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Sprachheilschüler auf der langen Bank: Gaiserwald und Uzwil richten eine eigene Sonderklasse ein

Im Kanton St.Gallen dürfen 17 Erstklässler erst im nächsten Sommer an die Sprachheilschule. Bildungsdirektor Stefan Kölliker fordert die Schulgemeinden auf, ihre Zuweisungspraxis zu überdenken. Derweil werden Gaiserwald und Uzwil selber aktiv.
Roman Hertler
Sprachentwicklungsstörungen werde noch zu selten als richtige Behinderungen wahrgenommen. (Bild: Getty)

Sprachentwicklungsstörungen werde noch zu selten als richtige Behinderungen wahrgenommen. (Bild: Getty)

Es geht nicht um Lispeln oder Stottern. Sprachheilschüler haben eine schwere Sprachbehinderung. Ihr Sprach- und Grammatikverständnis liegt weit hinter jenem ihrer Altersgenossen. Beispiel 1: Leonie* ist fünf und durchschnittlich intelligent. Vor ihr liegt ein Bilderbüchlein. Sie soll erzählen, was sie sieht. Auf der ersten Seite ist ein grosses, grünes Blatt, daran ein Ei, aus dem eine kleine Raupe geschlüpft ist und über das Blatt kriecht, im Hintergrund leuchtet ein grosser, blasser Vollmond. Die Fünfjährige bringt aber nur knapp die Wörter «Raupe» und «Mond» über die Lippen. Beispiel 2: Noah* ist zwölf und durchschnittlich ­intelligent. Seine Handschrift ist kraklig und entspricht der eines Zweitklässlers. Entsprechend kommen die Sätze inhaltlich daher. Werden diese Kinder nicht sonderbeschult, häufen sich die schulischen Probleme.

Bildungsdirektor Stefan Kölliker. (Bild: Andrea C. Plüss)

Bildungsdirektor Stefan Kölliker. (Bild: Andrea C. Plüss)

17 Kinder, die an der Sprachheilschule (SHS) St.Gallen angemeldet waren, wurden auf Geheiss des Bildungsdepartements auf eine Warteliste gesetzt. Das Vorgehen des Kantons hat bei den Betroffenen Kopfschütteln ausgelöst. Bildungsdirektor Stefan Kölliker wehrt sich aber vehement gegen den Vorwurf, dass es sich hierbei um eine Sparmassnahme handle. Das Platzangebot werde in andere Angebote «verschoben» respektive «umgelagert». 2017 habe man das Angebot sogar um sieben Plätze ausgebaut.

Aus kurzfristiger Perspektive mag das stimmen, im Rheintal wird derzeit eine Sprachheilschule für 20 bis 25 Kinder aufgebaut. Die Zahlen im kanto­nalen Sonderpädagogikkonzept 2015 (SOK) sprechen insgesamt aber eine andere Sprache: In Uznach bleibt das Angebot zwar unverändert. Reduziert wird es hingegen in Wattwil und in St.Gallen. Hier gingen 2016 noch über 190 Kinder zur Schule. Gemäss SOK sollen es künftig nur noch rund 145 sein. Im September 2017 waren 268 St.Galler Kinder an Sprachheilschulen im Kanton St.Gallen angemeldet. Gemäss SOK sind es künftig noch 237 – maximal.

Kanton setzt auf Integration statt Separation

Die Stossrichtung des SOK ist klar: Schulpflichtige Kinder mit Behinderung sollen vermehrt Regelschulen besuchen und dort sonderpädagogisch unterstützt werden. Der Kanton hat sich im Rahmen der Anpassungen des Volksschulgesetzes 2014 zwar explizit gegen ein umfassendes Integrationsmodell wie beispielsweise Zürich entschieden. Auf Anfrage heisst es aus dem Bildungsdepartement aber, bei den Schulgemeinden bestünde Nachholbedarf. Es mangle teils an der «Integrationsbereitschaft», die Rede ist auch von einer «Separationskultur».

Gemäss Bundesverfassung müssen die Kantone für eine «ausreichende Sonderschulung» aller behinderten Kinder und Jugendlichen sorgen. Das Bundesgericht räumt den Kantonen aber einen «grossen Ermessensspielraum» ein: ­Gefordert sei ein «angemessenes, erfahrungsgemäss ausreichendes Bildungsangebot, nicht die optimale oder geeignetste Schule.» Im Volksschulgesetz ist geregelt, wann Kinder mit «besonderem Bildungsbedarf» in die Regelklassen ­integriert werden: Das Kind soll vom Unterricht profitieren und sich ins soziale Gefüge der Klasse einbringen können. Der Unterricht und die anderen Kinder dürfen dabei nicht gestört werden. Wird ein Kind mit Sprachbehinderung in eine Regelklasse integriert, müsse die Gemeinde die «sonderpädagogische Unterstützung organisieren und nicht die hochschwellige Beschulung in einer Sprachheilschule beantragen», schreibt das Bildungsdepartement.

