Interview
«St.Gallen war einmal der Mittelpunkt der deutschen Sprache»

Stararchitekt Max Dudler aus Altenrhein spricht im Interview über vorbildliche Bibliotheken.

Marcel Elsener
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«Welche Bibliothek wollen wir?»: Unter diesem Titel lanciert der Verein Pro Stadtbibliothek eine Vortragsreihe im Bibliotheksprovisorium der Hauptpost. Erster Gast ist heute der aus Altenrhein stammende Berliner Architekt Max Dudler, der mit seinem Büro bereits über ein Dutzend Bibliotheken entworfen hat, darunter das preisgekrönte Grimm-Zentrum in Berlin. Im Gespräch mit dem FDP-Stadtparlamentarier und Tubisten Karl Schimke wird Dudler erklären, was eine gute Bibliothek ist.

Sie stellen in St.Gallen «vorbildliche Bibliotheken» vor, wie die Ankündigung verspricht. Was darf man sich darunter vorstellen?

Max Dudler: Grundsätzlich geht es mir weniger um konkrete architektonische Beispiele, von denen es ja einige gute auch in jüngster Zeit gibt. Sondern vielmehr um die Bibliothek als Ort, der für die Gesellschaft immer wichtiger wird. Heute bleibt Kommunikation häufig virtuell. Die Menschen brauchen deswegen Foren der Begegnung. Eine Bibliothek sollte in unseren modernen Städten eine Stätte der Ruhe sein, ein Ort des Rückzugs, aber auch der Bewegung, wo man Leute treffen und kennenlernen kann. Ein Café und andere Räume für Kommunikation und Austausch sind zwingend.

Max Dudler, Architekt aus Altenrhein mit Hauptbüro in Berlin. (Bild: pd)

Max Dudler, Architekt aus Altenrhein mit Hauptbüro in Berlin. (Bild: pd)

Stadt und Kanton St.Gallen sowie die Helvetia-Versicherung schreiben bald einen Architekturwettbewerb für eine Bibliothek im Stadtzentrum aus. Würde Sie die Aufgabe reizen?

Unbedingt! Ich habe in St.Gallen noch nie gebaut, das ist schon etwas schade. Aber ich sehe das nicht so eng, schliesslich bauen wir in ganz Europa, beispielsweise fünf Wohntürme in Brüssel, das ist ein ganz anderer Druck. Und ich darf die Erweiterung des Bundesrats in Berlin bauen, vergleichbar mit dem Bundeshaus in Bern. Stellen Sie sich vor, ein Deutscher würde in Bern bauen, undenkbar! Aber zurück zu Ihrer Frage: Ein Bibliotheksneubau ist städtebaulich bedeutsam, aber auch gesellschaftlich. Es ist ein sehr wichtiger Ort für eine mittelgrosse Stadt, das zeigt sich in Heidenheim, wo unsere Stadtbibliothek geradezu identitätsstiftende Wirkung hat. Die ganze Stadt trifft sich dort; Mütter mit Kleinkindern, Schüler, Studenten, alle Schichten und Altersgruppen.

St.Gallen besitzt mit der Stiftsbibliothek bereits einen berühmten Lesesaal. Welchen Bezug haben Sie dazu?

Die Stiftsbibliothek ist ein ungeheurer Schatz und Zeugnis, dass St.Gallen einmal der Mittelpunkt der deutschen Sprache war! Sie hat mich schon in Jugendjahren beeindruckt, als ich sie mit meinem Vater besuchte. Er war Steinmetz, in siebter Generation, und hatte im Klosterhof oft mit Restaurationen zu tun. Die Ruhe im Raum mochte ich auch als Teenager, obwohl ich weg wollte und von Paris träumte, wo in meiner Vorstellung jeder wie Sartre und de Beauvoir mit einem Buch in der Hand herumlief. Dass Peter von Matt in seiner Festschrift meine Berliner Bibliothek mit der Stiftsbibliothek verband, diesem «schwebenden Wunder» eines Barockraums, freut mich speziell. Er wies darauf hin, dass Peter Thumb, der Vorarlberger Baumeister der Stiftsbibliothek, in Rufweite von dem Dorf geboren wurde, in dem ich 270 Jahre später aufwuchs. «Der Architekt des schönsten Lesesaals der Gegenwart», wie er freundlicherweise anfügte.

Was empfinden Sie heute, wenn Sie nach Altenrhein und ihre Heimatregion am Bodensee zurückkehren?

Die Weite und das hochinteressante Landschaftsgefüge faszinieren mich immer noch. Und das Dorf strahlt seit jeher weit aus, immerhin wurde dort einst das grösste Flugzeug der Welt gebaut. Aber vor allem bedeutet Altenrhein Familie. Wir kommen regelmässig zusammen, unternehmen einiges. Wir segeln Lacustre auf dem Bodensee, das ist herrlich.

Was fällt Ihnen architektonisch in der Ostschweiz auf, was hat sich in den letzten Jahrzehnten positiv oder negativ verändert?

Also grundsätzlich sehe ich die Ostschweiz nicht so negativ, wie sie manchmal dargestellt wird. Gewiss gibt es einzelne Projekte von guten Architekten, darunter bekannte Kollegen. Und sicher wurde viel Scheussliches gebaut, aber das ist überall so. Kritisch bin ich vor allem bei grösseren Flächen, etwa beim Saurer-Areal in Arbon. Selber habe ich in der Ostschweiz bislang nur im Thurgau gebaut, in Arbon und in Romanshorn, die weissen Häuser im Hafenareal, diese Überbauung erachte ich als geglückt. Wie gesagt: Eine Bibliothek für St.Gallen zu bauen, das wär’s!