Staatsmenu im Papiersack

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Tradition Die St. Galler Bratwurst ist nicht nur Werbeträger, Klischeebediener und Büezer-Mahlzeit. Sie ist das offizielle St. Galler Staatsessen. 1500 Stück werden alljährlich im Staatskeller serviert – von honorablen Gastgebern. Nur wer Gast der Regierung oder des Staatssekretärs ist, darf einen Schritt in den Keller tun. Und dort ist nur ein Menü erlaubt: die einzige und echte St. Galler Bratwurst, serviert im Papiersack, auf die Hand, ohne Messer und Gabel. So will es die ungeschriebene Regel zur Bewirtung des Kellers: Es kommt nur auf den Tisch, was von Hand gegessen werden kann. Wurst und Bürli. Dazu St. Galler Wein oder Bier. Woher rührt die Bescheidenheit dieses Staatsmenus? Pure Sparsamkeit? Ein bisschen, vielleicht. Doch weit stärker wiegt – und das ist historisch belegt: Die St. Galler Regierung will sich nicht dem Vorwurf der Prasserei aussetzen. 1953, zum 150-Jahr-Jubiläum des Kantons, wollte sie den Keller ausbauen. Er ist über Teilen des ehemaligen Klosterfriedhofs gebaut und wurde zuvor als Zeughaus, Gefängnis, Archiv und Lagerraum genutzt. Sie begehrte dafür einen Kredit. Der Grosse Rat schmetterte diesen ab – aus Furcht, die Regierung könnte im Keller «der Prasserei anheimfallen». Das Gewerbe sprang ein – und zahlte den Umbau. Ein Gästebuch gibt es nicht. Dennoch: Auch Zürcher Regierungsräte und Zunftmeister haben im Keller schon in die Wurst gebissen. Genauso wie Bundesräte, Sportgrössen und Cervelatprominenz. Auch Letztere erhält zur Aufwertung eine Bratwurst. (rw)

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