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STALKING: Janine wird von einem Besessenen verfolgt

Janine ist jung, hübsch und schlagfertig. Dann drängt sich ein psychisch kranker Mann in ihr Leben und bombardiert sie mit Liebesbriefen. Die 24-Jährige fühlt sich konstant beobachtet – und von Freunden und der Polizei im Stich gelassen.
Melissa Müller
Einige Opfer von Stalking gehen nicht mehr alleine raus und geraten in einen Zustand von Resignation. (Bild: Getty)

Einige Opfer von Stalking gehen nicht mehr alleine raus und geraten in einen Zustand von Resignation. (Bild: Getty)

Melissa Müller

Janine* legt einen Stapel Briefe auf den Tisch, Beweismaterial für die Polizei. Liebesbekundungen von einem Mann, den sie kaum kennt, der sie aber seit zwei Jahren bedrängt, ihr auflauert, ihre Freunde und ihren Chef belästigt. Die 24-Jährige will ihre Geschichte über den Mann, der sie obsessiv verfolgt, an die Öffentlichkeit bringen, «weil es völlig daneben ist, was da passiert». Die junge Frau mit den Perlohrringen und dem Pferdeschwanz ballt die Hände zu Fäusten, Wut blitzt in ihren Augen auf. «Wie kommt dieser Typ auf die Idee, wir könnten irgendwie zusammen sein? Wie kann er in seiner kranken Welt eine solche Geschichte erfinden?»

Wie Untersuchungen zeigen, wird jede zehnte Frau gestalkt. Doch auch Männer werden Opfer von Stalking. Nicht immer ist Liebeswahn im Spiel, wie der deutsche Stalking-Experte Jens Hoffmann in seinem Buch «Stalking» festhält. «Neben der Sehnsucht, eine Beziehung herzustellen, existieren auch wutmotivierte Stalker, denen es darum geht, ihre Opfer, etwa Nachbarn oder ehemalige Arbeitgeber, zu terrorisieren.» Einer will, dass der andere an ihn denkt, der andere möchte ihn aus dem Gedächtnis verbannen, was ihm jedoch nicht gelingt. Das englische Wort entstammt der Jagdsprache und bedeutet, sich einem Wild auf die Spur zu setzen und es zu verfolgen.

Stefan* hatte sich am 13. November 2015 in Janines Leben gedrängt. Er war Gast im Restaurant im Thurgau, wo sie serviert, um sich das Studium zu finanzieren. Ein Betrunkener griff sie an, wor­auf Gäste zu Hilfe eilten; auch Stefan, der ihre Schulter streichelte. «Vielleicht habe ich in diesem Moment seinen Beschützerinstinkt geweckt, weil ich klein und zierlich bin», sagt die junge Frau. «Dabei konnte ich mich schon immer gut wehren.»

Am nächsten Tag schickte er ihr ein langes E-Mail, in dem er ihr seine Gefühle offenbarte und sie zum Essen einlud. Janine, die keine Ahnung hatte, woher er ihre E-Mail-Adresse bekommen hatte, ging nicht darauf ein. Zu Weihnachten schenkte er ihr einen Plüschteddy. Dauernd fragte er andere Gäste über sie aus. Und erneut erhielt sie ein E-Mail: Es sei für ihn «superschwierig», dass sie ihn ignoriere. Als er das nächste Mal ins Restaurant kam, ging ihm Janine demons­trativ aus dem Weg und stellte sich auf die andere Seite des Tresens. Seine Avancen waren ihr so unangenehm, dass sie auch ihr Facebook-Profil löschte. «Warum schreibst du mir nie zurück?», liess er nicht locker. Worauf sie antwortete, dies sei ihre private E-Mail-Adresse, sie wolle keinen Kontakt zu ihm. «Du bist keine Königin. Wer denkst du denn, dass du bist?», schrieb er zurück. Wird das Begehren eines Stalkers zurückgewiesen, verwandelt sich seine Zuneigung nicht selten in Wut.

Zu jener Zeit verliebte sich Janine in Thomas*. Ihre Beziehung war noch nicht offiziell, aber Stefan entging nicht, dass sie viel Zeit mit dem jungen Mann verbrachte. Thomas übe einen schlechten Einfluss auf sie aus, schrieb er ihr.


