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St.Gallen verliert den Archäologiestreit: Die Dokumentation der Ausgrabungen in der Kathedrale bleibt im Aargau

Das Aargauer Obergericht hat entschieden: Dokumente der Klosterausgrabungen aus den 1960er-Jahren bleiben in Besitz der Stiftung des Archäologen Hans Rudolf Sennhauser.
Adrian Lemmenmeier
Zwischen 1963 und 1967 wurden in der Kathedrale St.Gallen archäologische Ausgrabungen durchgeführt.

Zwischen 1963 und 1967 wurden in der Kathedrale St.Gallen archäologische Ausgrabungen durchgeführt.

Der Boden der St.Galler Kathedrale ist aufgerissen, Archäologen untersuchen den Untergrund. Dieses Bild zeigte sich zwischen 1963 und 1967. Das Innere der Klosterkirche wurde restauriert, und auf Druck der Eidgenössischen Denkmalpflege wurden archäologische Ausgrabungen durchgeführt. Diese Ausgrabungen leitete der Archäologe Hans Rudolf Sennhauser. Der emeritierte ETH-Professor ist heute 88 Jahre alt. Er gilt als Pionier der Schweizer Mittelalterarchäologie – und Koryphäe seines Fachs.

Die Dokumentationen der Ausgrabungen hat Sennhauser allerdings nicht dem Katholischen Konfessionsteil St.Gallens übergeben, der die Grabungen damals zusammen mit dem Bund massgeblich finanzierte. Die Unterlagen – Fotos, Skizzen, Forschungstagebücher – sind im Besitz der Stiftung für Forschung in Spätantike und Mittelalter, die Sennhauser, wohnhaft im aargauischen Bad Zurzach, präsidiert. Und dort werden sie auch bleiben. Das hat das Aargauer Obergericht entschieden. Es hat den erst­instanzlichen Entscheid des Bezirksgerichts Bad Zurzach gekippt. Dieses hatte im Herbst 2017 befunden, Sennhauser müsse die Unterlagen an den Kanton St.Gallen aushändigen. Nun darf er sie definitiv behalten. Der Kanton verzichtet gemäss Medienmitteilung darauf, den Fall ans Bundesgericht weiterzuziehen.

Ein Bild der Grabungen in der St.Galler Kathedrale in den 60er-Jahren. (Bild: pd)

Ein Bild der Grabungen in der St.Galler Kathedrale in den 60er-Jahren. (Bild: pd)

Das Vertragsverhältnis ist verjährt

Der Kanton St.Gallen versuchte geltend zu machen, dass zwischen ihm und dem Archäologen Sennhauser ein Vertragsverhältnis bestand – und dass die Dokumentationen Ausgrabung Teil dieser Arbeiten waren. Das Obergericht aber urteilte, dass «Forderungen aus einem allfälligen Vertragsverhältnis mittlerweile verjährt» seien. Ausserdem beurteilte es eine Dokumentation nicht als zwingenden Bestandteil von Ausgrabungen.

Mit dem Urteil endet ein weiteres Kapitel in einem langjährigen Streit zwischen Hans Rudolf Sennhauser und mehreren Kantonen. Der Archäologe hat seit den 1950er-Jahren über 50 Ausgrabungen in 13 Kantonen durchgeführt. Dabei ist mehr Material angefallen, als Sennhauser bisher bearbeitete. Der Kanton St.Gallen etwa wartet seit 1972 auf einen Bericht zu den Klosterausgrabungen. 2009 rief die Konferenz der Kantonsarchäologinnen und Kantonsarchäologen (KSKA) eine Taskforce ins Leben, die die Auslieferung der Ausgrabungsdokumentationen zum Ziel hatte. Da Verhandlungen scheiterten, zogen die Kantone Basel Stadt, St.Gallen und Luzern vor Gericht. Basel Stadt erhielt 2015 die Unterlagen zu den Grabungen im Basler Münster zugesprochen. Luzerns Klage ist noch hängig.

