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Interview

Ständeratskandidat Andreas Graf: «Ich trete mit gutem Gewissen an»

Der Steinacher Andreas Graf kandidiert bereits zum zweiten Mal für den Ständerat. Der Parteifreie kritisiert die etablierten Parteien, das Gesundheitssystem und die Grünen – bei denen er bis vor vier Jahren selber Mitglied war.
Katharina Brenner
«Wir müssen Teilzeit aufwerten»: Ständeratskandidat Andreas Graf.Bild: Michel Canonica (St.Gallen, 22. Februar 2019)

«Wir müssen Teilzeit aufwerten»: Ständeratskandidat Andreas Graf.Bild: Michel Canonica (St.Gallen, 22. Februar 2019)

Steht die Schweiz vor dem Untergang?

Natürlich nicht. Warum fragen Sie? Sie müssten aktuell eher fragen, ob die EU eine Zukunft hat.

Auf Ihrer Internetseite zeichnen Sie ein apokalyptisches Bild von Politik und Bildung hierzulande.

Nur weil wir uns wohlfühlen, dürfen wir nicht die Augen verschliessen vor den Gefahren für unsere Kultur und Gesellschaft. Wir wären nicht die erste Hochkultur in den vergangenen 4000 Jahren, die in ihrer rosaroten Blase weiterschläft und die Zeichen der Zeit nicht erkennt. Was mit diesen geschah, wissen wir ja.

Welche Gefahren meinen Sie?

Die Art und Weise wie wir Rohstoffe und auf Kohlenwasserstoff basierende Energien beziehen und verschwenden, das Sterben von Insekten, Amphibien, Vögeln und Pflanzen, 60 Prozent Verlust an Arten in den vergangenen 40 Jahren. Die jungen Leute demonstrieren heute zu Recht gegen diese Entwicklungen. Familien können sich die Krankenkassenprämien kaum mehr leisten, und bei der Rentenversicherung kommen massive Probleme auf uns zu. Ein Ständerat muss weit vorausschauen und sich fragen: Wo führt das hin?

Zuletzt waren Sie vor drei Jahren als parteifreier Regierungsratskandidat in den Schlagzeilen, jetzt wollen Sie in den Ständerat. Ist das, mit Verlaub, nicht zu hoch gegriffen? Sie könnten auch erst einmal im Gemeinderat Steinach politisieren.

Haben denn die etablierten Parteien irgendwelche der oben genannten Probleme gelöst? Nein! Altersvorsorge, Gesundheitskosten, Umweltverschmutzung, Landverschleiss, Bildung, Recht und die unsinnige Gesetzesflut sind in den vergangenen Jahren noch schlechter geworden. Da trete ich mit gutem Gewissen an.

Was haben Sie seit der Regierungsratswahl 2016 gemacht?

Gut beobachtet, nachgedacht und sehr gute Lösungen gefunden, sogar einen Plan wie wir sie umsetzen könnten.

Zum Beispiel für die Rentenversicherung?

Flexibilisierung ist das Gebot der Stunde. Es ist etwas anderes,
ob jemand auf der Baustelle arbeitet oder im Büro. Und wir brauchen eine gleichwertige Entlöhnung für gleiche Leistung zwischen Mann und Frau. Dafür müssen wir Teilzeit aufwerten. Wenn eine Mutter zwei Tage die Woche arbeitet, sollte diese Arbeit steuerfrei sein. Für die drei Tage, an denen sie die Kinder betreut, sollte aus einem Fonds in die Pensionskasse einbezahlt werden.

Was tun gegen steigende Krankenkassenprämien?

Seitdem das Krankenkassen-­Obligatorium eingeführt wurde, haben sich die Kosten im Gesundheitsbereich verdoppelt. Da finden wir den grundsätzlichen Systemfehler doch schnell.
Sind Sie etwa gegen ein Krankenkassen-Obligatorium?
Die Bürger sollten frei entscheiden können, ob sie eine Krankenversicherung möchten. Sie sind vernünftig genug, um das Risiko einer Krankheit abzuwägen. Und diejenigen, die gesund leben, sollten weniger zahlen müssen. Ich renne nicht wegen jedem Blödsinn zum Arzt.

Andere schon?

Ja, das ist ein Problem. Ausserdem ist alles zu kompliziert. Ich verstehe ja gar nicht, was der Arzt abrechnet. Die Industrie macht Profit mit Krankheit, und jene die sich für Gesundheit einsetzen, werden bestraft.

Wie viele Spitäler im Kanton sollte man schliessen?

Keins. Das ist überhaupt nicht nötig. Wir brauchen verschiedene Kompetenzzentren über den ganzen Kanton verteilt. Geschickte Dezentralisierung ist immer wirtschaftlicher als grössenwahnsinnige Zentralisierung.

Denken Sie, dass Sie gut mit Paul Rechsteiner zusammenarbeiten könnten?

Ja. Wie er bin ich für einen starken Lohnschutz. Das Leben in der Schweiz ist teuer. Unsere jungen Menschen wissen, was das Leben bei uns kostet und arbeiten nicht für jeden miesen Lohn. Da müssen wir in der Schweiz zuerst durch Effizienz Kosten senken.

Sie waren Mitglied bei den Grünen und sind ausgetreten, weil Sie Ihnen «zu links» waren.

Wir hätten heute weniger Boden- und Wasserverschmutzung mit Chemikalien aus Landwirtschaft, Haushalt und Industrie, Landverschleiss und Rohstoffverschleiss, würden sich die Grünen zuerst um ihre Kernthemen kümmern.

Ist Ihnen der Grünen-Ständeratskandidat Patrick Ziltener grün genug?

Er weiss selber am besten, wie grün er ist.

Was tun Sie persönlich für die Umwelt?

Mit der Familie kaufe ich bei regionalen Bauern möglichst biologische Lebensmittel ein und setze auf Solarenergie. Ich fliege selten, fahre mit dem Velo oder gehe zu Fuss. Im Haushalt verwenden wir nur biologisch abbaubare und natürliche Seifen und Kosmetika und Medikamente ohne Tierversuche.

Welcher Partei stehen Sie als Parteifreier am nächsten?

Keiner. Aber in jeder Partei gibt es Menschen die gute Lösungen wollen. Ich bin parteifrei.

Naturnaher Controller

Andreas Graf (*1963) ist selbstständig in den Bereichen Controlling, Kommunikation und Organisation. Er war drei Jahre in der biologisch dynamischen Landwirtschaft tätig. Graf lebt mit seiner Frau in Steinach und hat drei Kinder. 2015 kandidierte er für die Grünen für den Nationalrat und gleichzeitig als Parteiloser für den Ständerat. Graf war Co-Präsident der St. Galler Grünen und verliess die Partei 2015. Bei den Regierungsratswahlen 2016 trat er für die Gruppe Parteifrei SG an.

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