Würth, Rechsteiner oder doch Büchel? Jede Partei schaut im St.Galler Ständeratswahlkampf für sich

Der zweite Wahlgang für den St.Galler Ständerat hängt von der Mobilisierung der eigenen Basis ab. Die CVP hält sich auffällig bedeckt.

Marcel Elsener, Noemi Heule
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Die drei verbliebenen Ständeratskandidaten werben weiterhin mit Strassenplakaten, teilweise mit aktualisierten Versionen, für den zweiten Wahlgang. Bild: Benjamin Manser (Abtwil, 4. November 2019)

Die drei verbliebenen Ständeratskandidaten werben weiterhin mit Strassenplakaten, teilweise mit aktualisierten Versionen, für den zweiten Wahlgang. Bild: Benjamin Manser (Abtwil, 4. November 2019)

«Jetzt bürgerlich wählen» heisst es in der Wahlwerbung für den SVP-Ständeratskandidaten Roland Rino Büchel. Doch über seine eigene Partei hinaus hält sich die bürgerliche Unterstützung in engen Grenzen; Testimonials namhafter Politiker und Politikerinnen aus FDP oder CVP für Büchel sucht man vergeblich. Tatsächlich werden dem Rheintaler Nationalrat im zweiten Wahlgang für den Ständerat nur minimale Chancen eingeräumt. Dass die bürgerliche Mitte den SVP-Mann wählt, ist alles andere als selbstverständlich.

Spätestens seit der wütenden Rede von alt Regierungsrat Hans-Ulrich Stöckling an der FDP-Delegiertenversammlung in Uznach ist der Missmut in einem Teil des Freisinns über den Rückzug des eigenen Kandidaten und über den SVP-Kandidaten offen bekannt. «Stöck» aberkannte Büchel schlicht das Format für den Ständerat und sagte: 

«Die beiden Bisherigen werden mit Sicherheit gewählt.»

Die CVP unterstützt nur Würth und hält sich bedeckt

Büchel kann also nicht mit einem geschlossenen Bürgerblock rechnen. Dagegen haben sich alle drei bürgerlichen Parteien für CVP-Ständerat Benedikt Würth ausgesprochen, der überdies zusätzlich auf Stimmen aus dem linksgrünen Lager zählen darf.

Demgegenüber kann sich Paul Rechsteiner der Stimmen von linker und grüner Seite sicher sein. Und er kann wohl wie schon 2011 und 2015 wieder mit Sympathien aus der bürgerlichen Mitte rechnen, namentlich aus CVP und GLP. Offiziell bekennt sich in der CVP allerdings niemand zu Rechsteiner oder Büchel. Die Partei konzentriert sich bewusst auf den eigenen Kandidaten Benedikt Würth, dessen Wahl «noch nicht im Trockenen ist», wie CVP-Sekretär Pius Bürge sagt.

«Wer sonst noch St.Gallen im Ständerat vertreten soll, ist allein Sache der Wähler und Wählerinnen und nicht unserer Partei.»

An der Delegiertenversammlung der CVP ebenfalls in Uznach gab es denn auch keinen Antrag und nicht einmal eine Diskussion für ein allfälliges Zweier-Ticket mit Würth und wahlweise dem SP-Ständerat oder dem rechtsbürgerlichen Herausforderer. Gleichentags hatten SVP und FDP Roland Rino Büchel als gemeinsamen Kandidaten lanciert.

Dass der sogenannte bürgerliche Schulterschluss für die CVP kein Thema ist, hat bislang zu keinen erzürnten Reaktionen geführt, auch nicht seitens der SVP. An der Wahlfront sei es «sehr ruhig», meint Bürge, was wohl auch damit zu tun habe, dass die Bevölkerung vor dem bereits vierten Wahlgang «etwas wahlmüde» sei.

Keine CVP-Namen für Rechsteiner

Anders als 2011 und 2015, als die Ausgangslage allerdings eine andere war, finden sich unter den Unterstützerinnen und Unterstützern von Paul Rechsteiner keine CVP-Namen, auch nicht in der Frauengruppe. Dort vertreten ist aber die St.Galler GLP-Stadträtin Sonja Lüthi. Was ist mit dem christlich-sozialen Parteiflügel, dem bei der Wahl Rechsteiners stets eine wichtige Bedeutung zukam? Laut CSP-Sekretär Stefan Grob war die Unterstützung des Sozialdemokraten in diesem Jahr kein Thema. Es sei möglich, dass «in unserer Gruppierung einige mit Rechsteiner sympathisieren», aber offiziell habe sich niemand aus der CSP für eine Kampagne zur Verfügung gestellt. Klar sei der Support für Benedikt Würth, der eigentlich der CSP angehört, dies aber nicht mehr an die grosse Glocke hängt.

