Fehlende Transparenz: Die Standortförderung hält die Zahl der Ansiedlungen von ausländischen Firmen geheim – verliert St.Gallen den Anschluss?

Wenn es um die Zahl der Ansiedlungen von ausländischen Firmen geht, hält sich die St.Galler Standortförderung bedeckt. Anderes sei gerade so wichtig, heisst es.

Katharina Brenner
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Fast die Hälfte der neu angesiedelten Firmen in der Schweiz kommt aus der Branche der Informatik- und Kommunikationstechnik. (Bild: Getty)

Fast die Hälfte der neu angesiedelten Firmen in der Schweiz kommt aus der Branche der Informatik- und Kommunikationstechnik. (Bild: Getty)

Blühende Landschaften ringsherum. 117 ausländische Unternehmen haben sich im vergangenen Jahr in der Greater Zurich Area (GZA) angesiedelt. In ihrer Mitteilung lässt die Standortförderungsorganisation von Grosszürich keinen Zweifel daran, dass diese Ansiedlungen ihr Verdienst und das ihrer kantonalen und städtischen Partner sind.

1300 neue Arbeitsplätze wollen die Firmen in den nächsten fünf Jahren schaffen. Die GZA-Geschäftsführerin erfüllt das «mit grosser Freude». Freude auch bei den Kollegen am Rhein: Die Basel Area vermeldet 33 neu angesiedelte Firmen, die «hunderte Arbeitsplätze» schaffen wollen. Derweil feiert die Greater Geneva Bern Area den «attraktiven Standort Westschweiz» mit 92 Neuansiedlungen im vergangenen Jahr.

Vergleiche seien «nicht zielführend»

Und die St.Gallen Bodensee Area? Sieht offensichtlich keinen Grund zu feiern – oder zumindest keinen, Zahlen zu Neuansiedlungen zu präsentieren. Man habe in der Vergangenheit auf eine Veröffentlichung verzichtet und werde diese Praxis nicht ändern, sagt Karin Jung, Leiterin des Amts für Wirtschaft und Arbeit im Kanton St.Gallen.

Karin Jung, Leiterin des Amts für Wirtschaft und Arbeit im Kanton St.Gallen (Bild: pd)

Karin Jung, Leiterin des Amts für Wirtschaft und Arbeit im Kanton St.Gallen (Bild: pd)

Die hiesige «Area» ist im Gegensatz zu den anderen keine eigenständige Organisation, sondern eine Bündelung der Promotionsaktivitäten der vier Ostschweizer Kantone. Die St.Galler Standortförderung ist Jung unterstellt.

Ihrer Meinung nach sind Vergleiche aufgrund reiner Ansiedlungszahlen «nicht zielführend», da «fundamentale Differenzen in Bezug auf die Definitionen, die Struktur, die Ausrichtung, die Budgets oder die Standorteigenschaften bestehen». Eine Publikation würde «irreführenden Interpretationen unnötig Vorschub leisten».

Schweizweiter Abwärtstrend

Woher kommt diese Intransparenz? Ist die Standortförderung nicht erfolgreich bei der Ansiedlung von Unternehmen? Jungs Antwort:

«Nein. Die Unternehmen, die bereits hier sind, sind unser wichtigstes Kapital.»

Geheim sind die Zahlen der Ansiedlungen, zumindest der vergangenen Jahre, indes nicht. Sie tauchen in der regierungsrätlichen Botschaft über das Mehrjahresprogramm der Standortförderung für die Jahre 2019 bis 2022 auf. Zwischen 2015 und 2017 wurden 32 Ansiedlungen realisiert, die Zielvorgabe von 25 überschritten. Im Vergleich zum Zeitraum 2011 bis 2013 war die Zahl der Neuansiedlungen aber um mehr als die Hälfte eingebrochen.

Ein Abwärtstrend bei den Ansiedlungen war in den vergangenen Jahren schweizweit auszumachen. Laut Jung haben ungeklärte steuerrechtliche Fragen oder die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative zu Unsicherheiten bei ausländischen Firmen geführt.

Informatik-Branche besonders beliebt

Mit dem Abwärtstrend ist nun Schluss: Die Konferenz Kantonaler Volkswirtschaftsdirektoren veröffentlichte Anfang Woche die Zahl der Neuansiedlungen in der Schweiz 2018, die durch Standortorganisationen erreicht wurden. Fast die Hälfte davon kommt aus den Branchen Informations- und Kommunikationstechnik sowie Life Sciences.

Die Zahl der Ansiedlungen ist auf 282 gestiegen, 37 mehr als im Vorjahr. Wie viele davon auf St.Galler Boden sind, ist unklar. Fest steht: Allein die Standortorganisationen Basel, Bern-Genf und Grossraum Zürich – der von Schaffhausen bis Chiasso reicht –verbuchen 242 von 282 Ansiedlungen auf ihre Konten.

