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Ständige Beurteilung schadet dem Lernprozess

Der St. Galler Erziehungsrat hat das Beurteilungskonzept «Fördern und Fordern» zur Konsultation freigegeben. Es wäre ein Versäumnis, wenn die stillgelegte «Aktion Humane Schule» dazu schwiege.
Peter Albertin Sonderschullehrer, Aktion Humane Schule, Marbach (Bild: pd)

Peter Albertin Sonderschullehrer, Aktion Humane Schule, Marbach (Bild: pd)

Der St. Galler Erziehungsrat hat das Beurteilungskonzept «Fördern und Fordern» zur Konsultation freigegeben. Es wäre ein Versäumnis, wenn die stillgelegte «Aktion Humane Schule» dazu schwiege. Immerhin sammelten ihre Initianten vor 45 Jahren 5000 Unterschriften für die Petition zur Abschaffung der Noten in der Primarschule.

Nach oberflächlichem Studium scheint das Papier durchaus neue Elemente zu enthalten (Promotion aufgrund einer Gesamteinschätzung, Notencode für nicht erreichte Ziele und so weiter); allerdings verengt der Klartext den Lernbegriff einmal mehr auf überprüfbare Leistungen, die zyklisch zu testen sind. Für jede Stufe sind Grundansprüche definiert, die möglichst alle Lernenden mindestens zu erfüllen haben. Die passgenaue Abstimmung auf «lehrplankonforme Standards» objektiviert die Relativität der Noten. Der im Zeugnis ausgewiesene Leistungsstand informiert die weiterführenden Schulen und Lehrbetriebe.

Konkrete Erfahrung zählt

Stellenweise weckt der Wortlaut des Konzepts böse Erinnerungen an die überholte Planwirtschaft, die detaillierte Vorgaben macht und auflistet, welche Produkte und Dienstleistungen wann zu erbringen sind.

Die regelmässig bilanzierende Leistungsbewertung ist schliesslich doch Grundlage für Selektionsentscheide und Kernelement der Motivation, indem sie den Vergleich mit anderen ermöglicht. Demgegenüber stellt Jürg Jegge, der Autor von «Dummheit ist lernbar», in der «Sonntags-Zeitung» vom 10. April fest, dass die Schule die Hälfte aller Kinder durch Misserfolgserlebnisse entmutigt.

Lernfortschritte mit messbarer Leistung gleichzusetzen, ist ein linearer Kurzschluss; denn tiefgreifende Lernprozesse verlaufen wesentlich komplexer, primär motiviert, über Jahre, manchmal spontan und unerwartet. Das unmittelbare Interesse, die Entdeckungs- und Erfinderlust, die Freude an überraschenden Einsichten und geschenkten Talenten, der persönliche Zuspruch hält sie in Gang. Selbst das unbeschwerte, absichtslose und zweckfreie Spiel fördert Intelligenz. Nachhaltiges Lernen geschieht vor allem durch konkrete Erfahrung, ist Keimen, Wachsen und Reifen.

Forcieren, Fördern und Fordern generieren trügerische Ernten, was die Validität der Matura vermuten lässt. Zwar steigen die Quoten, aber an der ETH Lausanne etwa fallen mittlerweile 60 Prozent der Studierenden durch die erste Zwischenprüfung.

Die «strukturelle Zucker-und-Peitschen-Pädagogik» der allgegenwärtigen Beurteilung sabotiert das eigentliche Interesse am Unterrichtsstoff und konditioniert die extrinsische Motivation so lange, bis nicht mehr die Sache, sondern das Ergebnis – die Note – im Vordergrund steht. Diese Verzerrung macht schulisches Lernen für viele zum Trauma.

Mit Integration unvereinbar

Die Schweizer Schulsysteme sind hochselektiv. Bereits in den ersten Jahren wird sortiert. Jürg Jegge nennt die Schule in seinem Artikel eine «Kindersortieranstalt». Selektion bedeutet trennscharfe Auswahl, wirkt separativ und ist deshalb mit der schulischen Integration unvereinbar. Diesbezügliche Bemühungen erweisen sich spätestens in den Übertrittsphasen – und das nicht einmal selten – als Sisyphusarbeit, verursachen einen enormen Aufwand, wie die Kostenexplosion im Kanton Zürich zeigt, und sind zahlreich zum Scheitern verurteilt.

Für eine Volksschule, die kein umfassendes Verständnis von menschlichen Lernprozessen entwickelt, vorzeitig (auf der Sekundarstufe I) selektioniert, das Spektrum von Begabungen unterschiedlich gewichtet, beschränkt und nicht mit jeder Fähigkeit etwas anzufangen weiss, mithin ihre Versager selbst stigmatisiert, bleibt Integration eine schöne Utopie.

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