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STADTRAND-WALD: Sinnesschule vor der Haustüre

Der Bruggwald im Nordosten von St. Gallen Richtung Wittenbach ist kein spektakulärer Wald. Am ehesten bekannt ist er wegen dem Wildpark und der Alten Konstanzerstrasse. Und doch lohnt sich ein Spaziergang zu allen Tages- und Jahreszeiten.
Peter Müller
Markierte Wege und Forststrassen im tierparknahen Bruggwald – und doch lässt sich auch in einem ganz gewöhnlichen Agglomerationswald viel entdecken. (Bild: Hanspeter Schiess)

Markierte Wege und Forststrassen im tierparknahen Bruggwald – und doch lässt sich auch in einem ganz gewöhnlichen Agglomerationswald viel entdecken. (Bild: Hanspeter Schiess)

Peter Müller

ostschweiz@tagblatt.ch

«Bruggwald? Aha, der Wald mit dem Peter und Paul.» So geht es vielen. Sie kennen den Wildtierpark mit der Aussicht auf den Alpstein. Der Wald rundherum ist ihnen – wenn überhaupt – nur vage ein Begriff; von Wanderungen, Mountainbike-Touren, als Startpunkt der Alten Konstanzerstrasse. Der einstige Verbindungsweg zwischen St. Gallen und Konstanz ist heute ein markierter Wanderweg. Die Wegführung ist einigermassen historisch, die Beschaffenheit des Weges ist es nur noch teilweise. Ein verkannter Wald? Nicht unbedingt. Der 148 Hektaren grosse Bruggwald, der zu 90 Prozent der Ortsbürgergemeinde St. Gallen gehört, bietet nichts Umwerfendes. Er ist ein Stadtrand-Wald, wie es viele gibt. Forststrassen und Wanderwege, Ruhebänke, Feuerstellen, Spielplätze, ein Vita-Parcours. Immerhin weist er Bäume auf, die 160-jährig und älter sein dürften, sagt Patrik Hollenstein, Revierförster der St. Galler Ortsgemeinde. Die Hauptbaumarten sind Fichte, Weisstanne, Buche, Ahorn, Esche. Auch tiermässig fällt der Bruggwald nicht aus dem Rahmen: viele Vögel und Insekten, gelegentlich Rehe, Füchse, Waldmäuse – und Katzen.

Als «Wald vor der Haustüre» kann man zum Bruggwald aber doch ein engeres Verhältnis entwickeln. Er eignet sich bestens für Spaziergänge oder Joggingrunden am Feierabend oder für das Ausführen des Hundes. Seine Lage – langgestreckt und gleichzeitig am Hang – erlaubt abwechslungsvolle Routen. Reizvoll ist er auch als Teilstück eines Spazierwegs in die St. Galler Innenstadt. Man ist praktisch die ganze Zeit im Wald, störender Autolärm meldet sich erst gegen den Schluss. Unternimmt man solche Waldspaziergänge immer wieder – bei jeder Witterung, zu jeder Jahreszeit – fängt der Bruggwald an, wirklich spannend zu werden. Dann realisiert man: Er führt eben auch «in die Natur hinein» – nicht in alle ihre Schönheiten und Wunder, Geheimnisse und Abgründe, aber doch in manche. So ist es zumindest mir ergangen. Ich wohne seit über 15 Jahren an der Bruggwaldstrasse und habe den Wald nach und nach für mich entdeckt.

Die alten «Menschensinne» schulen, dem Regen zuhören

Der Bruggwald ist eine Schule für die «alten Menschensinne»: Sehen, Hören, Riechen, Fühlen, Schmecken. Hier, in der Welt von Fichten, Farnen und Holunder, Vögeln und Insekten bieten sich diesen Sinnen andere Eindrücke als in der hochtourigen Alltagswelt. Man kann sich auf seine Sinne einlassen, ihnen Zeit geben. Was steckt hinter dem Geräusch dort im Tobel? Die Person, in der Abenddämmerung, weit vorne auf dem Weg: Geht sie in meine Richtung oder in die entgegengesetzte? Im Alltag bin ich vielfach einem akustischen und optischen Wirrwarr ausgesetzt. Vieles ist Kunststoff, Metall, Beton und Teer. Und vor dem Computer komme ich mir vor wie ein Pilot im Cockpit. Hier im Bruggwald haben meine Sinneswahrnehmungen etwas von klassischer Musik. Gleichzeitig verbinden sie mich mit dem Lebendigen um mich herum, den Pflanzen und Tieren, dem Wind, dem Wasser, der Sonne.

