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Von «Hätten Metallica gerne gesehen» bis «Wir rocken das trotzdem»: So divers sind die Stimmen der Rockfans beim Out in the Green Frauenfeld

Mit der Rückkehr des legendären Out in the Green stürmen die Rockfans aus ganz Europa seit Mittwochmorgen die Frauenfelder Allmend. Die Absage von Metallica ist für viele ein Schock. Doch auch so lassen sich viele die Freude nicht verderben.

Samuel Koch
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Der Blitz hat aus heiterem Himmel eingeschlagen. Punkt 8.16 Uhr am Mittwoch flatterte die Mitteilung der First Event AG über die Absage von Headliner Metallica ins Postfach. Wenig überraschend ist die Enttäuschung auch bei den vielen Rockfans spürbar, die bereits am Vormittag lange vor der Türöffnung um 12 Uhr nach Frauenfeld gereist sind.

Auf dem Parkplatz der Grossen Allmend reiht sich Auto an Auto, die Herkunft der Kennzeichen erscheint fast so bunt wie die verschiedenen Haarfarben der Leute. Aus Zürich, Luzern, Bern. Aus Deutschland, Italien, Belgien. Das Auto von Rondepierre und Romain Vernisse trägt ein französisches Kennzeichen. Sie sind aus St.Etienne etwas südlich von Lyon angereist. Anfahrtszeit: knapp acht Stunden. Romain Vernisse sagt:

«Wir haben in Zürich von der Absage gehört, freuen uns aber trotzdem auf den Konzerttag und machen das beste draus.»
Romain und Rondepierre Vernisse aus St.Etienne.

Romain und Rondepierre Vernisse aus St.Etienne.

Bild: Tobias Garcia

Optimistische Töne sind von vielen zu vernehmen. Doch es pilgern auch einzelne Scharen in schwarzen Heavy-Metal-Kleidern und Bierdose in der Hand zurück ins Stadtzentrum. «Uns haben einige gesagt, dass sie sich das ohne Metallica nicht antun wollen», erzählt Pascal aus Wil. Seine Begleitung Melanie aus Teufen freut sich auf Sabaton und Five Finger Death Punch.

Aus dem Fricktal angereist ist die Familie Bärfuss mit den Eltern Fredi und Ursi, Sohn Sascha und dessen baldiger Ehefrau Dori Martin. «Wir waren schon unterwegs, als wir die Absage vernommen haben», sagt Vater Bärfuss. Sein Sohn ergänzt: «Wir rocken das trotzdem.» Umzudrehen zurück nach Hause sei den Familienmitgliedern nie in den Sinn gekommen, auch weil sie VIP-Tickets gekauft haben. «Wir gönnen uns das. Ich mag Zelten nicht mehr, wenn dir jemand ins Zelt kotzt», gibt sich Fredi Bärfuss ehrlich und lacht.

Drei Mal Pommesgabel: Fredi, Ursi, Sascha Bärfuss und Dori Martin.

Drei Mal Pommesgabel: Fredi, Ursi, Sascha Bärfuss und Dori Martin.

Bild: Tobias Garcia

Durch Metallica-Absage einen Bugatti gespült

Vor dem VIP-Eingang trifft man auch auf Wolfgang Sahli, VR-Präsident der First Event AG, nachdem er mit dem Quad übers Gelände gefahren ist. Er ist gestresst, gibt sich aber bezüglich Metallica-Absage kommunikativ:

«Zwischen 3 und 6 Uhr haben die Diskussionen bis zur Absage stattgefunden. Aber für uns war von Anfang an klar, dass wir es auch ohne Metallica durchziehen.»
Wolfgang Sahli, VR-Präsident First Event AG.

Wolfgang Sahli, VR-Präsident First Event AG.

