Lohndumping, Scheinsanierungen und Schmiergelder: Reihenweise Vorwürfe an eine Ostschweizer Baufirma

Gepfuschte Arbeiten und vertuschte Geschäfte: Die Machenschaften einer Ostschweizer Baufirma und ihre Rolle in einem verworrenen Geflecht aus Immobilienfirmen.

Noemi Heule
Drucken
Teilen
Im Schatten der St.Galler Fürstenlandbrücke befindet sich offiziell der Hauptsitz der Firma SRI Baumanagement AG. (Bild: Urs Bucher)

Im Schatten der St.Galler Fürstenlandbrücke befindet sich offiziell der Hauptsitz der Firma SRI Baumanagement AG. (Bild: Urs Bucher)

  • Die Vorwürfe: Lohndumping, Lohnausstände, Scheinsanierungen, Schmiergelder und ungerechtfertigte Kündigungen. Ehemalige Mitarbeiter und die Gewerkschaft Unia werfen der Firma SRI Baumanagement AG diverse Verfehlungen vor. 
  • Die Kundschaft: Der grösste Kunde der Firma war die Pensionskasse der SBB. Sie hat die Zusammenarbeit im Frühling beendet und befindet sich seither mit der Firma in einem Rechtsstreit. 
  • Eine bekannte Randfigur: Nach seiner Zeit beim FC St.Gallen und beim HC Davos war Bill Mistura als CEO der Firma SRI tätig. Er leitete auch die Geschäfte der gleichnamigen Baufirma. 
  • Ein berüchtigter Hintermann: Daniel Bächtold war in einen der grössten Immobilienbetrugsfälle St.Gallens verwickelt. 
  • Das Netzwerk: Die Firma ist Teil eines undurchsichtigen Geflechts aus Immobilienfirmen, die über gemeinsame Verwaltungsräte oder Adressen miteinander verwoben sind. 

Manchmal, da wurde Marc Ladda losgeschickt, um in Thun, Basel oder Bern einen Lichtschalter auszutauschen. Vier Stunden bezahlte Fahrzeit, eine Viertelstunde Arbeitszeit. Ein Klacks für einen gelernten Elektriker und eigentlich keine Arbeit für den bauleitenden Monteur. «Wunderbar», fand er seinen neuen Job bei der Ostschweizer Firma SRI Baumanagement AG anfangs. Der Lohn war gut und er kam pünktlich.

Im vergangenen Mai aber kam das Monatsende, doch der Lohn kam nicht. Die Auszahlung verzögere sich, hiess es. Dasselbe im Juni. Der Julilohn blieb ganz aus. Im August dann die Kündigung, nachdem Marc Ladda nachhakte. Die Firma werde heruntergefahren, hiess es in einer Mitteilung. Wie alle Mitarbeiter wartet Ladda bis heute auf sein Geld. «Wunderbar» fand er den Job da längst nicht mehr, den er zu Beginn unhinterfragt zum Glücksfall glorifiziert hatte. Bald nämlich tauchten Fragen auf. Stichworte: Scheinsanierungen, Schmiergelder und Lohndumping.

1900 Franken Monatslohn, minus 900 Franken Logis

Anfang Jahr wandte sich Ladda, selbst Gewerkschaftsmitglied, erstmals an die Unia St. Gallen wegen eines «Trupps Rumänen». Dieser Trupp, manchmal fünf, manchmal bis zu 15 Arbeiter, begleitete ihn zu Baustellen in der ganzen Schweiz. Sechs Tage die Woche, zwölf Stunden pro Tag betrug ihre Arbeitszeit. Der Lohn: 1900 Franken. Waren sie auf auswärtigen Baustellen am Werk, mussten sie ihr Bett gleich selbst mitbringen. Geschlafen wurde in einer leer stehenden Wohnung, während im restlichen Teil des Gebäudes gearbeitet wurde. Für die Unterkunft mussten die Billigarbeiter monatlich 900 Franken Logis abtreten.

Danjiela Bašić, Gewerkschaftssekretärin Unia

Danjiela Bašić, Gewerkschaftssekretärin Unia

Der Name der Firma war der Gewerkschaft damals bereits bekannt. Im November 2018 hatte sich eine Gruppe tschechischer Arbeiter an die Unia in Neuenburg gewandt, weil sich die SRI Baumanagement weigerte, Fahrzeug- und Werkzeugkosten zu übernehmen. Die Kollegen leiteten den Fall an die St. Galler Dienststelle weiter. Danjiela Bašić und Rechtsvertreter der Unia vermittelten zwischen den Arbeitern, die über eine tschechische Baufirma angeworben wurden, und der Geschäftsleitung. Ohne Erfolg. Stattdessen eskalierte der Streit, die fristlos entlassenen Mitarbeiter blieben auf Spesen und unbezahlten Überstunden sitzen.

