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«Klar hat eine Firma mit mir mehr Aufwand, aber es gäbe auch positive Effekte»: Junge Flawilerin im Rollstuhl hofft trotz 150 Absagen auf Jobeinstieg

Im Sommer schloss sie bei Maestrani die Lehre zur Kauffrau ab, seither arbeitete sie als Praktikantin. Der Berufseinstieg blieb Rahel Stalder, seit Geburt im Rollstuhl, bisher verwehrt – nicht nur wegen Corona.

Marcel Elsener
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Rahel Stalder ist zuversichtlich, trotz Corona- und anderen Hürden bald eine Festanstellung zu finden.

Rahel Stalder ist zuversichtlich, trotz Corona- und anderen Hürden bald eine Festanstellung zu finden.

Privatarchiv

Den Mut nicht verlieren, die Zuversicht nie aufgeben: Das mussten wir im niederschmetternden Coronajahr alle lernen. Und womöglich wuchs das Verständnis für jene, die zeitlebens mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit leben: Menschen, die auf den Rollstuhl angewiesen sind. Wie Rahel Stalder, die nichts anderes kennt. Sie kann wegen einer von Geburt an defekten Wirbelsäule, medizinisch Spina bifida, nicht laufen. Oder nur mühselig mit Spezialschienen und an Stöcken.

Besondere Kräfte bemühen und den Mut nicht verlieren, das tut die 21-jährige Flawilerin seit ihrer Kindheit. «Unter Corona hab ich nicht speziell gelitten», sagt sie. «Das hat andere wahrscheinlich trauriger getroffen.» Und doch hat die Pandemie ihr Jahr als frisch ausgelernte Berufsfrau zusätzlich erschwert: Als ob die Stellensuche aufgrund ihrer Mankos - körperliche Beeinträchtigung, mangelnde Berufserfahrung - nicht schwierig genug wäre, kamen noch die wirtschaftlichen Coronafolgen wie Kurzarbeit oder Einstellungsstopp dazu.

Mit Freude am Empfang und Kundenkontakt

Im Juli schloss Rahel Stalder die dreijährige Lehre als Kauffrau EFZ bei Maestrani an ihrem Wohnort ab. Corona führte da gar zu einer unverhofften Erleichterung: Die meisten Lehrabschlussprüfungen fielen aus, zum Zeugnis reichten die (guten) Schulnoten. Dass es mit den Bewerbungen schwierig werden würde, hatte sich jedoch schon im Frühlings-Lockdown abgezeichnet: Die leise Hoffnung, nach der Lehre in der Flawiler Firma weiterarbeiten zu können, zerschlug sich.

Die Arbeit am Empfang oder im Backoffice einer Firma würde der sprachgewandten Flawilerin gefallen. Sie schätzt den Kundenkontakt und die Beratung, ob mündlich oder schriftlich. Die Branche spiele keine Rolle, doch sollte sie «nicht zu zahlenlastig sein», sagt sie schmunzelnd. Im August fand sie eine Praktikumsstelle bei einer Personalvermittlungsfirma in Weinfelden und schrieb seither unablässig Bewerbungen: sicher 70, 80 Stellengesuche habe sie verfasst, meistens auf ausgeschriebene Jobs, manchmal auch Blindbewerbungen.

Lauter Absagen, und nicht immer mit guten Gründen

Alles vergeblich, es hagelte Absagen, oft mit der Begründung, man habe eine Kandidatin vorgezogen, die den Anforderungen besser entspreche. Immerhin habe sie auf Nachfrage nach möglichen Verbesserungen nie gehört, dass ihre Bewerbung zuwenig gut gewesen sei. Weil sie ihr Praktikum verlängern konnte und bis am Vorweihnachtstag gearbeitet hat, trägt sie den Misserfolg mit Fassung. Sie sagt:

«Natürlich ist es frustrierend, ja deprimierend. Wenn ich nun gar nicht mehr arbeiten kann, wird’s wirklich happig.»

