SRG mit Unbehagen konfrontiert

ST.GALLEN. Am Medienforum der SRG Ostschweiz referierten Vertreter von Medien, Politik und Wissenschaft zu ihren Erwartungen an den Service public. SRG-Chef Roger de Weck versuchte, die Kritik am überbordenden Unternehmen zu entkräften.

Marcel Elsener
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«Das Publikum mag uns»: SRG-Generaldirektor Roger de Weck auf dem Podium im St. Galler Kongresszentrum Einstein. (Bild: Benjamin Manser)

«Das Publikum mag uns»: SRG-Generaldirektor Roger de Weck auf dem Podium im St. Galler Kongresszentrum Einstein. (Bild: Benjamin Manser)

Öffentliche Hearings in allen Landesteilen stellte die Thurgauer SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher in Aussicht, wenn es in der nächsten Legislatur um den medialen Service public geht; der Leistungsauftrag für die neue Konzession der SRG SSR ab 2017 ist das aktuell wichtigste medienpolitische Thema in der Schweiz. In diesem Sinn lieferte das zweite Medienforum der SRG Ostschweiz am Dienstag im Kongresszentrum Einstein in St. Gallen einen vielstimmigen Vorgeschmack auf ein solches Hearing. Wobei das Interesse der Öffentlichkeit bescheiden war; freundlich gezählt mochte vielleicht ein Viertel der gut 90 Zuhörenden SRG-ungebunden gewesen sein. Die Abwesenden können getrost sein, dass das umstrittene Thema länger präsent bleiben wird, wie SRG-Ostschweiz-Präsident Erich Niederer sagte – und dass alle Wortbeiträge auf der regionalen SRG-Website nachzuhören sind.

«Bitte kein Staatsjournalismus!»

Der Gastgeber hatte mit Tagblatt-Chefredaktor Philipp Landmark und FM1-/TVO-Leiter André Moesch beherzt «den Feind ins Haus gelassen», wie letzterer scherzte. Die Vertreter der grössten Zeitung und des bedeutendsten privaten Radio- und Fernsehanbieters in der Region betonten die Verdienste ihrer Medien für den Service public, etwa zur Identitätsstiftung. «FM1 und TVO haben die Ostschweiz gestärkt», ist Moesch überzeugt. Im Gegensatz zum Radio erhält TVO Geld aus dem Gebührentopf: Mit den 2,3 Millionen würde die SRG «kein tägliches Regionalmagazin produzieren».

Landmark stellt die Sonderstellung der SRG trotz fragwürdiger neuer «Mediensteuer» nicht in Frage und will den Service public grosszügig ausgelegt wissen: «Bitte kein Staatsjournalismus!» Der «Mediengigant SRG» dürfe – erst recht angesichts der Werbeallianz mit Swisscom und Ringier – «andere nicht erdrücken» und müsse «lernen, sich zurückzunehmen». Dass die SRG «zu stark wuchert», kritisierte auch Moesch. Beispielsweise Radio Swiss Pop könne «ein Privater gleich gut» betreiben.

Werbegeld im Land behalten

Die SRG sei sich «ihrer Verantwortung bewusst», entgegnete SRG-Generaldirektor Roger de Weck und verteidigte die Allianz als «Plattform», um Werbegelder in der Schweiz zu behalten, «zum Vorteil der einheimischen Medien». Aufgrund der starken ausländischen Konkurrenz – Fernsehsender, aber auch Netflix, Google, Facebook – sollten die hiesigen Medienhäuser «konkrete Pläne schmieden, statt einander gegenseitig zu schwächen». Die SRG verdiene mit 95 Prozent ihrer Programme kein Geld, sorge via Finanzausgleich für eidgenössische Solidarität und leiste einzigartige gemeinnützige Aufgaben – etwa in der Information (auch mit Auslandkorrespondentennetz) oder in der Filmförderung. Wer weniger teures Fernsehen wolle, lande letztlich bei RTL & Co: «Minimaler Aufwand mit maximalem Ertrag, alles nur noch Boulevard.»

In der Podiumsdiskussion fragte Moderatorin Stefanie Hablützel, Radioredaktorin SRF Graubünden, nach Leitplanken für einen künftigen Service public – den allerdings, mit Ausnahme der SVP, noch niemand definiert habe. Bernard Maissen, Chefredaktor der SDA, liess sich als Mitglied der eidgenössischen Medienkommission, die im Auftrag des Bundesrates einen entsprechenden Bericht ausarbeitet, nicht in die Karten schauen. In der Kommission gebe es «13 Leute und 15 Meinungen», antwortete er auf Fragen wie etwa, ob eine SRG ohne Werbung vorstellbar sei. Entscheide, ob es SRF3 oder «Glanz und Gloria» noch brauche, entsprächen nicht dem Niveau ihrer Arbeit. «Die SRG muss das Unbehagen ernst nehmen», forderte der Medienwissenschafter Matthias Künzler. Für ihn ist eine werbefreie SRG «modelltheoretisch wünschenswert», aber «realpolitisch gravierend», weil ein Viertel Kostenkürzung gerade die Regionen spüren würden.

Camerons Demontage der BBC

Für die Medienpolitikerin Edith Graf-Litscher wird die Frage, was journalistische Grundversorgung bedeutet, zu einem Kernthema der nächsten Jahre. Mit ihrem Nebensatz, wonach «die einen Berlusconi-Verhältnisse wollen», deutete sie an, dass das Gezerre um die SRG mehr ist als ein Geldverteilstreit. Die «Inkohärenz der Kritik» zeige, so de Weck, dass es «nicht nur um die Sache, sondern um pure Machtpolitik geht». Und er verwies warnend auf England, wo Premier David Cameron die BBC, «Inbegriff des Service public», durch Kürzungen bewusst schwäche und dadurch Murdoch und andere Medienkonzerne stärke, die ihn portierten.

Allseits begrüsst, auch von de Weck, wurde Künzlers Idee, aus dem erhöhten Gebührensplitting einen Fonds für innovative private Formate einzurichten. Schliesslich versicherte der SRG-Generaldirektor kritischen Votanten, dass sein Unternehmen angesichts der Kritik von rechts und links und der Unzufriedenheit in der Mitte gut unterwegs und breit verankert sei: «Das Publikum ist unsere Referenz – und es mag uns», wie VOX-Analysen bestätigten. In Sachen Expo 2027 hat de Weck bereits den Steuerungsausschuss kontaktiert – die SRG wird also weiterhin mit der Ostschweiz rechnen – und umgekehrt.

Referat von Philipp Landmark
Referat von Roger De Weck
Referat von André Moesch