Stationshalter unter Druck

ISLIKON. Sie übernahmen einst Bahnstationen, die von den SBB nicht mehr bedient wurden. Doch das Einkommen der privaten Stationshalter wird immer mehr beschnitten.

Sina Bühler
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«Die Leute kommen aus Sympathie»: Vreni Züger in ihrer SBB-Reiseagentur in Islikon. (Bild: Nana do Carmo)

«Die Leute kommen aus Sympathie»: Vreni Züger in ihrer SBB-Reiseagentur in Islikon. (Bild: Nana do Carmo)

Weil die SBB nach und nach ihre unrentableren Bahnhöfe schliessen, haben Private die Räume und das Geschäft übernommen. Sie verkaufen als Stationshalter Abos, Billette, Rundfahrten und machen Reservierungen. Eine gute Sache, finden viele und kaufen ihr GA oder ihr Billett bewusst an den Schaltern, die sonst verwaisen würden. Beispielsweise bei Vreni Züger in Islikon. Die Kunden kommen aus der ganzen Umgebung an ihren Schalter – obwohl sie ihr Billett auch mit zwei, drei Klicks online kaufen könnten. Vreni Züger erhält dafür eine Provision von den SBB. «Die Leute kommen aus Sympathie», sagt sie, «aber sie schätzen auch, dass sie Auskünfte über das inzwischen breitgefächerte Billettsortiment erhalten.»

Stationshalterinnen und -halter wie Vreni Züger werden immer seltener. Heute sind es noch elf in der ganzen Schweiz, vier davon in den Kantonen St. Gallen und Thurgau. Denn nach und nach verschärfte die Bahn die Vertragsbedingungen. Trotz trotz steigender Umsätze werde es immer schwieriger zu überleben, sagt Vreni Züger: «Die Provisionen werden gegenüber den geforderten Leistungen für den Betrieb des Billettverkaufes immer wieder etwas zurückgestutzt.» SBB-Sprecher Daniele Pallecchi sagt dazu: «Über die genauen Modalitäten geben wir keine Auskunft.»

Mieter und Vermieter zugleich

Im Fall von Martin Frischknecht, der in St. Gallen-Bruggen das Intercity-Reisebüro führt, kam ein ungünstiger Mietvertrag dazu: «Die SBB wollten, dass ich weiterhin das ganze Bahnhofsgebäude miete. Ich hatte aber kein Interesse mehr daran, auch noch als Vermieter aufzutreten», sagt Frischknecht. Als Gewerbemieter hätte er einen Fünfjahresvertrag gehabt, die Mietwohnung im Haus weist aber eine viel kürzere Kündigungsfrist auf – der Aufwand war ihm zu gross. So zügelte Martin Frischknecht Anfang April sein Reisebüro 500 Meter weiter an die Lehnhaldenstrasse 42. Dort verkauft er weiterhin Reisen, nur den Schalter für die SBB führt er nicht mehr.

Daniele Pallecchi wehrt sich gegen die Vorwürfe, dass die SBB bei ihren Geschäften nur auf Rendite aus seien. «Unser sorgsamer Umgang mit den Finanzen, die Wirtschaftlichkeit des Betriebs ist in der Leistungsvereinbarung mit dem Bund festgeschrieben», sagt er. Breite Kreise fordern von den SBB, marktwirtschaftlich zu funktionieren, sowohl der Bund als Besitzer als auch die Politik. Und dennoch meint Pallecchi: «Wir anerkennen nach wie vor, dass die privaten Stationshalter einen wichtigen Beitrag leisten.»

Die Verträge laufen noch bis Ende 2017 und enthalten sowohl einen Fixbetrag wie auch einen variablen, umsatzabhängigen Teil. Die SBB haben das mit der IG Stationshalter ausgehandelt, bei der Vreni Züger im Vorstand ist. Die IG wurde 2011 gegründet, nachdem allen Stationshaltern erstmals die Verträge gekündigt wurden. «Unser Anliegen ist, dass wir gemeinsam unnötigen Schalterschliessungen entgegenwirken können und so den Service Public nicht nur in den Städten, sondern auch auf dem Land aufrechterhalten können», sagt Vreni Züger.

Kampf gegen Automatismus

Die meisten Mitglieder führen neben dem SBB-Schalter ein weiteres Geschäft – sei das nun ein Reisebüro, ein Bistro oder die Tourist-Information wie in Rorschach. Mit Billettverkäufen alleine lässt sich kaum genug Geld verdienen. «Die Zeiten haben sich geändert», sagt SBB-Sprecher Pallecchi. Heute würden 70 Prozent der Fahrausweise nicht mehr am Schalter verkauft, sondern am Billettautomaten gelöst, telefonisch bestellt, zu Hause selber ausgedruckt oder sogar unterwegs aufs Handy geladen.» Anfangs sah es danach aus, dass der neue Swisspass, der ab Juli das Generalabonnement ersetzen wird, für die privaten Stationshalter eine weitere Ertragseinbusse bedeutet hätte. Dieses Abo wird nämlich automatisch verlängert. Doch seit die Konsumentenorganisationen dagegen protestierten, kommuniziert der Verband öffentlicher Verkehr (VöV) offensiv, wie der Automatismus verhindert werden kann. «Wenn Sie es beim Kauf am Schalter oder am Telefon angeben, können Sie das Abo auch auf ein Jahr beschränken», sagt VöV-Sprecher Andreas Keller. Das Personal übernimmt so die Kündigung, die Sie online selber erledigen müssten. Es gibt am Schalter also weiterhin zu tun.

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