ST. GALLEN: Jugendliche mit «Rucksäcken»

Immer mehr Jugendliche haben psychische Probleme und deshalb Mühe, sich in der Arbeitswelt zu integrieren. In St. Gallen treffen sich Arbeitgeber und Institutionen, um sich über das Thema auszutauschen.

Larissa Flammer
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Immer mehr Jugendliche finden aus verschiedenen Gründen keine Lehrstelle. Arbeitgeber müssen oft mehr Zeit für die Betreuung aufbringen. (Bild: fotolia/jrn buchheim)

Immer mehr Jugendliche finden aus verschiedenen Gründen keine Lehrstelle. Arbeitgeber müssen oft mehr Zeit für die Betreuung aufbringen. (Bild: fotolia/jrn buchheim)

ST. GALLEN. «Heute funktionieren Jugendliche anders.» Roland Eberle, Geschäftsleiter von Procap St. Gallen-Appenzell, bringt es auf den Punkt. Immer mehr Jugendliche haben Mühe, den Eintritt in die Arbeitswelt zu schaffen. Aus diesem Grund legt das Forum Integration, das Procap mitorganisiert, den Fokus in diesem Jahr auf die Integration von Jugendlichen mit psychischen Beeinträchtigungen in die Arbeitswelt. Das Forum findet am 14. März im St. Galler Pfalzkeller statt. «Es gibt immer mehr Jugendliche, die psychische Einschränkungen wie ADHS oder persönliche Rucksäcke wie schlechte schulische Leistungen mitbringen», sagt Daniel Färber, Berufsbildungsfachmann bei der Genossenschaft Migros Ostschweiz. «Die Wirtschaft muss sich daher längerfristig mit diesem Thema beschäftigen.»

Vielfältige Beeinträchtigungen

Die psychischen Beeinträchtigungen und die «Rucksäcke», wie sie Färber bezeichnet, sind vielfältig. «Das macht die Sache viel komplizierter», bemerkt Eberle. Denn bei jeder Person wirkt sich eine Beeinträchtigung anders aus, und jedes Mal muss eine individuelle Lösung gefunden werden. Am häufigsten kommt laut Eberle ADHS, eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung vor. Doch bereits eine Geringschätzung des eigenen Werts könne zu psychischen Problemen führen. Färber ergänzt: «Auch das soziale Umfeld einer Person kann eine psychische Beeinträchtigung verursachen.»

Aus Sicht der Arbeitgeber sind solche Jugendliche schwierig zu integrieren. «Es gibt Auswirkungen im Umgang mit ihnen im Arbeitsalltag, und oft haben diese Jugendlichen Schwierigkeiten in der Berufsschule», sagt Färber.

Preis für engagierte Firmen

Im Rahmen des Forums Integration können sich Arbeitgeber über das Thema austauschen. Ausserdem übernimmt die Veranstaltung die Verleihung des «Beruflichen Integrationspreises Ostschweiz». Nominiert sind neun Unternehmen, die Menschen mit Beeinträchtigung eine Chance in der Arbeitswelt geben. Manfred Näf, Geschäftsleiter der Obvita, ist Mitglied des Fachausschusses für den Integrationspreis und hat die nominierten Unternehmen besucht: «Meistens werden zuerst Praktikumsplätze angeboten. Da kann man sich kennenlernen und die Einsatzmöglichkeiten ausloten.» Im Optimalfall können die Jugendlichen im Betrieb eine Ausbildung machen und wenn immer möglich auch in einer Festanstellung im Betrieb bleiben. «Die Erfahrung zeigt, dass das sehr gut funktioniert», sagt Näf.

Die grösste Hürde bilde meist der erste Kontakt: «Es gibt manchmal gewisse Berührungsängste oder Unsicherheiten im Team. Auf der anderen Seite können bei Menschen mit allen möglichen Behinderungsformen Selbstwertprobleme auftreten.» Hat ein Unternehmen erst einmal Erfahrungen mit beeinträchtigten Menschen gemacht, sei die Schwelle kleiner. «Viele Arbeitgeber nehmen auch ein zweites und drittes Mal solche Lehrlinge», sagt Näf.

IV begleitet Betroffene

Sowohl Arbeitgeber, die sich offen gegenüber Angestellten mit psychischen Problemen zeigen, als auch handicapierte Arbeitnehmer werden von verschiedenen Institutionen unterstützt und beraten. Wird ein Jugendlicher mit psychischer Beeinträchtigung von der IV begleitet, hat er zudem gute Chancen, einen Ausbildungsplatz zu finden. Vielleicht sogar bessere Chancen als nicht beeinträchtigte Menschen. «Viele Jugendliche finden keine Stelle, auch wegen schlechten Zeugnisnoten», sagt Eberle. Trotzdem gibt es auch einige beeinträchtigte Jugendliche, die ohne IV unterwegs sind. «Sie trauen sich nicht oder schämen sich für ihr Handicap», vermutet Färber.

Die IV hat als erstes die Aufgabe, einzuschätzen und abzuklären, was diese Personen leisten können. «Oft ist es so, dass die Leistung gebracht, aber nicht immer abgerufen werden kann. Diese Leistungsschwankung ist bei vielen Jugendlichen das Problem», erklärt Eberle.

«Sie wollen sich beweisen»

Für die Arbeitgeber ist der Betreuungsaufwand meist intensiver, wenn der Lehrling eine psychische Beeinträchtigung mitbringt. «Da muss man sehr gut hinschauen. Es macht nur Sinn, einen Jugendlichen anzustellen, wenn man die personellen Ressourcen für die Begleitung hat», sagt Färber. Doch da es für die jungen Menschen meist eine einzigartige Chance sei, würden sie zu loyalen Arbeitern. Näf bestätigt: «Die Personen sind motiviert und wollen sich beweisen.»