Drei Tonnen Fundgut nach St.Gallen gekarrt

Katrin Meier, Leiterin des Amtes für Kultur, Kanton St. Gallen

Katrin Meier, Leiterin des Amtes für Kultur, Kanton St. Gallen

Bereits 2012 erstellten Kanton und Bund Digitalisate des Grossteils der Dokumente der Kathedralenausgrabung. «Für die Forschung sind aber die Originaldokumente zentral», sagt Katrin Meier, Leiterin des kantonalen Amtes für Kultur. Sie enthielten mehr Details für die Forschung. Zwar gewährt Sennhausers Stiftung für Forschung in Spätantike und Mittelalter Einsicht in die Dokumente. «Forscher bleiben aber vom Goodwill einer privaten Stiftung abhängig», sagt Meier.

«Wir sind der Ansicht, dass ein solch wichtiger Teil des Weltkulturerbes Stiftsbezirk St.Gallen in die öffentliche Hand gehört.»

Die Stiftung hält ihrerseits in einer Stellungnahme fest, dass sie durchaus eine öffentliche Institution sei:

«Die Stiftung untersteht der eidgenössischen Stiftungsaufsicht. Sie hat sich verpflichtet, die Dokumentationen zu sichern und zu erhalten; ihr Stiftungsgut ist grundsätzlich der Öffentlichkeit zugänglich.»

2013: Das Fundgut der Ausgrabung in der St.Galler Kathedrale wird in Bad Zurzach zum Transport verladen.

2013: Das Fundgut der Ausgrabung in der St.Galler Kathedrale wird in Bad Zurzach zum Transport verladen.

2014 zeigte die Kantonsarchäologie im Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen eine Auswahl an karolingischen Flechtwerksteinen aus der Kathedrale St.Gallen, die im Jahr zuvor aus Bad Zurzach zurückgeholt worden waren. (Bild: PD/Kantonsarchäologie SG)

2014 zeigte die Kantonsarchäologie im Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen eine Auswahl an karolingischen Flechtwerksteinen aus der Kathedrale St.Gallen, die im Jahr zuvor aus Bad Zurzach zurückgeholt worden waren. (Bild: PD/Kantonsarchäologie SG)

Lange Zeit lagerte Hans Rudolf Sennhauser nicht nur die Dokumentationen der Kathe­dralenausgrabung in seinem Haus in Bad Zurzach, sondern auch die Fundstücke. Er begründete dies damit, dass in den 60er-Jahren keine Lagerräume für solche Gegenstände bestanden. In St.Gallen gab es noch keine Kantonsarchäologie. Seine Funde habe man damals gar wegwerfen wollen, erklärte er 2017 gegenüber SRF. 2013 konnte der Kanton drei Tonnen Fundgut aus dem klösterlichen Untergrund von Zurzach nach St.Gallen schaffen. «So haben wir wesentliche Teile des St.Galler Weltkulturerbes sichern können», sagt Katrin Meier.

Sennhauser forscht weiter zur St.Galler Ausgrabung

Mit einer wissenschaftlichen Aufarbeitung der Funde hat der Kanton bisher zugewartet. Erst wollte man die Besitzverhältnisse klären. «Wir beginnen nun mit der Planung allfälliger Auswertungen», sagt Meier. Von den Resultaten der Sennhauser-Ausgrabungen erhoffen sich Archäologen neue Erkenntnisse, etwa zum Vorgängerbau der Klosterkirche aus dem neunten Jahrhundert.

Derweil lässt Sennhausers Bericht zu den Grabungen noch immer auf sich warten. 1967 ging der Archäologe davon aus, die Forschungsergebnisse bis 1972 liefern zu können. 1988 hiess es, die Arbeiten seien in 10 bis 15 Jahren fertig. Und wie sieht es heute aus? Arbeiten seien im Gang, sagt Katrin Roth, Vizepräsidentin der Stiftung für Forschung in Spätantike und Mittelalter, auf Anfrage. Man habe vor, in den nächsten Jahren eine Monografie zu den Ausgrabungen zu veröffentlichen. Über den Ausgang des Urteils zeigt man sich bei der Stiftung im Übrigen «sehr erfreut».

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