«Der Klimawandel verlangt allen etwas ab»: St.Galler Architekt ärgert sich über Klimapolitik des Kantons

Die St.Galler Regierung hat Fördermassnahmen zum Klimaschutz gestrichen. Das ärgert einen St.Galler Architekten.

Christoph Zweili
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Ohne zusätzliche Mittel reichen die Energiefördergelder nicht bis Ende 2020. (Bild: Christian Beutler/Keystone)

Ohne zusätzliche Mittel reichen die Energiefördergelder nicht bis Ende 2020. (Bild: Christian Beutler/Keystone)

Die Kritik kommt von ungewohnter Seite: Dass der Kanton St.Gallen wie im Amtsblatt von Ende Juni angekündigt die Energieberatungen für kleine und mittlere Unternehmen sowie die Landwirtschaft streicht, stösst dem St.Galler Architekt Michael Mettler sauer auf. «Die Regierung streicht in Zeiten der Klimakrise zehn Massnahmen und beantragt gleichzeitig mehr Energiefördermittel.»

Michael Mettler. (Bild: PD)

Michael Mettler. (Bild: PD)

Auch für die Stadtwerke St.Gallen kam die Streichung der Energieberatungen kurzfristig – «als habe man während des Spiels die Regeln geändert». Kleine und mittlere Unternehmen auf Stadtgebiet mit einem Stromverbrauch von unter 500'000 Kilowattstunden pro Jahr mussten sich bisher bezüglich Energieeffizienz zuerst beraten lassen, um von Energiefördermitteln des Kantons profitieren zu können. Das hatte sich der Kanton 4000 Franken pro Fall kosten lassen. Über ein Bundesprogramm tut sich nun eventuell doch noch eine Tür auf, wie eine Aussprache mit der kantonalen Energieagentur am Mittwoch ergab.

7 Millionen Fördermittel in 
St.Gallen, 17 im Thurgau

Dem St.Galler Bauchef Marc Mächler bescherte die Streichung der zehn Massnahmen dicke Post. Mettler spricht von «Vertrauensbruch» und macht seiner Empörung über die Streichung der Fördermassnahmen in Zeiten der Klimakrise Luft – «ein Signal, dass der Kanton sich um verantwortungsvolles Handeln seitens Unternehmen und Zivilgesellschaft foutiert». Die von der Regierung beantragte Fördersumme von neu rund sieben Millionen Franken pro Jahr komme einer durchschnittlichen Förderung von 70 Franken pro Gebäude gleich.

Für den Architekten ist dies absolut unzureichend. Der Blick auf die andern Ostschweizer Kantone zeigt: Mit 17,4 Millionen Franken steht im Kanton Thurgau am meisten Geld für die Energieförderung zur Verfügung. In Appenzell Ausserrhoden sind es gut 2 Millionen, in Appenzell Innerrhoden 650'000 Franken.

Weit ehrgeizigere Ziele als der konservative Kanton St.Gallen steckt sich der Kanton Basel-Stadt zum Schutz des Klimas. Im Rahmen einer Fortbildung an der Universität Zürich schreibt Mettler eine Masterarbeit über dessen «wegweisendes Energiegesetz». Dieses, seit Oktober 2017 in Kraft, verbietet faktisch den Ersatz fossiler Heizungen und schreibt stattdessen erneuerbare Energieträger vor.

«Das ist der schnellste Weg, um Kohlendioxid-Emissionen zu senken».

Bis 2050 sollen die gesamten Emissionen auf eine Tonne pro Einwohner und Jahr reduziert werden. Kein Wunder, dass auch andere Kantone neidisch nach Basel schielen. Nebst Basel-Stadt bekundet auch der Bund Interesse an Mettlers Datenauswertung; dessen Arbeit wird vom HSG-Professor und Klimaexperten Rolf Wüstenhagen betreut.

«Beim Klima steht nicht nur der
Staat in der Verantwortung»

«Der Klimawandel verlangt allen etwas ab», ist der Architekt überzeugt. Alle stünden in der Verantwortung, «nicht nur der Staat». Mettlers Schluss ist einfach und nachvollziehbar: Wer ein Haus besitzt und über die Heizung die Luft verschmutzt, muss etwas tun. Bessere Dämmungen, effizientere Haustechnik, ökologisch bessere Energieträger, Fotovoltaik-Anlagen: Das ganze Immobilienportfolio der Mettiss AG, deren Geschäftsführer Mettler ist, wurde über die vergangenen zehn Jahre auf Nachhaltigkeit ausgelegt.

Dem St.Galler Familienunternehmen ist das gutes Geld wert. Es hat ihre sechs Gewerbeliegenschaften systematisch energetisch saniert – Dächer, Fassaden, Fenster, Sonnenschutz. «Wir haben in vier von fünf Heizzentralen Erdöl als Brennstoff abgeschafft und an vier Standorten Fotovoltaik-Anlagen errichtet», sagt Mettler.

Gegenwärtig realisiert er in der Stadt St.Gallen «ein weiteres kostspieliges energetisches Sanierungsprojekt»: Vier Zentimeter Korkdämmung, Ölheizung, zweifach verglaste Fenster, Klimakonvektoren, die heizen und kühlen – dies alles wird ersetzt. Mit Investitionen von rund fünf Millionen Franken wird der Spitzenwärmebedarf im problematischen Bau von 1969/71 um den Faktor zehn auf 15 Watt pro Quadratmeter und Jahr gesenkt.

«Auch wir haben von kantonalen Fördermitteln profitiert – bei den Fotovoltaik-Anlagen und bei der Umstellung auf LED-Beleuchtung je mit zehn Prozent der Kosten. Von den gestrichenen Fördermassnahmen sind wir aktuell nicht betroffen.» In Zeiten, wo die Jugend für den Klimaschutz auf die Strasse geht, sei das Vorgehen des Kantons das falsche Signal – «die Fördermittel sind ein kleines Zückerchen mit grossem Hebel».

Jeder investierte Franken löse zehn Franken an Investitionen aus, schaffe Arbeitsplätze im Baugewerbe. Die Diskussion darüber sei schlicht keine Frage der politischen Couleur, sondern eine der Logik: Das mache volkswirtschaftlich Sinn.

«Wir haben einen Generationenvertrag über die AHV und das Bildungssystem. Wir brauchen auch eine generationenübergreifende Verantwortung in der Klimapolitik.»