Stadionvaters Eingeständnisse

ST.GALLEN. Der Initiator der AFG Arena, Hans Hurni, spricht von «gewissen Fehlentscheidungen». Er erklärt das verlorene Vertrauen mit fehlender Kommunikation und Transparenz: «Das muss unbedingt korrigiert werden.»

Marcel Elsener/ andreas Kneubühler
Drucken
Teilen
Hans Hurni auf der Terrasse seiner Wohnung im «Radisson». (Bild: Ralph Ribi)

Hans Hurni auf der Terrasse seiner Wohnung im «Radisson». (Bild: Ralph Ribi)

Schriftlich hat er sich bei der Zeitung gemeldet, der AFG-Arena-Motor und «Stadionvater» Hans Hurni, ehemaliger Präsident des FC St. Gallen (1993 bis 1996), langjähriger Verwaltungsratspräsident der Stadion AG (1999 bis 2009) und seit einem Jahr VR-Mitglied der Betriebs-AG. Er wolle endlich den «Unwahrheiten von Polemikern» entgegnen können.

Natürlich sei er «tief enttäuscht nach zwölf Jahren Arbeit» und «echt frustriert», sagt der heute 84jährige ehemalige Kantonalbankdirektor auf der Terrasse seiner ständig gemieteten «Radisson»-Suite. «Bisher erhielt ich in der Stadt viel Schulterklopfen und Zuspruch von wildfremden Leuten, jetzt verziehen sie das Gesicht oder teilen mir ihren Missmut mit», bedauert er.

Scheinbar verflogen die breite Begeisterung fürs neue Stadion, angekratzt die «persönlichen Vertrauensbeweise» durch das Zwei-Drittel-Volksmehr für die Umzonung (1999) und den Support durch 4500 Aktionäre, die Hurni so sehr freuten.

«Alles wieder so machen»

Er sei bereit, «alles offenzulegen, wir haben doch nichts zu verbergen». Weit ist die Sicht von der Terrasse des «Radisson», vom Espenmoos allerdings ist nur knapp ein Leuchtmast zu sehen; Hurni holt weit aus in der Stadiongeschichte.

1996, nach seinem Rücktritt als FC-Präsident, drängte die Nationalliga vehement auf Sanierung oder Neubau des Stadion Espenmoos. «Du hättest doch Zeit», habe der damalige Präsident Thomas Müller zu ihm gesagt.

Der erste Anlauf war allerdings ein Fehlschlag: Er erinnere sich genau an den regnerischen Tag, als er mit HRS-Unternehmer Urs-Peter Koller und zwei Interessenten für eine Mantelnutzung zum Espenmoos fuhr und der Befund schnell klar war: «Geht nicht, schon wegen der Platzverhältnisse und der Verkehrsanbindung. Sie stiegen nicht einmal aus dem Auto.»

Im Januar 1999 ist der Weg zum Stadion-Neubau im Autobahnkreuz vorgespurt; Hurni gründet mit Kollegen die Stadion St. Gallen AG und startet das Projekt. Zwölf Jahre später würde er «alles wieder genauso machen, denn Arena und Lage überzeugen». Und die Mantelnutzung habe es zwingend gebraucht: «Ohne FCSG wären wahrscheinlich Jelmoli und Ikea nie dort draussen, und umgekehrt gilt das genauso.»

Fehler «zugunsten Komfort»

«Sie ist solide», sagt Hurni, «ohne überheblich tönen zu wollen.» Er meint die Finanzierung seitens der Stadion AG – der 59 Millionen Franken teure Bau (48 Mio. Grundbau, 11 Mio. Ausbau I) sei durch den Grundstückverkauf (42,5), Aktienkapital (7,5), Hypotheken (8) und Baubeiträge mehrerer Gemeinden (1 Mio.) «klar finanziert» und könne innert 20 Jahren amortisiert werden, «sofern die BAG ihre Mieten zahlt».

Alle Verteuerungen seien begründet – als Beispiel nennt er die 7,4 Mio. Franken für Sicherheitsanforderungen, darunter 1,75 Mio. zur Verstärkung einer Plattform für Feuerwehr- und Sicherheitsfahrzeuge bis 40 Tonnen Gewicht. Die Fehlplanung allerdings bei den Ausbauten durch die BAG verhehlt Hurni nicht: «Vielleicht hätte man damals sagen müssen, dass wir nicht alles zu vertretbaren Bedingungen, sprich Amortisationsfristen, finanzieren können. Zum Beispiel Logen oder Inhouse-TV.

» Anders gesagt: «Wir machten Fehler zugunsten eines Komforts, der für eine moderne Fussballarena dazugehört.» Mit einem lediglich Uefa-konformen Stadion könne man einfach zu wenig Einnahmen generieren, erklärt Hurni und rechnet vor: «Die Logen allein bringen uns 2,2 Millionen, auch wenn aufgrund der Wirtschaftskrise und des Abstiegs nicht alle damals potenziellen Logenmieter ihre Absichtserklärungen einhielten.»

Dann fasst sich Hurni ein Herz: «Von betrügerischer Absicht zu reden, ist Verleumdung. Aber ich würde – einige Kollegen werden sich ärgern – von gewissen Fehlentscheidungen reden. Wir sind in grundehrlicher Überzeugung von falschen Vorstellungen ausgegangen. Alle Beteiligten waren sicher, dass wir es schaffen.» Heute wisse man, dass dies ein Irrtum gewesen sei. «Es ist unangenehm, jetzt den Steuerzahler um Hilfe bitten zu müssen.

» Draussen fliegt der dritte Spitalhelikopter vorbei, Hurni zeigt in Richtung Pfalz: «Die Regierung hat uns doch vierteljährlich kontrolliert und das Vertrauen ausgesprochen.»

«Vertrauen zurückgewinnen»

Niemand habe etwas «unter dem Tisch eingefädelt», sagt der seit 1991 pensionierte Bankdirektor in einem Dialektausdruck seiner Basler Heimat; «am liebsten» würde er eine Liste publizieren mit klaren Antworten auf alle offenen Fragen und «Verdächtigungen».

Er ist froh, dass die BAG jetzt ihre Zahlen offengelegt hat. Und er kann sich nicht erklären, warum die «absolute Transparenz» nicht früher geschaffen worden ist. Just daher aber rühre ein grosser Teil des Misstrauens, meint Hurni. «Wir haben den Kommunikationsbedarf gegenüber der Öffentlichkeit massiv unterschätzt.»

«Wir müssen jetzt Vertrauen zurückgewinnen, auch wenn es vielleicht schon zu spät ist», sagt Hurni. Er ist überzeugt, dass die Vorlage mit der «Umschuldung» eine gute Lösung wäre.

«Wir haben Liquiditätsprobleme, sind aber nicht marode», betont er. Der Konkurs einer Gesellschaft sei deshalb der schlechteste Ausweg; die Stadion AG hafte nämlich für die Bankkredite der BAG. Und deren einziger Aktivposten sei das Stadion: «Und das soll dann der Staat betreiben?»

Warum er sich das alles noch immer antue, wollte kürzlich auch sein – gastronomisch tätiger – Sohn wissen: «Es ist mein Ehrgeiz.

Würde meine Frau noch leben, hätte ich mich fürs Spazieren entschieden, damals schon, 1992, als ich im Fussball einstieg.»