vierbeiner an die Leine zu nehmen (das war im 19. Jahrhundert schon ein Thema). Oder da gibt es Bäume, die angeblich den Jahrmarkt behindern. Oder die Rede ist von Kühen, die einst noch im Stadtpark weiden durften; allerdings nur angebunden.

Ein spezielles Kapitel ist jenes, wo die Stadtgärtner und Chefs des Gartenbauamtes vorgestellt werden. So war da beispielsweise ein oberster Stadtgärtner, der in den 1940er-Jahren nach Unterschlagungen gehen musste. Oder jener Chef des Gartenbauamtes, der in den 1980er-Jahren unzufrieden mit einer Vorlag des Stadtrates war und deshalb dem Parlament kurzerhand einen eigenen Vorschlag zur Gestaltung der Kreuzbleiche zustellte. Worauf ihn der Stadtrat nicht mehr wiederwählte.

Lebendig erzählte Geschichte

Der Band «St. Gallens Grüngeschichte(n) 1872 bis 2015» hält was sein Titel verspricht. Er ist ein riesiges Mosaik von historischen Fakten, Anekdoten und Kuriositäten, der aber den roten Faden, die «grüne Geschichte» der Stadt St. Gallen, nie aus dem Blick verliert. Dabei hilft die dreiseitige Chronik, die es durchaus verdient hätte, prominenter als zuhinterst auf den Seiten 268 bis 270 in Szene gesetzt zu werden.

Und auch das Bildkonzept des neuen Buches überzeugt voll und ganz: Die vielen historischen, teilweise erstmals in einem Buch gezeigten Abbildungen werden geschickt durch grossformatige Farbbilder aus der Gegenwart ergänzt. Gewöhnungsbedürftig ist eigentlich nur das Schriftbild. Es kommt so daher, dass es einem wohl einen Preis für Buchgestaltung, aber nicht unbedingt Leserinnen und Leser einträgt. Was, wenn dieses Urteil zutreffen würde, schade wäre: Das neue Buch verdient es nämlich, durchstöbert oder auch von vorne bis hinten durchgelesen zu werden.

«St. Gallens Grüngeschichte(n) 1872 bis 2015» ist für 38 Franken im Buchhandel erhältlich.

Flanieren im Stadtpark vor 1907. Mit der Übernahme des ganzen Parks wurde 1872 das Amt des Stadtgärtners geschaffen. Daraus wuchs das heutige Gartenbauamt der Stadt St. Gallen. (Bilder: Sammlung Reto Voneschen)

Flanieren im Stadtpark vor 1907. Mit der Übernahme des ganzen Parks wurde 1872 das Amt des Stadtgärtners geschaffen. Daraus wuchs das heutige Gartenbauamt der Stadt St. Gallen. (Bilder: Sammlung Reto Voneschen)

Die 1892 erbaute achteckige Voliere im Stadtpark auf einer Ansichtskarte vor 1930. Dieser Bau wurde 1938 durch die heutige, inzwischen mehrfach angepasste Anlage ersetzt. (Bild: Sammlung Peter Uhler)

Die 1892 erbaute achteckige Voliere im Stadtpark auf einer Ansichtskarte vor 1930. Dieser Bau wurde 1938 durch die heutige, inzwischen mehrfach angepasste Anlage ersetzt. (Bild: Sammlung Peter Uhler)

Der Botanische Garten hinter dem heutigen Natur- und Kunstmuseum vor 1914. Diese grüne Einrichtung «zügelte» 1920 bis 1938 an die Sonnenstrasse. 1945 entstand der heutige Garten im Stephanshorn.

Der Botanische Garten hinter dem heutigen Natur- und Kunstmuseum vor 1914. Diese grüne Einrichtung «zügelte» 1920 bis 1938 an die Sonnenstrasse. 1945 entstand der heutige Garten im Stephanshorn.

Die Scherrer'sche Trinkhalle um 1903. Sie dient heute als Frauenpavillon.

Die Scherrer'sche Trinkhalle um 1903. Sie dient heute als Frauenpavillon.

Brunnen auf dem Oberen Brühl, dem heutigen Kantonsschulpark, um 1904.

Brunnen auf dem Oberen Brühl, dem heutigen Kantonsschulpark, um 1904.