St. Galler Akten gehen baden

Erstmals gibt das St. Galler Staatsarchiv Dokumente in die Papierentsäuerung. Das erhöht die Lebensdauer der Akten massiv und bewahrt sie vor dem Zerfall. Der chemische «Waschgang» findet in einer Anlage im Besitz des Bundes statt.

Ralph Hug
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Vom Zerfall bedrohte Akten werden im Staatsarchiv St. Gallen für den Transport in die Entsäuerungsanlage verpackt. (Bild: Hanspeter Schiess)

Vom Zerfall bedrohte Akten werden im Staatsarchiv St. Gallen für den Transport in die Entsäuerungsanlage verpackt. (Bild: Hanspeter Schiess)

Auch Papier hält nicht ewig. Vor allem nicht dasjenige, das Mitte des vorletzten Jahrhunderts in industrieller Manier gefertigt wurde: Es verfärbt sich gelb, bekommt Flecken und kann schliesslich ganz zerbröseln. Vor diesem Problem stehen heute zahllose Archive in aller Welt. Wie kann der sensible Bestand langfristig gerettet werden? Als Methode bietet sich die Entsäuerung des Papiers an. Davon macht nun auch das St. Galler Staatsarchiv Gebrauch.

Lebensdauer viermal höher

«Wir haben eine erste Charge nach Wimmis gegeben», sagt Archivarin Regula Wyss. Im Berner Oberland steht auf dem gesicherten Gelände der ehemaligen eidgenössischen Pulverfabrik die einzige Anlage dieser Art im Land. Am vergangenen Donnerstag machte sich in St. Gallen ein Transporter mit der Ladung auf den Weg. In rund zwei Monaten werden die historischen Akten wieder zurück in St. Gallen sein. Und zwar mit einer Lebensdauer, die drei- bis viermal höher ist als bisher. Damit sind die Archivalien auch für künftige Generationen so gut wie gesichert.

Streckmittel ist schuld

Welche Dokumente kommen in den Genuss dieser Behandlung? Laut Regula Wyss sind es Zeugnisse aus der Zeit der Kantonsgründung von 1803 und später, zum Beispiel Unterlagen zur Verfassungsgebung, zu den Volksrechten oder zur Organisation der Kantonsbehörden. Referenzpunkt bei der Selektion war das Alter. Dokumente vor dieser Zeit sind beständiger, weil sie eine bessere Papierqualität aufweisen. Das Problem begann mit der industriellen Papierproduktion um 1840, als der Zellulose Streckmittel beigegeben wurden, was die Dauerhaftigkeit beeinträchtigt. Es entwickelt sich Säure, die das Papier langsam zerstört. Sichtbar ist dies an der gelben Farbe und an den typischen Stockflecken.

Mit der Entsäuerung wird der Zerfallsprozess weitgehend gestoppt. «In den letzten zwölf Jahren haben wir über 700 Tonnen Archivalien und Bücher entsäuert», berichtet Evelyne Eisenhauer, Mediensprecherin der Nitrochemie Wimmis AG. Die Entsäuerungsanlage ist im Besitz der Eidgenossenschaft, wird aber privat betrieben. Das Projekt gilt als erfolgreiches Joint Venture (siehe Kasten). Im St. Galler Staatsarchiv wurde man durch Stichproben darauf aufmerksam, dass es in den alten Aktenbeständen saure Papiere hat und dass man etwas dagegen tun muss. «Das Schlimmste wäre, einfach zuzuwarten», sagt Regula Wyss. Dies sei aus aus konservatorischer Sicht unvertretbar.

Unsichtbare Behandlung

Die erste Behandlung von fünfzehn Laufmetern Archivalien in Wimmis ist ein Auftakt. Weitere Lieferungen sollen je nach Verfügbarkeit der notwendigen Finanzmittel folgen. Ob jemand je die Entsäuerung des ganzen st. gallischen Bestands erleben wird, steht derzeit in den Sternen: Das Staatsarchiv lagert weit über zehn Laufkilometer Akten.

Übrigens sieht man es den Archivalien nicht an, wenn sie entsäuert sind. Die Verfärbung bleibt nach der Behandlung bestehen, ebenso allfällige Flecken. Aber es gibt keine zusätzlichen mehr. Der «Waschvollautomat» in Wimmis funktioniert.