«Sie ist eine bewundernswerte Kämpferin», sagt Ruth Ziltener, Job Coach bei der Stiftung förderraum in St.Gallen. Sie hat für ihre Klientin in ihrem Arbeitgebernetzwerk selber bereits über 80 Firmen kontaktiert, «leider ohne Erfolg», wie sie sagt.

«Entweder sind die Unternehmen nicht barrierefrei oder infolge Corona in Kurzarbeit oder sonst etwas.»

Gesamthaft über 150 Bewerbungen hat die junge Berufseinsteigerin demnach schon abgeschickt.

Für das «Sonst etwas» hat Rahel Stalder ein feines Gespür entwickelt. Und eine gesunde Skepsis, wenn sie beispielsweise in die engere Auswahl eines Spitex-Alterszentrums kommt und dann den Bescheid erhält, die Räume seien nicht rollstuhlgängig. «Das riecht seltsam, da wäre mir eine ehrliche Antwort lieber.» Selbstbewusst hofft die junge Kauffrau auf Unternehmen, die «offen sind, um etwas auszuprobieren und sich positiv überraschen zu lassen», wie sie sagt. «Klar hat eine Firma mit jemandem wie mir etwas mehr Aufwand, aber es gäbe auch positive Effekte, gegen innen, für die Empathie unter Mitarbeitenden, aber auch gegen aussen.» Sprich eine Firma, die Menschen mit einer Beeinträchtigung beschäftigt, gewinnt an sympathischer Ausstrahlung.

Mit der Familie oder den Kolleginnen zum Bowling

Die Inklusion in der Schule verdankt Rahel Stalder ihren Eltern. Statt den vorgezeichneten Weg mit CP-Schule und sonstigen Sonderbehandlungen zu akzeptieren, kämpften sie für den «normalen Weg», wenigstens probeweise. Dass es klappte, vom Kindergarten bis zur Oberstufe, sei ein «Riesenglück», sagt Stalder.

«Dank grossartigen Schulkameraden und Lehrpersonen war ich immer integriert, auch auf Schulreisen und in Klassenlagern.»

Das ging sogar soweit, dass sich eine Lehrerin in einem Skilager um einen Spezialbob und einen Monoski-Probelauf bemühte. Bewegungschancen, die Rahel Stalder im Familien- oder Kollegenverbund auch im Privatleben schätzt, sind etwa Handbike fahren, Bowling oder Schwimmen im Hallenbad oder im Bodensee.

Der Support in der Familie ist viel wert, die Mutter arbeitet im Bistro eines Altersheims und für eine Reinigungsfirma, die ältere Schwester wirkt als Pflegefachfrau im Kantonsspital St.Gallen. Deren Zuneigung braucht auch der Vater, der an Multipler Sklerose erkrankt ist und schon vor Jahren in einen betreuten Wohnplatz umziehen musste. Im Gegensatz zum Vater kann sich Rahel Stalder auf den Knien bewegen und notfalls auch eine Treppe ersteigen – mangels Rampe tat sie das täglich auch am Praktikumsarbeitsplatz.

Eine bewundernswerte Kämpferin, wie gesagt. Sollte die Frustration der Stellenlosigkeit in den nächsten Monaten anhalten, werde sie endlich die Autoprüfung in Angriff nehmen, sagt Stalder. Theorie hat sie schon mal gebüffelt. Auch das Lauftraining und die Muskelübungen sollte sie forcieren, sagt sie. Corona macht ihr wenig Sorgen, «ich bin gesund und mein Immunsystem ist gut», so dass auch Hallenbadbesuche möglich sein sollten. Und wer weiss, vielleicht greift sie sogar wieder einmal zum Waldhorn, dass sie einst spielte, «weil es so schön glänzt», wie sie lacht. Sie bleibt zuversichtlich, dass es 2021 mit einer Festanstellung klappt.