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Der Überraschungskandidat im St.Galler Ständeratswahlkampf: Wer ist Norbert Feldmann?

«Langweilig, aber gut», lautet der Wahlslogan der BDP. Auf ihren Ständeratskandidaten Norbert Feldmann trifft er nur bedingt zu.
Noemi Heule
Nur die Hände verraten den Handwerker: Unternehmer Norbert Feldmann will ins Stöckli. (Bild: Benjamin Manser)

Nur die Hände verraten den Handwerker: Unternehmer Norbert Feldmann will ins Stöckli. (Bild: Benjamin Manser)

Wer bitteschön ist Norbert Feldmann? Diese Frage stellte sich so mancher, als die Last-Minute-Kandidatur für den Ständerat durch die Medien geisterte. Am letzten Tag hatte er sie eingereicht, übers Wochenende kurzerhand die nötigen Unterschriften zusammengetragen. Als montags darauf die Frist ablief, fehlte vom BDP-Kandidaten jede Spur. Das Telefon klingelte ins Leere, die Google-Suche listete wenige Treffer. Phantom Feldmann blieb unfassbar.

Vom Medienrummel überrumpelt

Wochenlang war er vermisst, beim TVO-Wahlpodium blieb sein Platz leer, «kurzfristig verhindert», hiess es. Für ein persönliches Treffen fehlt ebenfalls die Zeit; die Firma absorbiere ihn und floriert offenbar, ein Sanitärgeschäft in Uzwil. Eine letzte Anfrage bringt Erfolg. An einem Samstag, dem einzig möglichen Termin, erscheint er, graues Jackett, hellgraues Gilet, weisses Hemd, auf der Redaktion. Eine Nadel fixiert die Krawatte. Nein, ein Juxkandidat tritt anders auf, Norbert Feldmann, Jahrgang 1966, meint es ernst.

Seine Partei, die BDP, musste ihn zuerst von einer Kandidatur überzeugen. Ihr Spitzenkandidat auf der Nationalratsliste soll das Rampenlicht des Ständeratswahlkampfes nutzen. Dennoch: «Wir waren etwas überrumpelt vom Medienrummel», sagt Präsident Kenny Gubser. Die Personalsuche sei schwierig, nicht zuletzt, weil viele Wähler und Mitglieder der Partei nach zwei Wahlniederlage den Rücken kehrten. Für Feldmann habe sich der Vorstand entschieden, weil er ein erfolgreiches Unternehmen führe und «für Werte» einstehe.

«Den Politikern ist die Realität abhandengekommen»

Überzeugt ist mittlerweile auch Feldmann, der bereits für den Kantonsrat und ein Richteramt in Wil kandidierte. Wenn er etwas mache, sagt er, stehe er zu «160 Prozent» dazu. Und: Er hoffe nun auf den «Aha-Effekt». Drei Wochen vor der Wahl sei ein günstiger Zeitpunkt, um aus der Versenkung zu treten. Jetzt, wo die Wahlcouverts verschickt seien, überrasche er die St.Gallerinnen und St.Galler mit einem neuen Gesicht, sagt er, das Lachen leicht schräg, kantige Züge, Bürstenhaarschnitt.

«Vorher war Wahlwerbung nur Altpapier.»

Plakate und Broschüren seien nun gedruckt und warten auf ihren Einsatz.

Auch im Gespräch wirft er mehr Fragen auf, als er beantwortet. Sein Privatleben sei Privatsache, seine Firma habe im Wahlkampf ebenfalls nichts verloren. Erzählen lässt er seine Hände; Furchen und Blessuren zeugen von harter Arbeit. Er sei gelernter Spengler-Sanitär und habe im elektrotechnischen Bereich gearbeitet, verrät er dann doch. Heute sei er Unternehmer und Troubleshooter auf Baustellen weit­herum. Als Troubleshooter, zu deutsch Problemlöser, sei er es gewohnt, ungewohnte Lösungen zu finden. Diese Gabe würde er im Politbetrieb einbringen. Denn:

«Den Politikern ist die Realität abhandengekommen.»

Ein paar Monate auf dem Bau täten jedem Amtsträger gut. Auch mit seinen Zielen als potenzieller Volksvertreter bleibt er nahe am Gewerbe, illustriert sie mit Beispielen von der Baustelle: der Fachkräftemangel, der in der Gebäudetechnik besonders drastisch ist, die Pensionskasse oder die Wiedereingliederung von Frauen in den Arbeitsmarkt.