Fast täglich erhielt die 24-Jährige ein E-Mail des 45-Jährigen. Die Umstände und die Gewaltspirale an ihrem Arbeitsort seien katastrophal, warnte er sie: «Ich muss eingreifen und komme das nächste Mal mit dem Pfefferspray ins Lokal.» Offenbar sah er das Objekt seiner Begierde bedroht, obwohl es dort friedlich zu und her ging. Und jetzt noch die absurde Drohung mit dem Pfefferspray. Janine platzte der Kragen, sie informierte die Polizei. «Da können wir nicht viel machen, aber ich werde mit dem Herrn ­reden», versprach ein Polizist. Stefan öffnete den Beamten die Tür nicht. «Hast du mir die Bullen vorbeigeschickt?», schrieb er ihr am nächsten Morgen.

Ein Polizist rief Stefan an und forderte ihn auf, Janine in Ruhe zu lassen. Er mache sich sonst möglicherweise strafbar, was rechtliche Konsequenzen haben könnte. Worauf der Stalker lauter Nonsens erzählte, er sorge sich um diese Frau, er unterstütze sie in ihrem Studium. Dieser Mann rede halt viel, sagte der Polizist zu Janine. Er sei der Polizei bekannt, aber nie gewalttätig aufgefallen. Das war ihr ein schwacher Trost. «Warum ich?», fragte sie sich. «Hätte ich früher weniger reden sollen mit ihm?»

Es könne jede Frau treffen, sagt Brigitte Huber, Geschäftsleiterin der Opferhilfe SG-AR-AI. Das Internet eröffne Stalkern neue Möglichkeiten – «da gibt’s Männer, die ihre Ehefrau als Prostituierte anbieten, oder Stalking-Opfer, die 100 SMS am Tag erhalten». Die Täter wollen um jeden Preis im Leben der Person bleiben. «Sie wollen lieber eine negative Rolle spielen als gar keine mehr.»


Janine ist eine aufgestellte junge Frau, klug und nicht auf den Mund gefallen. Nun aber fühlte sie sich konstant beobachtet, spazierte mit einem mulmigen Gefühl aus dem Haus, schaute sich ängstlich um und fragte sich dauernd: Werde ich verfolgt? Auch im Bus hielt sie Ausschau nach dem psychisch kranken Mann. Wenn sie um Mitternacht Feierabend machte und allein zum Bus spazierte, fühlte sie sich unwohl. Sie änderte ihre Gewohnheiten und stellte ihr Leben um, um Stefan auszuweichen. Manchmal überlistete er sie, indem er sie mit einer anderen E-Mail-Adresse anschrieb.

Immer rechnete sie damit, dass er auftauchen, sie abfangen könnte. Manchmal passierte das auch, dann behandelte sie ihn wie Luft.

Einmal ging er neben ihr her und redete wirr auf sie ein wie ein Wasserfall. Sie ignorierte ihn und rief ihren Bruder an, um sich abzulenken. Einmal schlich sich Stefan von hinten an und sagte grinsend: «Hallo Janine!» Sie kochte vor Wut und zitterte zugleich vor Schreck; ging rasch nach Hause, spähte aus dem Fenster: War er ihr gefolgt? Hatte sie die Türe verschlossen? Bei jedem Rascheln zuckte sie zusammen. Sie nahm eine Dusche, war aber so beunruhigt, dass sie die Wohnung schnell wieder verliess, raus unter Menschen, um sich sicherer zu fühlen. Die exzessive Wiederholung von Liebesbekundungen lösten in ihr Ohnmacht, Wut und Verunsicherung aus.

Laut Brigitte Huber von der Opferhilfe haben einige Stalker eine Persönlichkeitsstörung. «Sie sind neurotisch, narzisstisch gekränkt oder leiden unter einer Borderline-Störung.» Manche stecken in einer Lebenskrise und lenken sich durch die obsessive Beschäftigung mit einer anderen Person davon ab.

Janines Belästiger bekam ein Hausverbot. Oft schlenderte Stefan abends am Restaurant vorbei und hielt Ausschau nach ihr. Er schrieb ihrem Chef, sie sei eine schlechte Arbeiterin, und er solle ihr künden. Zudem kontaktierte er ihre Arbeitskollegen auf Facebook und warf einer ihrer Freundinnen vor, sie sei schuld, dass Janine nicht mehr mit ihm rede.

