136 Kilometer weg von Basel

Die Tage bis zum Studienbeginn sind gezählt. Diese Erkenntnis reift, als ich in meiner ersten eigenen Wohnung das Billy-Regal für die Bücher aufbaue. In den Räumen riecht es nach Baustaub und frischer Farbe.

Anja Mesmer
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Die Tage bis zum Studienbeginn sind gezählt. Diese Erkenntnis reift, als ich in meiner ersten eigenen Wohnung das Billy-Regal für die Bücher aufbaue. In den Räumen riecht es nach Baustaub und frischer Farbe. Darum herum ein Chaos aus Umzugskartons, das die momentanen Gedankengänge treffend widerspiegelt. Die Gefühlslage schwankt zwischen Vorfreude und Angst. Noch fühlt sich St. Gallen nicht wie das neue Zuhause an. Bereits kommt das Heimweh nach der vertrauten Skyline meiner geliebten Stadt am Rhein hoch. Aber der Wunsch, Internationale Beziehungen zu studieren, kann in der Schweiz nur in Genf oder St. Gallen erfüllt werden. Der Entscheid ist auf die Ostschweiz gefallen, mit der mich bisher nichts verband. Nur die St. Galler Bratwurst, von der selbst ich als Vegetarierin gehört hatte, war mir ein Begriff.

Verwirrende Fragen schwirren jetzt durch den Kopf. Wie funktioniert das hier mit der Abfallentsorgung? Auf wann ist die erste Miete fällig? Und warum läuft die Geschirrwaschmaschine ohne dieses komische Salz nicht? So viel Unklarheit und niemand zu Hilfe. Natürlich lernte ich im Elternhaus, wie ein Haushalt geführt wird. Aber bei wirklich jeder Kleinigkeit auf sich alleine gestellt zu sein, ist eine neue Erfahrung. Nur der Gedanke an meine über tausend Kommilitonen, denen es genauso oder ähnlich ergeht, spendet Trost.

Trotzdem, es liegt jetzt eine Zeit vor mir, auf die Berufstätige oft mit Sehnsucht zurückzublicken. «Nie wieder wirst du so frei sein wie Studentin», seufzt mein älterer Bruder am Telefon. Seine vertraute Stimme beruhigt. Hoffentlich werde auch ich in vielen Jahren mit leuchtenden Augen von meinem Leben als Studentin in St. Gallen erzählen.