Während die CVP auf ein bürgerliches Zweierticket verzichtet, geizen die bürgerlichen Mitstreiter nicht mit Wahlempfehlungen. SVP und FDP, die beide auf eine ungeteilte bürgerliche Standesstimme hoffen, empfehlen in einer gemeinsamen Mitteilung zusätzlich Beni Würth. «Wünschenswert» wäre es gewesen, die CVP hätte diese Gefälligkeit erwidert, sagt SVP-Parteipräsident Walter Gartmann.

Die SVP beschwört die Stadt-Land-Schere

Bürgerlich oder nicht, für die SVP tut sich vor allem ein Graben zwischen Stadt und Land auf. «Es kann nicht sein, dass zwei Städter den Kanton in Bern vertreten», sagt Gartmann und spricht von einem «Stadt-Land-Kampf» zwischen dem Rheintaler Roland Rino Büchel, dem Stadtsanktgaller Rechsteiner und Würth, dem ehemaligen Stadtpräsidenten von Rapperswil-Jona.

Er sei geschockt, sagte Büchel an der SVP-Delegiertenversammlung vergangene Woche, in der er seine Partei auf den kommenden Wahlkampf einschwor. Fast zehn Prozent sei die Wahlbeteiligung in der Stadt St.Gallen höher als in einzelnen Rheintaler Gemeinden. Das Ziel der Partei ist es denn auch, die Landbevölkerung zu mobilisieren. Büchel zeichnete ein düsteres Bild der politischen Zukunft aufgrund des Aufschwungs der Ökoparteien und des Debakels der SVP. Der Ständeratswahlkampf sei die Gelegenheit, den Linksrutsch zu korrigieren. 

«Ich stehe gleich weit rechts wie Paul Rechsteiner links steht.»

Bereits zwei Mal unterlag die SVP gegen Rechsteiner; vor acht Jahren scheiterte der heutige Wahlkampfleiter Toni Brunner beim «Sturm aufs Stöckli». Dennoch rechnet sich die Partei Chancen aus – sofern die Landbevölkerung diesmal an die Urne stürme. Büchel will bis zum
17. November denn auch vor allem auf dem Land präsent sein, heute an einem Parteianlass in Flawil, morgen in Bad Ragaz. Auf Plakaten ist er an 250 Standorten im ganzen Kanton vertreten. Die Plakate aus dem ersten Wahlgang wurden dafür mit einem gelben Aufkleber und dem Aufruf bürgerlich zu wählen, versehen. Den zweiten Wahlgang lassen sich Kandidat und Partei rund 50000 Franken kosten.

«Dosiert und zurückhaltend»

Auch die CVP setzt auf Plakat-Recycling. Weil die 300 Plakate im Kanton auch für die CVP-Nationalratsliste werben, wurden sie nun für den Endspurt ebenfalls mit einem Kleber aufdatiert. Die Partei befinde sich in diesem Jahr quasi im Dauerwahlkampf, sagt Wahlkampfleiter Bürge.

Nach den Wahlgängen im März, Mai und Oktober steht der vierte Wahlkampf an. Davon ist allerdings wenig zu spüren; seit dem
20. Oktober blieb Würths Web- und Facebookseite praktisch unverändert. «Dosiert und zurückhaltend», gehe man den zweiten Wahlgang an, sagt er und führt finanzielle Gründe an. Insgesamt stehen 100'000 Franken für beide Wahlgänge zur Verfügung. Obwohl Würth im ersten Wahlgang lediglich 500 Stimmen fehlten, nehme man den Wahlkampf ernst. «Wir wollen das Maximum rausholen», sagt Bürge.

Die SP setzt auf die eigene Basis und die Jungen

«Es ist alles eine Frage der Mobilisierung der eigenen Wählerbasis», sagt SP-Wahlkampfleiter Peter Hartmann. Im Gegensatz zu den Grünen, die nach dem Rückzug ihrer Kandidatin Franziska Ryser nebst Rechsteiner auch Würth zur Wahl empfehlen, hat die SP auf ein Zweierticket verzichtet. Von Schulterschlüssen mag Hartmann nicht reden. «Es geht nicht um Blockdenken und Parteipolitik, sondern um die Leistungen für den Kanton.»

Die SP hat mit dem zweiten Wahlgang gerechnet und ihre Werbung in den sozialen Medien entsprechend gestaffelt; fast täglich veröffentlicht sie Testimonials junger Supporter für Rechsteiner. Nach Liedermacher Manuel Stahlberger folgte nun die Künstlerin Lika Nüssli mit einer Videobotschaft. Nebst den sozialen Medien setzt die SP zudem auf Flyer, Zeitungsinserate und aktualisierte Strassenplakate, auf denen Rechsteiner näher herangezoomt und sein Spruch «Den braucht’s» mit «für St.Gallen» ergänzt worden ist. «Wir schauen zuerst auf jene, die schon im ersten Gang für Rechsteiner gestimmt haben.» Darüber hinaus ist der Ständerat und ehemalige Gewerkschaftsboss aber auch diese Woche mit Auftritten im Pendlerverkehr auf diversen Bahnhöfen präsent.

Ein Podium mit allen drei Kandidaten gibt es vor der Entscheidung am 17. November nicht mehr.