STANDORTFÖRDERUNG: Im Würgegriff von Grosszürich

Der Kampf um Unternehmen, Arbeitsplätze und Steuergelder ist auch ein Wettstreit der Wirtschaftsräume. Die Ostschweiz kämpft mit kurzen Spiessen gegen einen übermächtigen Nachbarn.

Andri Rostetter
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Fehlende Bekanntheit: Besucher am Stand der St. Galler Standortförderung an der Immobilienmesse in den Olma-Hallen. (Bild: Benjamin Manser (16. März 2018))

Fehlende Bekanntheit: Besucher am Stand der St. Galler Standortförderung an der Immobilienmesse in den Olma-Hallen. (Bild: Benjamin Manser (16. März 2018))

Andri Rostetter

andri.rostetter

@tagblatt.ch

Die Ostschweizer Kantone tun sich normalerweise schwer, wenn es um Zusammenarbeit geht. Eine Ausnahme machen sie bei der Wirtschaftsförderung. Unter dem Namen St. Gallen-Bodensee Area (SGBA) betreiben St. Gallen, Thurgau, Appenzell Ausserrhoden und Appenzell Innerrhoden gemeinsam eine Organisation, um Firmenansiedlungen zwischen Zürichsee und Bodensee voranzutreiben. Das Geschäft der hiesigen Standortförderer ist hart: Als einziger Schweizer Wirtschaftsraum ist die Ostschweiz eingekesselt von einer massiv grösseren Standortförderungsorganisation. Die Greater Zurich Area AG (GZA) umfasst mittlerweile acht Kantone und umschliesst damit die ganze Ostschweiz. Noch vor einigen Jahren stand die Zürcher Organisation vor einer unsicheren Zukunft. 2010 wälzten die Volkswirtschaftsdirektoren von Zürich und Basel Pläne für eine Zusammenarbeit. Die ­Gespräche versandeten, in der gleichen Zeit traten die Aargauer aus der GZA aus. Das Aargauer Parlament hatte wiederholt kritisiert, dass sich zu wenige ausländische Firmen durch die Hilfe der Greater Zurich Area im Kanton ­ansiedelten.

Solche Klagen sind mittlerweile nicht mehr zu hören, der Schrumpfprozess, der noch vor acht Jahren drohte, konnte gestoppt werden. Mehr noch: Die Organisation ist wieder für potenzielle Neumitglieder interessant. Im November 2017 gab die GZA bekannt, dass mit dem Kanton Tessin über einen Beitritt verhandelt werde. «Der Beitritt des Tessins würde in der Greater Zurich Area vorhandene technologische Kompetenzen und Netzwerke stärken und erweitern», frohlockte die Organisation. Laut dem Wirtschaftsmagazin «Bilanz» könnte der Tessin bereits ab 2019 Mitglied sein, just zum 20-Jahr-Jubiläum der GZA. ­Warum die Grosszürcher Standortförderung für andere Kantone wieder attraktiv geworden ist, lässt sich auch an den jüngsten Zahlen ablesen: Im Jahr 2017 konnte die GZA in ihren Kantonen 100 Unternehmen ansiedeln und 834 Arbeitsplätze schaffen. Bis in fünf Jahren sollen daraus 1500 Stellen werden.

Keine eigenen Mitarbeiter, bescheidenes Budget

Von solchen Zahlen können die Ostschweizer Standortförderer nur träumen. «Wir sind nicht dort, wo wir gern wären», sagt Franc Uffer, Delegierter der St. Gallen-Bodensee Area. Zahlen zu Firmenansiedlungen gibt die Organisation keine bekannt. Uffer sagt nur: «Der Wettbewerb ist schwieriger geworden.» Innerhalb der Schweiz würden zwar keine Firmen abgeworben. «Aber während wir früher mit Ländern wie den Niederlanden konkurrierten, verlieren wir heute potenzielle Kandidaten an andere Kantone.» Gerade die Greater Zurich Area verfüge über Standortfaktoren, die der Ostschweiz fehlten, etwa internationale Anziehungspunkte wie die ETH. «Wir haben durchaus Stärken, aber uns fehlt die Bekanntheit.»