Eines Abends wartete Janine mit ihrem Freund händchenhaltend auf den Bus. Stefan, der die beiden beobachtete, bombardierte sie am nächsten Tag wieder mit E-Mails. Auf dem Polizeiposten bekam sie zu hören: «Nun, er droht Ihnen nicht, er ist einfach stark in Sie verliebt. Das ist kein Verbrechen.» Es sei kein Straftat­bestand, auf einem Trottoir herumzustehen und Liebesbriefe zu schreiben. Sie solle sich einfach eine neue E-Mail-Adresse zulegen. «Ist doch alles easy», sagten Freunde dazu. Sie fühlte sich allein und im Stich gelassen. Lange zögerte sie, die Opferhilfe aufzusuchen. «Ich will ja kein Opfer sein.»

Doch es habe ihr gut getan, mit jemandem zu reden, der sie ernst nahm. Auf Anraten ihrer Beraterin besuchte sie einen Selbstverteidigungskurs. Auch vier Sitzungen bei einer Therapeutin besuchte sie. Da sie im Bus oft Panik verspürte, der Be­lästiger könnte sich unter den Passagieren befinden, trainierte sie neue Verhaltensmuster. Heute sagt sie sich beim Busfahren: «Ich muss gut auf mich acht geben. Ich würde auch sonst herumschauen, was da für Leute sind, ich mache das nicht wegen Stefan.»

Opfer von Stalkern lernen in der Traumatherapie, dass sie das Leben nicht länger umstellen müssen. Sie machen Atemübungen, um sich auf ihre innere Mitte zu konzentrieren. Und sie besinnen sich auf ihre eigene Kraft. Sie machen sich bewusst, dass sie sich nicht zu schämen brauchen. Und dass sie im Falle einer Bedrohung in der Öffentlichkeit herumschreien könnten, um sich zu wehren.

Janine arbeitet nach wie vor im Restaurant und geht nach Lust und Laune aus. «Ich muss mich nicht verstecken, ich gehe aufrecht durch die Stadt», sagt sie. «Ich gebe ihm keine Macht mehr.» Seit einigen Wochen hat sie nichts mehr vom Stalker gehört. Die Ungewissheit ist immer noch da. Aber Janine hat gelernt, sie auszuhalten.

* Name geändert

Das können Opfer von Stalking tun

Der Bundesrat will Opfer von häuslicher Gewalt und Stalking besser schützen. Stalker sollen künftig mit elektronischen Fussfesseln überwacht werden. Doch wie können Opfer sich schützen?

- Keine Nettigkeiten. Dem Täter nur einmal klar und unmissverständlich sagen, dass kein Kontakt gewünscht wird. Etwa in einem Brief: «Ich will keinen Kontakt. Deine Briefe sind mir lästig. Wenn du weiter machst, rufe ich die Polizei.» Den Täter danach völlig ignorieren.
– Wenn der Täter Reue zeigt und etwa sagt: «Sorry, das habe ich doch nicht so gemeint!» – ignorieren Sie ihn weiterhin komplett. Auf keine Diskussion und schon gar nicht auf ein Treffen einlassen.
– Behalten Sie Beweismaterial auf: Briefe, SMS, Telefongespräche aufzeichnen. Führen Sie ein Stalking-Tagebuch. Sollte es zu einer Gerichtsverhandlung kommen, müssen Sie Beweise liefern.
– Infomieren Sie Ihr Umfeld über den Stalker. Aufklärung verhindert, dass er hinter dem Rücken des Opfers Informationen erfragt und schlecht über das Opfer spricht.
– Im Notfall die Polizei informieren, Schutz bei Verwandten oder Freunden suchen.
– Holen Sie sich Unterstützung (Opferhilfe, unentgeltliche Rechtsauskunft).
– Prüfen Sie juristische Massnahmen. Manche Kantone, etwa der Kanton AR, haben im Polizeigesetz, Art. 17a, einen Stalking-Artikel. Darin geht es um Wegweisung, Rückkehr- und Annäherungsverbot. Im Kanton St.Gallen ist man an der Ausarbeitung eines ähnlichen Gesetzesartikels.
– Stalking ist kein Straftatbestand. Man kann aber gegen andere Tatbestände wie Drohung, Nötigung, Diebstahl und Sachbeschädigung vorgehen. Zivilrechtlich besteht die Möglichkeit von einem Annäherungsverbot. Dies kann durch das Kreisgericht St.Gallen verfügt werden. Auch hier ist es wichtig, dass Beweise, SMS, Briefe und alle Vorfälle genau dokumentiert sind. (mem)

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