Bild: Tobias Garcia

Es sei stressig gewesen, klar. Und finanziell spricht Sahli davon, dass sie einen Bugatti gespült hätten. Laut Websites von Händlern ist ein solcher ab zwei bis drei Millionen Franken erhältlich, ohne klare Obergrenze versteht sich. Zur Familie Bärfuss sagt Sahli: «In fünf Stunden konnten wir leider keinen namhaften Ersatz finden.» Deshalb entschieden die Organisatoren, den Zeitplan nach hinten zu rücken, womit Sabaton und Five Finger Death Punch zu den neuen Headlinern avancieren. «Wir sind sowieso wegen Sabaton hier», sagt Fredi Bärfuss und zeigt seine Pommesgabel.

Möglichkeiten für Rückerstattungen auf einer Tafel beim Festivalgelände.

Möglichkeiten für Rückerstattungen auf einer Tafel beim Festivalgelände.

Bild: Samuel Koch

Insgesamt haben die Organisatoren schnell reagiert, bereits um 11 Uhr stehen überall Tafeln mit Hinweisen für eine mögliche Rückerstattung. Es gibt zwei Optionen:

  • ohne Einlass eine komplette Rückzahlung
  • mit Einlass eine Rückerstattung von 50 Franken

Von Letzterem machen Natascha Wüst und Marvin Egger aus St.Gallen sowie Debora Licari aus Bischofszell Gebrauch. «Wenn es uns schon angeboten wird, holen wir das Geld», sagt Wüst, die mit einer speziellen Linse und weissen Stiletto-Fingernägeln auffällt. Rock- und Heavy-Metal-Musik begleitet die drei Ostschweizer seit der Kindheit. «Als 8- oder 9-Jährige hat es mir bei einem Konzert von Nightwish den Ärmel reingenommen», sagt Licari.

Ostschweizer Rockfans: Debora Licari aus Bischofszell sowie Marvin Egger und Natascha Wüst aus St.Gallen.

Ostschweizer Rockfans: Debora Licari aus Bischofszell sowie Marvin Egger und Natascha Wüst aus St.Gallen.

Bild: Tobias Garcia

Hingegen solidarisch gegenüber den Organisatoren zeigen sich Elvira Köhler aus Felben-Wellhausen und ihr Freund Alex Ackermann aus dem baslerischen Münchenstein. Köhler sagt:

«Die Veranstalter können ja nichts dafür. Wir hätten Metallica gerne gesehen. Aber wir wären so oder so gekommen und geniessen es jetzt.»

Im Gegensatz zum bekannten Hip-Hop-Festival tummeln sich auffallend viele ältere Besucherinnen und Besucher vor den Toren zum Festivalgelände, sitzen im Kreis, trinken ein Bier. Hie und da dröhnen rockige Riffs aus einem mobilen Lautsprecher. In einer kunterbunten Jacke mit Dutzenden Stickern von Rock- und Metalbands sitzt Martin Schrempp aus Rothrist. «Das sind alles Sticker von Bands, die ich gesehen habe», erzählt er nicht ohne Stolz.

Haben sich an einem Rockkonzert kennen gelernt: Rüdiger und Susanne Eble aus Karlsruhe sowie Sandra und Martin Schrempp aus Rothrist.

Haben sich an einem Rockkonzert kennen gelernt: Rüdiger und Susanne Eble aus Karlsruhe sowie Sandra und Martin Schrempp aus Rothrist.

Bild: Tobias Garcia

Darauf zu finden ist auch ein Sticker von Metallica, die er mit seiner Frau Sandra 2019 in Madrid live hat spielen sehen. Als die Gruppe von der Absage erfahren hat, waren sie längst auf dem Weg nach Frauenfeld. Ihre beiden Begleiter Susanne und Rüdiger Eble sind aus Karlsruhe angereist, sassen bei der Bekanntgabe der Absage im Zug in Konstanz. Kennen gelernt haben sich die sympathischen Paare – wen wundert's? – an einem Rockkonzert. Susanne Eble sagt: «Daraus ist eine richtige Freundschaft entstanden.»

Kurz vor Türöffnung um 12 Uhr gibt es aber auch böse Überraschungen. Simone aus Rom hat bisher nichts von der Metallica-Absage gehört. Was er jetzt macht, weiss er nicht. Was er denkt, ist klar: «Fuck off!»