Die St. Gallen-Bodensee Area kämpft aber noch mit anderen Widrigkeiten. Die Organisation hat keine eigenen Mitarbeiter, sondern läuft über die vier kantonalen Standortförderungen. Das Jahresbudget beträgt bescheidene 120000 Franken. Die Greater Zurich Area AG verfügt dagegen über 16 eigene Mitarbeiter, ein Jahresbudget von 4 Millionen Franken und unterhält Zweigstellen in New York, San Francisco und Schanghai. «Es gibt einen Wettbewerb zwischen den Regionen, das ist unbestritten. Zugleich ist allen klar, dass eine Ansiedlung in einer Region der Schweiz auch gut für alle anderen ist», sagt Sonja Wollkopf Walt, Geschäftsführerin der Greater Zurich Area AG. Ohnehin sei die Durchlässigkeit grösser geworden. Mit den Thurgauern pflege die GZA beispielsweise ­einen engen Kontakt. «Die Schwelle, das Telefon in die Hand zu nehmen, ist tief.»

Doch wie gut funktioniert dieses ­föderalistische Nebeneinander in der Standortförderung wirklich? Und wie sinnvoll ist es? Die liberale Denkfabrik Avenir Suisse hat dazu 2015 zehn Gebote proklamiert. «Zu viel Kleinstaaterei in der regionalen Standortpromotion ist ­ineffektiv und ineffizient. Insbesondere die Zusammenarbeit der Kantone ist sinnvoll», heisst es im neunten Gebot. Nur mit grösseren Zusammenschlüssen könne eine kritische Masse beim Branding erreicht und ein höherer Grad an Professionalität ermöglicht werden, schreibt Avenir Suisse. «Selbst grosse Standortmarketing-Organisationen wie die Greater Zurich Area sind im internationalen Massstab noch relativ klein.» Was dies für das Ostschweizer Konstrukt heisst, lässt sich ausrechnen. Die Krux dabei ist: Im Gegensatz zur Nachbarorganisation kann die St. Gallen-Bodensee Area nicht mehr wachsen. Wäre da ein Zusammenschluss nicht besser? «Solche Fragen kommen tatsächlich immer wieder», sagt Franc Uffer von der St. Gallen-Bodensee Area. Ein Beitritt zur GZA stehe aber nicht zur Debatte – auch wenn sich Zentren wie Wil, Rapperswil-Jona und Frauenfeld stark nach Zürich orientierten. Entscheidend sei ohnehin eine andere Diskussion: «Sind wir nur der Rand von Zürich, oder haben wir eine eigene Identität? Und wollen wir überhaupt mehr Ansiedlungen?» Die Ostschweiz sei letztlich in guter Verfassung, die Arbeitslosigkeit seit Jahren unter dem Schweizer Durchschnitt. «Die Frage ist also vielmehr: Was wollen wir?»

Auch Zürich hat einen grösseren Konkurrenten

Und was wäre, wenn tatsächlich ein Ostschweizer Kanton ein Beitrittsgesuch für die Grosszürcher Organisation stellt? «Unsere Organisation würde das Gesuch selbstverständlich prüfen», sagt dazu Wollkopf diplomatisch. In Zürich weiss man, dass ein Zusammenschluss zwischen Zürich und dem Osten nicht vollkommen abwegig wäre – allein schon aus geografischer Sicht: Frauenfeld, St. Gallen, Herisau und Appenzell liegen allesamt näher bei Zürich als Chur, Altdorf oder Bellinzona. Und abgeneigt wäre man einer Fusion in Zürich wohl kaum. Denn die freundeidgenössische Konkurrenz schläft nicht. Die Westschweizer Organisation Greater Geneva Berne Area (GGBA) umfasst neben den Kantonen Genf und Bern die Waadt, Freiburg, Neuenburg und das Wallis und ist damit die grösste interkantonale Standortmarketing-Organisation. Daran würde auch ein Beitritt des Tessins zur Greater ­Zurich Area nichts ändern. Für die Ostschweiz bleibt ein Trost: Wenn Zürich, Basel und Genf für ansiedlungswillige Firmen zu teuer werden, weichen sie am Ende liebend gern in die Ostschweiz aus.