Seine Grundwerte leite er aus der Natur und Tierwelt ab, schreibt Feldmann auf seiner Webseite naturverstehen.com, wo er ein völlig anderes Gesicht zeigt. Feldmann, mit einem Grasbüschel auf dem Kopf, schreibt von Mutter Natur und ihrem Ur-Wissen, dem Respekt vor der Weiblichkeit, den Geheimnissen keltischer Druiden oder Welten, zu denen nur wenige Zugang haben – Welten also, die so gar nicht zum bodenständigen Bild der Partei passen.

Rehkitzretter und Comiczeichner

Er sei Jäger, habe aber schon lange kein Tier mehr geschossen. Lieber kümmere er sich um die Natur, sagt er, erwähnt die Stacheldraht-Initiative oder die Rehkitzrettung. Beim Jägerverein kennt man ihn vage, aktiv trat er nicht in Erscheinung. Genauso in der Welt der Comics. Als Kinderbuchautor oder Comiczeichner zeigt er ein weiteres Gesicht. Er habe auf Auftragsbasis für Disney gezeichnet, insgesamt drei Jahre in den USA verbracht. Dass man ihn nicht kennt, stört ihn nicht. Er bleibe lieber im Hintergrund. «Dort sieht man oft mehr als im Vordergrund.» Sowieso betrachte er als Zeichner die Welt aus einem anderen Blickwinkel.

Sanitär, Troubleshooter, Unternehmer, Naturfreund, Jäger, Comiczeichner, Kinderbuchautor: All die Rollen, die er sich zuschreibt, wollen sich nicht so recht zu einem Bild zusammenfügen. Wer Norbert Feldmann wirklich ist, diese Frage bleibt unbeantwortet. Ein umtriebiger Geist bestimmt, aber auch eine schwer fassbare Erscheinung.

Die BDP kämpft gegen den Untergang

Langweilig, aber gut: Mit diesem Slogan geht die BDP Schweiz in die nationalen Wahlen. Die Wortwahl ist bescheiden, die Wirkung offensichtlich auch. Gemäss Umfragen dürfte die Bürgerlich-Demokratische Partei Wähleranteile verlieren und unter drei Prozent fallen. Wie lange sie ihre Fraktion im Nationalrat noch halten kann, ist ungewiss. Dafür sind fünf Sitze das Minimum, heute hat die BDP sieben – und mindestens einer wackelt.

Die Ostschweiz hat bislang keine BDP-Mitglieder nach Bern gewählt. Nicht ohne Grund: Die Heimat der Partei liegt anderswo. Die BDP war im Streit mit der SVP entstanden, der vor allem in Graubünden und Bern ausgetragen wurde – was viel mit den Bundesräten dieser Kantone zu tun hatte: Aufgrund der Auseinandersetzungen nach Christoph Blochers Abwahl aus dem Bundesrat wechselten Eveline Widmer-Schlumpf und Samuel Schmid zur BDP. In den folgenden nationalen Wahlen 2011 erreichte die BDP über fünf Prozent, kämpft seither aber mit sinkenden Wähleranteilen.

Im Kanton St. Gallen kam die Partei nie über die Vier-Prozent-Marke hinaus. 2011 verhalf sie den St. Galler Grünliberalen via Listenverbindung zu einem Nationalratssitz, Margrit Kessler vertrat die Partei während der folgenden vier Jahre in Bern. Selber bekundete die St. Galler BDP aber stets Mühe, genügend Personal für Parteiarbeit und zugkräftige Kandidaturen zu finden.

Was in St.Gallen droht, ist in Bern schon passiert

2012 ergatterte die BDP zwei Sitze im St. Galler Kantonsrat und politisierte in einer gemeinsamen Fraktion mit den Grünliberalen. Dem umtriebigen BDP-Kantonsrat und Parteipräsidenten Richard Ammann gelang es, sich regelmässig über die Parteigrenzen hinweg Gehör zu verschaffen, zum Beispiel im Bildungsbereich. 2016 jedoch verlor die BDP ihre Sitze im Parlament wieder – sie erreichte in den kantonalen Wahlen nur noch 1,1 Prozent. Auch Ammanns Kandidatur für die Regierung scheiterte, später wechselte er zur CVP.

Seither versucht die St.Galler BDP, als Kantonalpartei nicht komplett von der Bildfläche zu verschwinden. Im Parteivorstand gab es einen Generationenwechsel. Ein Team von jungen Vätern um Präsident Kenny Gubser führt heute die Partei. Zu den obersten Zielen gehöre eine «respektvolle» politische Diskussion, kündigte Gubser an. Die Partei werde «gegen die wachsende Hass- und Wutpolitik antreten». Inhaltlich jedoch tut sich die BDP schwer, Themen zu setzen – auch auf nationaler Ebene: Ihr Kampf gegen Waffenexporte blieb ein Einzelfall. Schon länger setzt sich die Partei auch für die Energiewende ein – doch diese Debatte dominieren andere. (av)

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