St. Galler Rap gegen die Ausbeuter

Seit 45 Jahren schon treffen sich an der Uni St. Gallen jedes Jahr «Leaders of Today», «Leaders of Tomorrow» und «Topic Leaders» für das St. Gallen Symposium. Manche nennen es auch «Little WEF», obwohl das grosse Weltwirtschaftsforum in Davos ein Jahr jünger ist.

Kaspar Enz
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Seit 45 Jahren schon treffen sich an der Uni St. Gallen jedes Jahr «Leaders of Today», «Leaders of Tomorrow» und «Topic Leaders» für das St. Gallen Symposium. Manche nennen es auch «Little WEF», obwohl das grosse Weltwirtschaftsforum in Davos ein Jahr jünger ist.

Letzteres hat allerdings dem älteren Bruder in St. Gallen längst den Rang abgelaufen. Zumindest, wenn man den Rang an der Zahl der Feinde misst. Grosse Demos wie um die Jahrtausendwende gibt es zwar nicht mehr. Aber damals wurde das «Public Eye On Davos» gegründet, und die Weltsozialforen, als Gegenveranstaltungen zu WEF, WTO und G8. Anlässe, die schon fast so zu Institutionen wurden wie das WEF selber.

Alle waren da

Das ISC-Symposium hingegen? 45 Jahre lang wollte niemand dagegen protestieren. Dabei waren alle da, gegen die man als Kapitalismuskritiker das Wort erheben muss, von Joe Ackermann über Glencore-Chef Ivan Glasenberg bis Sepp Blatter, um nur ein paar Schweizer Gäste zu erwähnen. Auch dieses Jahr besuchen bedeutende einheimische Ausbeuter das Symposium, die Chefs von Roche und Novartis beispielsweise. Dabei kommen die Gäste mehrheitlich von weiter her. Dieses Jahr ist Douglas Flint, Chef der Grossbank HSBC, da, und Ex-Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen. Ein Gouverneur aus Amerika, der isländische Premier und eine Ministerin aus Ghana. Da ist die Teilnahme eines Bundesrats grad noch eine Fussnote wert.

Endlich ein bisschen Protest

Und endlich, auch wenn in Davos niemand mehr auf die Strasse geht, wird auch in der verschlafenen Ostschweiz protestiert. Eine Demo ist schon angekündigt, mit einem Protestrap – das gab es bei den Kundgebungen gegen das WEF noch nicht. Der Rap stammt vom St. Galler Hip-Hop-Urgestein E.S.I.K., auch bekannt als «Der übliche Verdächtige», kurz D. Ü. V. Im Video zum Song läuft er in Maske und orangem Overall über das HSG-Areal und packt gekonnt alles in Reime, was es am Kapitalismus so auszusetzen gibt: «Sie verbreitet d'Idee vo Usbütig und Sozialabbau; dezue Umweltzerstörig, so wird en fette Zahltag baut», rappt er über einem Hip-Hop- Beat der alten Schule.

Spürbares Unbehagen

Auf völliges Unverständnis stösst er bei der Uni vielleicht gar nicht. «Es ist keine Frage, dass die gewaltigen Auswirkungen der Finanzkrise zu Skepsis gegenüber der Wirtschaft und ihren Vertretern führt.» Das steht im Papier des St. Gallen-Symposiums, das die Thematik der diesjährigen Ausgabe darlegt, auf Englisch natürlich. Das Papier spricht auch vom Unbehagen, das gegenüber grossen Konzernen zu spüren sei, wie HSBC oder Novartis, deren Chefs am Symposium auftreten. Vielleicht müsste D. Ü. V. bei den Mächtigen dieser Welt mal nachfragen.

Nur, die Demo findet schon am 2. Mai statt, also in der Woche vor dem Symposium. Und so endet die Episode so, wie solche Geschichten fast immer enden: Die, die etwas ändern wollen, aber nicht können, und die, die etwas ändern könnten, reden aneinander vorbei.