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SPRACHUNTERRICHT: Lehrbuch statt Showeinlagen

In den meisten Quartierschulen im Kanton St.Gallen lernen Fremdsprachige auf spielerische Art Deutsch. Gaiserwald macht es anders – ausgerechnet die Gemeinde, deren Präsident das Konzept eingeführt hat.
Katharina Brenner
Zwei Kursteilnehmer lesen gemeinsam im «Gaiserwalder Blatt». (Bild: Ralph Ribi)

Zwei Kursteilnehmer lesen gemeinsam im «Gaiserwalder Blatt». (Bild: Ralph Ribi)

Katharina Brenner

katharina.brenner@tagblatt.ch

Langsam setzt Nader Mirzaii die Silben aneinander, damit sie «auseinandersetzen» ergeben. Der 32-jährige Afghane liest aus dem «Gaiserwalder Blatt» vor. «Versteht ihr das?», fragt Fran­ziska Fürer, eine der drei Kurs­leiterinnen. Die Frauen sitzen im Oberstufenzentrum Mühlizelg in Abtwil nebeneinander, vor ihnen bilden drei Tische ein U. Dort sitzen die Teilnehmer. Mirzaii und andere schütteln den Kopf. Die acht Frauen und fünf Männer, Flüchtlinge aus Afghanistan, Eritrea, Sri Lanka und Syrien, lesen an diesem Dienstagmorgen zum ersten Mal im Mitteilungsblatt.

«Wir probieren Verschiedenes aus, um ihnen das Leben in der Gemeinde näherzubringen», sagt Fürer. Im ersten Kursteil sprechen sie über ein Thema, meist Alltägliches, oder lesen ­einen Text. Nach der Pause arbeiten die Teilnehmer mit je einer Leiterin in Kleingruppen: Sie ­beschreiben Bilder aus dem Lehrbuch, lernen Vokabeln, ergänzen «der, die, das» in Lückentexten.

Die Kursleiterinnen sind ­keine ausgebildeten Sprach­leh­­re­rinnen. Trotzdem ähnelt der Deutschunterricht an der Quartierschule Abtwil dem an professionellen Sprachschulen. Und er ist das Gegenteil von dem, was andere Quartierschulen im Kanton anwenden: die spielerischen Methoden des Vereins Neues Lernen aus Liechtenstein, bei denen Kursleiter wie Animateure agieren. Sie klatschen und hüpfen. Im Basiskurs lernen die Teilnehmer Vokabeln aus dem Alltag, aber nicht Lesen und Schreiben. Und sie werden umbenannt, etwa in Herrn Dürrenmatt, um mögliche Traumata abzustreifen und in die neue Kultur einzutauchen. «Wir haben uns das Konzept angesehen und schnell gemerkt, dass es nichts für uns ist», sagt Fürer. ­In Gaiserwald unterrichten Gemeindemitglieder seit Jahren freiwillig Deutsch. Auch nach der Einführung der Quartierschulen im vergangenen Jahr führen sie ihr Konzept fort.

Reto Moritzi, pensionierter Oberstufenlehrer, koordiniert mit dem Sozialamt der Gemeinde den Sprachunterricht. Von seiner früheren Tätigkeit im Amt für Volksschule kenne er das Konzept des Neuen Lernens. Er halte nicht viel davon, verstehe aber, dass der Showcharakter die Politiker beeindruckt habe. Doch damit werde man dem Niveau, dem Alter und den Erfahrungen der Teilnehmer nur sehr kurzfristig gerecht. «Dass es von politischer Seite hiess, man wolle bewusst auch mit ungeschultem Personal arbeiten, ist mir und einigen ­Lehrern hier aufgestossen.» Den Kurs am Mittwoch leite etwa ein Mittelschullehrer mit einer Kollegin mit jahrelanger Erfahrung.

«Keine Grabenkämpfe von methodischen Konzepten»

Mit Gaiserwald arbeitet aus­gerechnet diejenige Gemeinde nicht mit der Methode aus Liechtenstein, deren Präsident die Kooperation mit dem Verein aufgegleist hat. Boris Tschirky hat als Präsident der Vereinigung der St. Galler Gemeindepräsidentinnen und Gemeindepräsidenten (VSGP) vor einem Jahr die Quartierschulen lanciert. Er betont: «Wir haben hier keine Grabenkämpfe von methodischen ­Konzepten. Es ist vollkommen in Ordnung, dass die Quartierschule in Gaiserwald ihre bisherigen Methoden fortführt.» Er sei mit dem Sprachunterricht in der Gemeinde «absolut zufrieden». Das Prinzip der Quartierschule gelte auch hier. Wichtig sei, dass jeder und jede in die Quartierschulen kommen dürfe, «nicht nur Flüchtlinge, sondern auch Migrantinnen und Migranten mit Kind und Kegel».

Das schliesst Sozialhilfeempfänger ein, die nach jahrelangem Aufenthalt in der Schweiz kaum bis sehr schlecht Deutsch sprechen. Sie müssen die Quartierschule besuchen, sonst kann ­ihnen das Sozialamt Leistungen kürzen. «Manche dieser Teilnehmer hatten keine Motivation für den Unterricht. Das schadet beiden Seiten», sagt Moritzi. Mit den Quartierschulen kam Geld in den Sprachunterricht von Gaiserwald. 5000 Franken erhält jede Quartierschule, welche die Kriterien des Trägervereins Integrationsprojekte St. Gallen (TISG) erfüllt. Dazu gehören die soziale Integration, das Kennenlernen und sprachliche Bewältigen des Alltags, der Austausch mit der Bevölkerung, der Einbezug von Freiwilligen, die kostenfreie Teilnahme und die Beschulung vor Ort ohne Transportkosten.

Freiwillige erhalten Geld für Engagement

Die Gelder seien insbesondere für die Kursleiterinnen und -leiter vorgesehen, sagt Tschirky. Wie und wo diese die finanziellen Mittel im Rahmen der Lehrtätigkeit einsetzten, stehe ihnen völlig frei. «Das Geld hat einige Kursleiter irritiert. Sie wollen nicht für Geld, sondern freiwillig und aus Überzeugung unterrichten», sagt Moritzi. Die Freiwilligen hätten eine gute Lösung gefunden: Sie würden das Geld für Ausflüge mit den Kursteilnehmern und Materialien nutzen.

Noch eine Änderung brachte die Umstellung auf die Quartierschulen in Gaiserwald: Männer und Frauen werden jetzt gemeinsam unterrichtet. Im Umgang und Unterricht mache das keinen Unterschied, sagt Fürer. Aber: Die Gemeinde habe die Kinderbetreuung nicht geregelt. Fürer hat bis zum Herbst eine Männergruppe geleitet. Jetzt unterrichtet sie die fünf Männer und acht Frauen. Eine Mutter hat am Dienstag ihr Kind dabei. Der Bub beschäftigt sich mit Spielzeugautos. Doch in den zwei Stunden rennt er immer wieder umher oder will etwas von seiner Mutter.

Zwei Frauen haben wegen des Systemwechsels in Gaiserwald Ende 2017 als Kursleiterinnen aufgehört. Aktuell zählt das Team rund zehn Personen. Denkt Fürer ans Aufhören? «Nein.» Für die Flüchtlinge mache sie gerne weiter.

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