«Staatliche Finanzhilfe ist Gift»

Der St. Galler Tourismusdirektor Frank Bumann sieht seine Branche wegen des Eurokurses in einer Notlage und verlangt Sofortmassnahmen von der Politik. HSG-Professor Pietro Beritelli warnt vor verfrühter Panik.

Adrian Vögele
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Führung in der Stiftsbibliothek: Wegen des tiefen Eurokurses hofft St. Gallen-Bodensee Tourismus auf mehr Gäste aus Übersee. (Bild: Daniel Ammann)

Führung in der Stiftsbibliothek: Wegen des tiefen Eurokurses hofft St. Gallen-Bodensee Tourismus auf mehr Gäste aus Übersee. (Bild: Daniel Ammann)

Herr Beritelli, der Direktor von St. Gallen-Bodensee Tourismus bezeichnet die Situation der Branche nach dem Wegfall des Euro-Mindestkurses als «Notlage». Teilen Sie diese Ansicht?

Pietro Beritelli: Die Wortwahl ist etwas gar dramatisch. Es stimmt zwar, dass die Währung nebst Wetter und Wirtschaftslage der wichtigste Faktor für den Tourismus ist. Der Entscheid der Nationalbank war darum eine kalte Dusche für die Branche. Nur: Wir wissen noch gar nicht, wie sich der Kurs längerfristig einpendelt. Erst einmal sollte man beobachten, wie sich die Buchungszahlen für den kommenden Sommer entwickeln.

Ist der Tourismus in der Ostschweiz stärker unter Druck als in anderen Regionen der Schweiz?

Beritelli: Das ist schwer zu sagen. Im Vergleich mit Graubünden zum Beispiel steht die Ostschweiz eher besser da. Graubünden lebt stark von einem preisbewussten Publikum aus dem Euro-Raum. Andererseits sind für die Ostschweiz die inländischen Gäste wichtig. Und von diesen nutzen viele die günstiger gewordenen Angebote im nahen Ausland. Das Montafon beispielsweise ist derzeit ja geradezu überfüllt.

Welche Betriebe sind vom «Euro-Schock» besonders betroffen?

Beritelli: Gut aufgestellte Betriebe mit entsprechenden Margen können solche Schwankungen verkraften. Schwieriger ist es für Betriebe, denen das Wasser bereits vor der Aufhebung der Euro-Untergrenze bis zum Hals stand.

Bereits ertönt der Ruf nach staatlicher Hilfe. Ein Teil der Gewinnausschüttung der Nationalbank soll an den Tourismus fliessen. Was halten Sie davon?

Beritelli: Nicht viel. Subventionen sind Gift für die Wirtschaft, weil sie Abhängigkeiten schaffen. Beim Tourismus kommt hinzu, dass er ein diffuses Phänomen ist. Man müsste sich also sehr genau überlegen, wo man überhaupt finanziell intervenieren könnte, und was das für Folgen hätte. Gäste kommen dann wieder, wenn sie eine moderne Infrastruktur vorfinden und gut bedient werden. Hier sind vor allem die Hoteliers gefordert. Der Staat muss in erster Linie dafür sorgen, dass die Rahmenbedingungen stimmen – etwa in der Raumplanung – und kann allenfalls Kontakte zu Investoren herstellen.

Eine weitere Forderung von St. Gallen-Bodensee Tourismus ist ein kostenloses Ostwind-Ticket für ausländische Feriengäste.

Beritelli: Die Idee ist interessant, müsste aber noch weiter gedacht werden. Man müsste sich zum Beispiel überlegen, ob ein solches Angebot nicht auch für andere Gästegruppen, etwa aus dem Inland, gelten sollte. Zudem stellt sich die schwierige Frage der Finanzierung.

Welche Erfahrungen hat man mit Gratis-ÖV für Touristen?

Beritelli: Wir kennen solche Gratiskarten bisher vor allem in den alpinen Regionen. Dort wird das sehr geschätzt. Wenn einzelne Hotels vor Ort auf diese Leistung verzichten, dann stösst dies bei Gästen nicht selten auf Unverständnis.

St. Gallen-Bodensee Tourismus hofft, die Zahl der Gäste aus Asien zu steigern und damit den erwarteten Rückgang an Publikum aus dem Euro-Raum zu kompensieren. Ist das die richtige Strategie?

Beritelli: Bleiben wir realistisch: St. Gallen ist zwar eine schöne Stadt mit spannenden Sehenswürdigkeiten, doch mit Zürich, Luzern oder Zermatt kann sie aus touristischer Sicht nicht mithalten. Zudem führt die logische Reiseroute für asiatische Gäste von Zürich nach Luzern und weiter in den Alpenraum. Der Umweg über St. Gallen liegt nicht unbedingt auf der Hand.

Dann lohnt es sich nicht, viel ins Marketing in Asien zu investieren?

Beritelli: Entscheidend für den Erfolg ist nicht die Werbung, sondern das, was eine Region konkret bietet. Bereits heute haben wir asiatische Touristen in St. Gallen. Wenn diese Gäste ihren Aufenthalt positiv erleben, werden sie Verwandten und Bekannten von ihren Erfahrungen erzählen und die Destination weiterempfehlen. In der Mund-zu-Mund-Werbung liegen grössere Chancen als in aufwendigen Werbekampagnen.

Pietro Beritelli HSG-Professor, Forschungszentrum Tourismus und Transport (Bild: Benjamin Manser)

Pietro Beritelli HSG-Professor, Forschungszentrum Tourismus und Transport (Bild: Benjamin Manser)

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