Der Bruggwald fördert auch das Gespür für die Jahreszeiten. Man bekommt mit, wie sich die Natur im Lauf des Jahres verändert – ganz konkret, jenseits der Auslagen in den Läden, der Klischeebilder in Werbung und Medien. Die Sinne schaffen spannende Erlebnisse. Faszinierend ist es, der pflanzlichen «Lebenskraft» des Waldes nachzuspüren. Im Frühling bricht sie los, im Spätsommer beginnt sie mit dem Rückzug, im Herbst bäumt sie sich noch einmal auf, in verdichteter, fast alchemistischer Qualität, um dann praktisch im Erdboden zu verschwinden. Der Bruggwald wirkt dann wie eine verlassene Filmkulisse, gespenstisch leer. Kein Wunder, tun sich viele Menschen mit dem Winter schwer. Sie vermissen nicht nur die Wärme und das Licht, sondern auch das pflanzliche Leben, seine Farben und Gerüche. Der Bruggwald ermuntert mich dazu, mich mit dem Winter wenigstens anzufreunden. «Hinhören. Zuhören. Auch dem Regen, dem Nebel, der Dunkelheit, dem Schnee. Auch sie haben allerlei zu erzählen, über Himmel und Erde, die Landschaft, die Tiere, die Pflanzen – und uns Menschen», habe ich kürzlich in meinen Wald- und Baumnotizen festgehalten. An einem verregneten Sommerabend hatte ich die Probe aufs Exempel gemacht und am Rand des Bruggwaldes, unter einem Vordach, in den dichten Regen gelauscht. Allmählich meldeten sich Gedanken und Bilder – banale und kuriose, aber auch tiefe und eindrückliche.

Ein tödlicher Streit vor hundert Jahren und «Walden» im Kopf

Natürlich hat der Bruggwald auch eine «Wald–Mensch»-Geschichte. Da gäbe es gewiss allerlei Spannendes zu berichten – auch über die Gebäude an seinem Rand, zum Beispiel die Ziegelei (1904–1974) oder das Ostschweizer Blindenheim (seit 1907). Leider ist zu dieser Geschichte fast nichts greifbar. Um so wertvoller sind Zufallsfunde, etwa eine Zeitungsnotiz vom Juni 1907. Zwei Vierergruppen von Italienern – wohl Gastarbeiter – begegnen sich zufällig im Bruggwald, beide Gruppen singend, eine aus vier Brüdern bestehend. Wegen einer Bagatelle kommt es zu einer Rauferei, ein 25-Jähriger zückt ein Messer und verletzt einen anderen tödlich; er wird später des Mordes überführt. Wenn ich in der Dämmerung oder nachts im Bruggwald unterwegs bin, kommt mir diese Geschichte gelegentlich in den Sinn. Als wirklich unheimlich erlebe ich den Wald aber nie. «Im Vergleich zu uns Menschen wären Gespenster eigentlich harmlos. In unserer Menschenwelt gibt es Unheimlicheres und Schrecklicheres», habe ich schon öfters gedacht. Kurz: Wenn ich im Bruggwald unterwegs bin, lasse ich meinen Sinnen und meiner Fantasie freien Auslauf und bin immer wieder erstaunt, was sie in diesem Wald alles finden. Gelegentlich denke ich dabei an Henry David Thoreau (1817–1862), Aussteiger und Naturfreak, Zivilisationskritiker und Ökopionier. Der US-Amerikaner könnte dieses Jahr seinen 200.Geburtstag feiern. Was ich im Bruggwald mache, machte er in einem viel radikaleren Sinn. Allerdings pendelte auch er stets zwischen Natur und Zivilisation, selbst in den zwei Jahren, in denen er als «Einsiedler» am Walden-See wohnte, in einer selbst gebauten Blockhütte. In seinem Klassiker «Walden» und seinen Essays bietet er eine Fülle von Beobachtungen, Reflexionen und Bildern. Die Lektüre lohnt sich. Thoreaus literarisches Werk ist selber eine Art Wald, in welchem man wunderbare Wanderungen machen kann. Noch lohnender ist allerdings das Selber-in-den-Wald-Gehen – ob im Bruggwald am Nordostrand St. Gallens oder anderswo.

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