Lukas Auer, Gewerkschaftssekretär Unia

Lukas Auer, Gewerkschaftssekretär Unia

Die Gewerkschaftssekretäre Lukas Auer und Danjiela Bašić versuchten auch die rumänischen Arbeiter ausfindig zu machen. Keine leichte Aufgabe, führten diese doch ein Nomadenleben von Baustelle zu Baustelle. Und auch die Firma selbst wandert weiter, sobald Probleme auftauchen. Bei der Paritätischen Berufskommission beider Appenzell ist eine Lohnbuchkontrolle in Gang. Der Verdacht: Mehrere Verstösse gegen den Landesmantelvertrag, den Gesamtarbeitsvertrag der Baubranche. Mehr will die Kommission wegen des laufenden Verfahrens nicht sagen. Die Firma ist derweil von Herisau nach St. Gallen gezügelt.

Ein verlassener Ort, wenig Post, viele Briefkästen

Der Hauptsitz der Firma ist nicht mehr als ein Briefkasten.

Der Hauptsitz der Firma ist nicht mehr als ein Briefkasten. 

Eine einzige Strasse, eine Sackgasse, fällt in der Unteren Kräzern ab bis ans Ufer der Sitter. Im Schatten der Fürstenlandbrücke vereinen sich das Rauschen des Flusses und des Verkehrs hoch über dem Tobel zu einem unheilvollen Crescendo. Hier, wo die Feuchtigkeit in jede Ritze kriecht und die teils maroden Gebäude mit Moos überzieht, liegt offiziell der neue Hauptsitz der Firma SRI Baumanagement. Viel gibt es hier nicht, grasende Alpakas, eine Sicherheitsfirma, ein Wohnhaus, eine Sattlerei, davor 19 Briefkästen, angeordnet wie ein Bienenstock.

Auf einem Briefkasten sind die Namen der rumänischen Arbeiter angebracht.

Auf einem Briefkasten sind die Namen der rumänischen Arbeiter angebracht. 

SRI Baumanagement steht auf einem von ihnen, geschrieben auf weissem Klebstreifen. Die Namen von elf rumänischen Arbeitern haften, ebenfalls auf Klebstreifen, auf einem weiteren Briefkasten. Als die Unia anklopfte, wollten die Mitarbeiter nicht aussagen.

«Sie waren zu eingeschüchtert, um Auskunft zu geben.»

Das sagt Danijela Bašić, die es noch drei weitere Male versuchte. Mit demselben Resultat. Die Rumänen wohnten auch hier in einem Massenschlag in einem ausgehöhlten, leer stehenden Gebäudeskelett, das sie gleichzeitig renovierten. Ein Baugerüst verkleidet das Haus, einige Fensterscheiben fehlen, Klebeband hält die Fensterläden zusammen. Auch das Nachbarhaus ist ein Geisterhaus. Die Liegenschaften sind im Besitz der SRI Baumanagement AG, heisst es auf dem Grundbuchamt. Das eigentliche Geschäft der Firma sind denn auch nicht die Bauarbeiten, sondern Immobilien.

Ein berüchtigter Hintermann und eine bekannte Randfigur

Manchmal, da wunderte sich Sabrina Hauser, Name geändert, über ihren neuen Arbeitgeber. Die Sachbearbeiterin erwartete bei Stellenantritt bei der SRI Baumanagement ein Stapel Papier. Keine festen Abläufe, keine Vorgaben. Sie organisierte, strukturierte und verbrachte die ersten drei Monate im Dauereinsatz für mehr Ordnung. Sie erhielt im Gegenzug auch mehr Verantwortung. Irgendwann fragte sie sich, wieso immer Geld da war, aber nie jemand eine Rechnung stellte.
Das Geld kam von Immobilienfirmen im Hintergrund, Area-Real Holding AG, Ideal-Real Immo AG, Bellevue Immobilien Drei AG oder der Schweizer Rendite Immobilien AG (SRI), die der Baufirma ihren Namen gab.