In der Antwort auf einen Vorstoss von SP-Kantonsrat Guido Etterlin weist die Regierung auf die langjährige kantonale Sonderschulquote von 2,5 Prozent hin. Diese liegt in Rorschach bei 2,8, in Wil bei 2,9 Prozent. Solche Gemeinden seien «eingeladen, die Zuweisungspraxis zu überprüfen». Die Quote sei lediglich eine Orientierungs- und Planungsgrösse, so Bildungsdirektor Stefan Kölliker.

Gaiserwald und Uzwil spannen zusammen

Das sehen die Gemeinden, in denen Schüler auf der SHS-Warteliste gelandet sind, anders. So auch Jürg Seitter, Schulratspräsident von Gaiserwald.

«Glaubt denn das Bildungsdepartement, wir würden nicht alles unternehmen, um Kinder mit Sprachbehinderungen in die Regelklassen zu integrieren?»

Jürg Seitter, Schulratspräsident von Gaiserwald. (Bild: Urs Bucher)

Jürg Seitter, Schulratspräsident von Gaiserwald. (Bild: Urs Bucher)

Zwei Schüler aus Seitters Gemeinde sind auf der Warteliste – ein Kindergärtler darf nun doch noch an die SHS, er war auf der Liste zuoberst. «Bei den anderen zwei Kindern handelt es sich effektiv um Sonderschüler, die wir nicht integrieren können», sagt Seitter. «Wir wünschten uns vom Kanton mehr Vertrauen.» Schon finanziell hegten die Gemeinden keinerlei Interesse, Kinder an die SHS anzumelden. Ein Sprachheilschüler kostet pro Jahr insgesamt 52300 Franken, 36000 trägt die Gemeinde. Gegenüber Eltern brauche es zudem immer sehr viel Überzeugungsarbeit, bis sie einer Sonderschulung zustimmen. Weshalb die beiden Kinder nicht nach St. Gallen dürfen, obwohl die Plätze «physisch vorhanden» wären, versteht Seitter nicht.

Gaiserwald und Uzwil sind selber aktiv geworden. Sie richten für das Schuljahr 2018/19 gemeinsam eine «Kleine Klasse» für fünf Kinder ein – auf eigene Rechnung. Dies gemäss Jürg Seitter im Bewusstsein, dass damit auch falsche politische Signale ans Bildungsdepartement gesendet werden könnten. «Hier geht es nicht um budgetpolitisches ­Kalkül, sondern darum, die Kinder nach ihren Bedürfnissen zu beschulen.»

Sprachheilschule kritisiert «Schreibtischentscheid»

Susan Christen ist die Leiterin der Sprachheilschule St.Gallen. Sie ist der Auffassung, dass jene Kinder, die vom Schulpsychologischen Dienst an eine Sprachheilschule empfohlen werden, nicht in Regelklassen gehörten.

«Leider werden Sprachentwicklungsstörungen nicht als wirkliche Behinderungen beurteilt.»

Susan Christen, Leiterin der Sprachheilschule St.Gallen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Susan Christen, Leiterin der Sprachheilschule St.Gallen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Sie kritisiert den «Schreibtischentscheid» des Bildungsdepartements, Platzzahlen nur aufgrund statistischer Daten zu bewilligen. «Für diese Kinder reichen einzelne Logopädiestunden nicht. Dass Erstklässler ein Jahr auf einen adäquaten Schulplatz warten müssen, ist unverantwortlich.» Die Defizite schwer sprachbehinderter Kinder seien so umfassend, dass sie dem Regelunterricht in den meisten Fächern kaum ­folgen können. Das wirke sich auch auf deren Selbstwertgefühl aus. Mit einer entsprechenden Sonderbeschulung, die möglichst früh erfolgt, seien viele Kinder nach zwei, drei Jahren wieder in Regelklassen integrierbar. «Je länger man aber zuwartet, desto länger dauert eine ­Behandlung», sagt Christen. «Sprachliche Störungen verfestigen sich.»

«Die Warteliste der Sprachheilschule spielt bei der konkreten Förderung der einzelnen Schüler keine Rolle», sagt ­Bildungsdirektor Stefan Kölliker. Der sprachheilpädagogische Dienst könne die Schulgemeinden vor Ort unterstützen. «Er steht den Gemeinden als verstärkte Unterstützungsmassnahme kostenlos zur Verfügung.»

*Namen geändert.

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