Ansiedlungen sind eines von sechs Themen

Jung relativiert die Bedeutung der Ansiedlung von ausländischen Unternehmen als «eines von vielen Themen des Leistungsauftrags». Dessen Schwerpunkte sind: Arbeits- und Fachkräfte, Innovation, Gründen, Immobilien, Touristische Infrastruktur, Internationale Märkte und Promotion. Die Leistung der Standortförderung einzig auf die Neuansiedelungen zu reduzieren, greife «ganz klar» zu kurz.

Finanziell wirken die anderen Schwerpunkte allerdings wie Federgewichte. 2,36 Millionen Franken fliessen in «Internationale Märkte und Promotion» – fast ein Drittel des Programmkredits von 7,5 Millionen Franken für die Jahre 2019 bis 2022. Die Standortförderung, die mit 860 Stellenprozenten dotiert ist, erhält dabei Unterstützung vom Asia Connect Center (ACC) der Universität St.Gallen.

Ostschweizer Unternehmen in Asien

Der Austausch geht hier auch in die andere Richtung: Direktor Roger Moser sagt, das Center unterstütze jährlich 30 Unternehmen und Organisationen aus der Ostschweiz, «wenn es darum geht, sich in neuen Geschäftsumfeldern zurechtzufinden», insbesondere in Asien.

Aller Relativierung zum Trotz: Wenn sich einmal eine ausländische Firma im Kanton ansiedelt, ist die Freude bei den Volkswirtschaftsdirektoren gross, etwa als Sigma-Aldrich 2010 seinen Europa-Sitz in St.Gallen eröffnete oder die Ölfirma Transoil 2011 nach St.Gallen kam. Beide Firmen haben den Standort inzwischen verlassen. Jung sagt, die Bedeutung «vereinzelter Wegzüge von Unternehmen» sei «nicht überzubewerten».

Jüngst kündigte das Chemieunternehmen Dow Europe die Schliessung des Unternehmens in Buchs per Ende Jahr an. 65 Angestellte müssen gehen. Meldungen wie jene aus Luzern von Anfang März, als Adidas verkündete, dort eine Niederlassung mit 100 Stellen zu gründen, vermisst man in St.Gallen.

Expansion ist Herausforderung

Gerade so wichtig wie Neuansiedlungen sei im «aktuellen wirtschaftlichen Umfeld» die «Bestandespflege», meint Jung. Die Suche nach Expansionsflächen für bereits ansässige Firmen stelle «die grösste Herausforderung» dar. Zwischen 2015 und 2017 hat die Standortförderung 53 Expansionsprojekte von St.Galler Unternehmen begleitet. Diese schaffen gemäss Botschaft der Regierung über 1500 neue Arbeitsplätze und tragen zur Sicherung von über 4000 bestehenden Arbeitsplätzen bei.

Barbara Gysi, Präsidentin des Gewerkschaftsbunds St.Gallen (Bild: Peter Klaunzer)

Barbara Gysi, Präsidentin des Gewerkschaftsbunds St.Gallen (Bild: Peter Klaunzer)

Barbara Gysi, Präsidentin des Gewerkschaftsbunds St.Gallen, sagt: «Wir standen der Standortförderung des Kantons immer kritisch gegenüber, da sie mit Steuergeschenken Firmen in den Kanton lockt, welche nach Fristablauf der Privilegierung den Kanton wieder verlassen.»

Um dem entgegen zu wirken, gibt es eine «Wegzugs- und Liquiditätsklausel», wie aus dem Bericht zu Steuererleichterungen in den Jahren 2012 bis 2017 hervorgeht. Die Regierung hält fest, dass in diesen Jahren 66 Unternehmen Steuererleichterungen gewährt worden sind; in drei von vier Fällen war diese bereits im Kanton ansässig.

Sichere Arbeitsplätze haben Priorität

Michael Götte, Präsident der vorberatenden Kommission zum aktuellen Mehrjahresprogramm, sagt:

«Bei der Ansiedlung von Firmen zählt die Qualität, nicht die Quantität.»

Mit Qualität meint er «sichere Arbeitsplätze und Firmen, die sich der Region verbunden fühlen und nicht nur wegen Steuererleichterungen hierher kommen». Ähnlich äussert sich auch Jung: Wer nur wegen der Steuern komme, werde ohnehin nicht lange bleiben.

Peter Hartmann, SP-Kantonsrat (Bild: Urs Bucher)

Peter Hartmann, SP-Kantonsrat (Bild: Urs Bucher)

SP-Kantonsrat Peter Hartmann, Mitglied der vorberatenden Kommission zum Mehrjahresprogramm, spricht von «wirkungsvollen Kontrollmechanismen» bei den Steuererleichterungen. Der Kanton sei hier auf gutem Weg. Als Anlaufstelle für Unternehmen wertet Hartmann die Standortförderung durchaus positiv. Ihr Erfolg sei aber tatsächlich schwer zu überprüfen.

Im Juni 2018 zitierte diese Zeitung einen Mitarbeiter der Standortförderung mit dem Satz: «Wir sind nicht dort, wo wir gern wären». Sind sie es inzwischen? Karin Jung sagt: «Doch natürlich, aber die Standortförderung befindet sich in einem ständigen Wandel. Wenn wir sagen würden, es gibt kein Verbesserungspotenzial, würden wir unseren Job nicht gut machen.»

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