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ST.GALLEN: Ein Sprachkoffer für alle

Die St.Galler Gemeinden wollen ab Sommer 2017 mit offenen Schulen eine Basis für die Förderung der deutschen Sprache legen. Die Idee kommt nicht überall gut an.
Christoph Zweili
Der Besuch des Deutschunterrichts an den Quartierschulen soll allen offenstehen, ungeachtet ihres Status. (Bild: Gaëtan Bally/KEY)

Der Besuch des Deutschunterrichts an den Quartierschulen soll allen offenstehen, ungeachtet ihres Status. (Bild: Gaëtan Bally/KEY)

ST.GALLEN. Ahmed Mohammed ist 17. Der minderjährige Eritreer ist ohne elterliche Begleitung in die Schweiz eingereist. Er ist einer von 25 Jugendlichen, die vom Thurhof in Oberbüren in die Marienburg in Thal gewechselt haben. 13 Tage nach seiner Ankunft im ehemaligen Gymnasium der Steyler Missionare stellt er sich dem Deutschtest A1. 90 Minuten hat er für die Beantwortung der 90 Fragen Zeit; so muss er wissen, dass es «der» und nicht «die» Rucksack heisst. Was er im eigenen Rucksack an Bürde mitschleppt, hat in einem dürren Begleitdossier des Kantons Platz. «Ist umgänglich. Hat Kontakt mit anderen», heisst es da nur.

Ahmed ist stolz. Am Tag nach dem Deutschtest steht fest: Er hat 75 von 90 Fragen richtig beantwortet. Die erste Hürde ist geschafft, eine zweite hat er noch zu nehmen – das geforderte Sprachniveau in den kantonalen Integrationsvereinbarungen ist mehrheitlich A2. Der junge Eritreer hat verstanden: Der Erwerb der deutschen Sprache ist der Schlüssel für den Eintritt in den Arbeitsmarkt und auch für gesellschaftliche Kontakte. «Hier fasst heute nur Fuss, wer über elementare Sprachkenntnisse verfügt, heute mit den Niveaustufen A1 oder A2 umschrieben», sagt auch Roger Hochreutener, Geschäftsführer der St.Galler Gemeindepräsidenten und -präsidentinnen (VSGP). Je früher Asylbewerber, Flüchtlinge, vorläufig Aufgenommene oder EU-Bürger beim Familiennachzug die Möglichkeit hätten, die Sprache zu erlernen, desto besser klappe es mit der Integration.

Das erste Dutzend Quartierschulen

Auf dieser Idee fusst die Idee der Quartierschulen (Ausgabe vom 30. September). Ein gutes Dutzend St.Galler Gemeinden setzt sie bereits heute um – das Angebot: Wohnortnah zwei- bis dreimal pro Woche die deutsche Sprache lernen in Schulen, Pfarreien oder Kirchgemeindehäusern, gratis und franko von ehemaligen Lehrkräften oder anderen Freiwilligen unterrichtet. Ab Sommer 2017 wollen die Gemeinden die Idee der Quartierschulen flächendeckend umsetzen. Auslöser ist der Kanton: Im Dezember 2015 hatte das Departement für Inneres entschieden, dass die Integrationspauschalen des Bundes für die Integrationsförderung ausreichen müssen. Diese 6000 Franken pro Kopf stehen aber nur anerkannten Flüchtlingen und vorläufig aufgenommenen Personen zu.

Weil die sprachliche Integration 80 Prozent der Ausgaben ausmacht, hat der Kanton die Lektionen reduziert. Damit können nun nicht mehr ganze Kursreihen beantragt werden, sondern nur noch maximal 500 Lektionen. «Das reicht bei weitem nicht», sagt Hochreutener. «Bei Analphabeten oder bei Syrern, die erst mühsam das lateinische Schriftbild erlernen müssen, braucht es erfahrungsgemäss bis zu 1500 Lektionen bis zur Arbeitsmarktfähigkeit.» Die Gemeinden haben sich die Deutschförderung bisher eine Million Franken pro Jahr kosten lassen. Auf die gleiche Summe kommt, wer den Bundes- (500 000 Franken), den Kantonsbeitrag (300 000) und die Summe, die für die Verlängerung der Schulung (200 000) vorgesehen ist, zusammenzählt. Das reicht aber nicht: Für das laufende Jahr schätzt der Kanton die Gesamtkosten auf 2,8 Millionen Franken. Die Gemeinden haben dreimal von 2014 bis 2016 das Defizit von zusätzlich 800 000 Franken getragen. Nun frieren auch sie ihren Beitrag bei einer Million Franken ein und steigen aus der Finanzierungsvereinbarung mit dem Kanton aus. Der den professionellen Anbietern von Integrations-Deutschkursen erst Ende September eröffnete Entscheid löste heftige Kritik aus. Hochreutener versteht die Aufregung nicht. «Mit der Idee der Quartierschulen gefährden wir die Arbeit der professionellen Sprachschulen nicht. Wir wollen die Zeit nutzen, um Menschen in den Gemeinden zu schulen – egal, welchen ausländerrechtlichen Status oder Asylentscheid sie haben.» Verfügten sie über die nötige Grundbildung, könnten sie anschliessend weitergehende professionelle Sprachschulen besuchen. Bis zu 200 Quartierschulen will die VSGP mit je 5000 Franken pro Jahr finanzieren. «Eine pro Gemeinde ist geplant, ihr Besuch ist für Sozialhilfebezüger verbindlich und für alle andern freiwillig.» Grössere Gemeinden oder einem grösseren Ausländeranteil brauchten wohl ebenso mehrere Schulen «wie auch eine Stadt wie St.Gallen», sagt Hochreutener.

Landeskirchen stehen hinter dem Konzept

Die VSGP stellt das Konzept, die Lektionentafel, die Lerninhalte je Lektion und die Musterverträge zur Verfügung. «Zusammen mit der Pädagogischen Hochschule St.Gallen wollen wir einen Musterlehrgang entwickeln – quasi einen Sprachkoffer. Die Anfrage läuft, eine Zusage haben wir aber noch nicht», sagt VSGP-Präsident Boris Tschirky. Am Konzept könnten sich auch weitere Akteure beteiligen. «Die Landeskirchen etwa finden das Konzept gut – sie wollen uns bei der Umsetzung unterstützen.»

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