Und vor allem über einen Mann: Daniel Bächtold. Er hat in der SRI Baumanagement vordergründig keine Funktion, auch im Handelsregister taucht sein Name nicht auf. Offiziell ist er Hauptaktionär, inoffiziell ist er der Chef. «Er hat das letzte Wort», sagen mehrere Mitarbeiter, die anonym bleiben wollen. Bächtold gibt Anweisungen und veranlasst Kündigungen. Und zwar zuhauf. Die Mitarbeiter sprechen von einem «Köpferollen». In der Firma mit rund 30 Mitarbeitern werden im Schnitt drei pro Monat entlassen.

Ein Puzzle, von dem jeder nur ein Teilstück kennt

Bächtolds Name taucht aus gutem Grund offiziell nicht auf. Der Rheintaler Immobilier hat in der Branche einen schlechten Ruf, war er doch in einen der grössten Immobilienbetrugsfälle der Ostschweiz verwickelt (siehe Infobox). Nun waltet er im Hintergrund, während die hohen Posten formell andere besetzen. Auf dem Organigramm von 2018 sticht ein Name heraus: Bill Mistura. Nach 14 Jahren beim FC St. Gallen, zuletzt als CEO Event AG, und fünf Saisons als Geschäftsführer des HC Davos, war Mistura bis im vergangenen Februar CEO der Firma SRI mit Sitz in der Innerschweiz, ihm war auch die Ostschweizer SRI Baumanagement unterstellt. Mistura war informiert über die Querelen rund um die tschechischen Mitarbeiter, als er die Firma nach einem Intermezzo von wenigen Monaten wieder verliess. Er habe mit der Firma nichts mehr zu tun, sagt er auf Anfrage und verzichtet auf eine Stellungnahme.

Nicht so Daniel Bächtold, er weist jegliche Mitschuld von sich. Er sei als Aktionär nie operativ in die Geschäfte der Firma involviert gewesen, lässt er verlauten. Lohndumping oder Verstösse gegen den Gesamtarbeitsvertrag seien ihm nicht bekannt. Lohnausstände und versäumte Sozialleistungen dagegen schon. Die Firma befinde sich in einer «schwierigen Phase», sagt Bächtold und zieht das frühere Management in die Verantwortung. Zu vergangenen und bestehenden Missständen seien intern Abklärungen in Gang.

Bill Mistura habe sie einmal an einer Weihnachtsfeier gesehen, sagt Sabrina Hauser. Bächtold dagegen war ihr direkter Vorgesetzter. Als klein, schlank, rhetorisch stark, herablassend und zuweilen aggressiv wird er von ehemaligen Untergebenen beschrieben. «Er versteht es, jemanden kleinzumachen», «er überhäuft Leute mit Kompetenzen und entzieht sie ihnen plötzlich wieder» oder:

«Er lässt jeden nur ein Puzzle-Stück wissen, weiss jemand zu viel, wird er entlassen.»

Die Einschüchterungsversuche wirken bis heute nach. Nur Marc Ladda ist bereit, seinen wahren Namen preiszugeben. Er habe nichts mehr zu verlieren, sagt der ehemalige Bauleiter. Zu Hause warten fünf Kinder und ein Stapel Mahnungen. Ladda hat die Firma betrieben, seinen Lohn hat er dennoch nie gesehen. Auf dem mehrseitigen Betreibungsauszug der SRI Baumanagement AG stehen auch die Sozialversicherungen von Appenzell Ausserrhoden – weil die Firma die Sozialleistungen zwar vom Lohn abzog, aber nicht einzahlte.

SBB beendet Zusammenarbeit

Betreibungen gehörten zum Arbeitsalltag von Sabrina Hauser. Immer zahlreicher trafen sie ein, genauso die Reklamationen. Kleinere Kunden aus der Umgebung sprachen sie auch mal an der Tankstelle an, grössere drohten mit Rechtsverfahren. Einer der grössten war die Pensionskasse der SBB, für die die Firma etwa an der Spyristrasse in St. Gallen werkte. Die SRI habe in verschiedenen Projekten für sie gearbeitet, sagt die SBB-Pensionskasse. Und weiter:

«Wir haben allerdings diese Zusammenarbeit im Frühling vollständig beendet.»

Wegen laufender Rechtsverfahren will sie keine weiteren Auskünfte erteilen.

Missstände erlebte auch Marc Ladda auf der Baustelle. Manchmal, da wechselten im Tausch gegen einen Auftrag mehrere tausend Franken den Besitzer. Zum Schluss wurde er losgeschickt, nicht um einen Lichtschalter auszutauschen, sondern um Arbeiten vorzutäuschen. Er verteilte Arbeitsmaterial auf der Baustelle, ein paar Gipsplatten da, ein paar Rohre dort, einige Kübel Farbe daneben. Wenn Geldgeber eintrafen, sollten sie glauben, die Sanierung sei bereits weit fortgeschritten. In Wahrheit hatte sie noch gar nicht angefangen.

Die Firma SRI Baumanagement existiert heute nur noch auf dem Papier und auf dem Briefkasten in der Unteren Kräzern. Zurück bleibt eine leere Hülle, die Daniel Bächtold und Konsorten abstreiften wie die Schlange ihre Haut. Sie haben längst eine neue gefunden. Die Build AG hat ihre Geschäfte übernommen.

Ein verworrenes Geflecht aus Immobilienfirmen

Der Name steht auf weissem Klebeband auf einem Briefkasten an der Bionstrasse am St. Galler Stadtrand, wo bis vor kurzem auch eine Anschrift der SRI Baumanagement angebracht war. Zusammen mit 16 weiteren Firmen, darunter die Ideal-Real Immo AG, die Bellevue Immobilien Eins, Bellevue Immobilien Zwei und Bellevue Immobilien Drei AG, die Swiss Property International AG, die Schweizer Rendite Immobilien AG oder die Innover AG. Letztere ist die einzige Firma, in der Daniel Bächtold noch offiziell im Verwaltungsrat sitzt.

Ein Briefkasten, 16 Firmennamen.

Ein Briefkasten, 16 Firmennamen. 

All die Namen sind nur ein Bruchteil eines Firmennetzes, die über gemeinsame Verwaltungsräte und Adressen verwoben sind, ein Geflecht, so verworren, dass selbst Treuhänder den Durchblick verlieren. Die Unia spricht von einem «Bermuda-Dreieck, in dem Gelder, Aufträge und Probleme herumgeschoben werden». Tauchen Konflikte auf, wandern die Firmen weiter, wechseln die Namen, gehen Konkurs. Die Suche nach den Urhebern führt ins Leere. Genauso die Website der SRI Group: «Maintenance», heisst es dort nur. ­Wartungsarbeiten.

Mieter und Wohnungskäufer geprellt

Kein Foto, keine persönlichen Angaben. Wer Daniel Bächtold im Internet sucht, findet ihn nicht. Auch im Zeitungsarchiv taucht sein Name nicht auf. Mit einer Ausnahme: 2009 äusserte er sich, damals Verwaltungsratspräsident der Firma Palu Suisse AG zu Vorfällen, die sich in Berlin ereigneten. Damals war die St. Galler Immobilienfirma im Besitz eines Plattenbaus in der Kleinstadt Storkow nahe der deutschen Hauptstadt. Die Mieter der rund 380 heruntergekommenen Wohnungen beklagten sich über Schimmel und Regenwasser in den Wohnungen. In 100 Wohnungen fiel überdies die Heizung aus, über mehrere Monate floss kein Warmwasser, weil die Palu Suisse die Rechnung des Energielieferanten nicht bezahlte. Als die erbosten Mieter vor der deutschen Zweigniederlassung demonstrierten, berichtete deutsche Medien wie die «Berliner Morgenpost». Nach dem Verkauf der Plattenbauten, meldete sich Bächtold erstmals zu Wort. Er führte die Missstände auf einen Rechtsstreit mit dem Energielieferanten zurück.

Der Wohnungskäufer wird zum Urkundenfälscher

In der Ostschweiz geriet Bächtold mit einem Verwaltungsratsmandat für die Firma Palu Bau AG ins Visier der Justiz. Die Firma war an einem der umfangreichsten Gerichtsfälle beteiligt, welche die St. Galler Strafvollzugsbehörden je gesehen hat. Der Prozess nahm ein solches Ausmass an, dass er 2013 in die Hauptpost verlegt werden musste. Gegen mehr als 220 Personen wurde ein Verfahren eröffnet, allein die Aktenlage füllte 800 Bundesordner, das Verfahren erstreckte sich über neun Jahre.
Die Immobilienfirma hatte Käufern ein auf den ersten Blick lukratives Geschäft angeboten: Ein Wohnungskauf ohne Eigenkapital. Dies verschwiegen sie den Grundbuchämtern und Notariaten, die den Handel unter falschen Angaben beglaubigten. Ziel sei es gewesen, überhöhte Hypothekarkredite zu erhalten, hiess es in der Anklageschrift. Zu den Geschädigten gehörten nebst Kleinanlegern denn auch Banken und Versicherungen. Die geprellten Immobilienkäufer mussten sich teils selbst wegen Urkundenfälschung verantworten. Die Hauptangeklagten trugen bedingte Freiheitsstrafen davon.