SPRACHFÖRDERUNG: Viele Wörter für dasselbe Tier

Die Pädagogische Hochschule St. Gallen eröffnet das Zentrum Frühe Bildung. Seine Mitarbeitenden beraten Spielgruppen und Krippen. Sie wissen, wie Kinder mit einer anderen Hauptsprache am besten Deutsch lernen.

Katharina Brenner
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Manche Kinder kommen in Spielgruppen und Krippen erstmals in Berührung mit der deutschen Sprache. (Bild: Getty)

Manche Kinder kommen in Spielgruppen und Krippen erstmals in Berührung mit der deutschen Sprache. (Bild: Getty)

Katharina Brenner

katharina.brenner@tagblatt.ch

Die Katze ist zu Hause keine Katze. Oder sie ist eine, aber gleichzeitig auch «il gatto» oder «mace». Das trifft auf gut ein Viertel der Kinder zwischen null und sieben Jahren im Kanton St. Gallen zu. Ihre Hauptsprache ist eine andere als Deutsch. In Spielgruppen und Krippen kommen Kinder mit Deutsch in Berührung – manche zum ersten Mal. «Bei der Sprachförderung ist es wichtig, sich dem Niveau des Kindes anzupassen», sagt Franziska Vogt. Sie leitet das Institut Lehr-Lernforschung an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen (PHSG) und das Zentrum Frühe Bildung. Am 23. September wird es offiziell eröffnet. Bestehende Projekte der PHSG und des Instituts werden dort fortgeführt (siehe Zweittext). Was sich ändert: Mit dem Zentrum bekommt Vogt personelle Verstärkung. Und sie erhofft sich eine grössere Aussenwirkung: «Wir machen bereits viel im Bereich Frühe Bildung, aber manches ist noch nicht so sichtbar. Das soll das Zentrum Frühe Bildung ändern.» Es zahle sich für die Gesellschaft aus, in frühe Bildung zu investieren. «Die ersten Lebensjahre sind prägend. Was dort versäumt wird, kann später nachgeholt werden, aber mit hohen finanziellen und emotionalen Kosten.» Persönlich seien ihr Gerechtigkeit und gleiche Chancen für alle Kinder besonders wichtig.

Gute Deutschkenntnisse sind eine Voraussetzung für gleiche Chancen. Ein Fokus des Zentrums für Frühe Bildung liegt auf der Sprachförderung. Vogts Teammitglieder beraten Betreuerinnen und Betreuer in Spielgruppen und Krippen. Die Stadt Zürich hat sie mit der sogenannten «Kita-integrierten Deutschförderung» im Projekt «Gut vorbereitet in den Kindergarten» beauftragt.

Wörter auf Deutsch mehrmals wiederholen

Im Kanton St. Gallen bietet das Zentrum Frühe Bildung ein Coaching-Programm an. 45 Spielgruppen und Kindertagesstätten haben bereits teilgenommen. Eine Stunde lang wird die Arbeit der Betreuerin oder des Betreuers beobachtet, dann gemeinsam besprochen. Was war gut? Was kann verbessert werden? Gut sind Wiederholungen. «Wiederholungen helfen Kindern, eine Sprache zu lernen», sagt Vogt. «Wenn ein Kind mit einer Plüschkatze spielt, kann die Erzieherin sagen: ‹Du hast eine Katze. Wenn du die Katze streichelst, schnurrt sie.› Wenn das Kind das Wort Katze mehrmals gehört und dazu die Katze streichelt, weiss es, was die Wörter bedeuten.»

Barbara Graf hat im Frühjahr an einem Coaching teilgenommen. Sie leitet die Globi-Kinderkrippe Gossau. Wirklich Neues habe sie nicht gelernt, sagt Graf. Trotzdem ist sie begeistert vom Angebot, denn: «Es war eine gute Bestätigung unserer Arbeit.» Davor sei sie manchmal unsicher gewesen. «Mit den Kindern auf Augenhöhe reden, Ich-Botschaften formulieren, Wörter wiederholen – das Coaching hat gezeigt, dass wir bereits auf dem richtigen Weg waren.» Eine, die Kritik übt am Konzept des Zentrums Frühe Bildung ist Elisabeth Baumann, Präsidentin des Vereins Spielgruppen St. Gallen/Appenzell. «Das Angebot ist eigentlich nicht schlecht», sagt sie. Es sei nur «einfach etwas zu pädagogisch aufgebaut». Man habe Mühe, wenn Fachleute, die nicht aus dem Spielgruppenalltag kommen, die Arbeit beurteilten.

Den Eltern Ängste nehmen

Nicht nur für Spielgruppen und Krippen, auch für Eltern hat das Zentrum Frühe Bildung Angebote. Eltern und Elternvereinigungen können das Zentrum bei Fragen zur Entwicklung ihres Kindes kontaktieren. Die Teammitglieder erarbeiten davon ausgehend Referate und Elternbildungsmodule. «Die Informationsveranstaltungen für Eltern werden gut angenommen», sagt Vogt. Die Eltern hätten viele Fragen, zum Beispiel: Ist es ein Problem, wenn das Kind dreisprachig aufwächst? Oder wenn es Filme auf Englisch anschaut? «Wir können den Eltern Ängste nehmen und versichern: Beides ist kein Problem», sagt Vogt. Den Eltern rate sie etwa, nach dem englischsprachigen Film in der Herkunftssprache über den Film zu sprechen mit den Kindern.

Neben der Sprachförderung gibt es mehrere Themen, mit denen sich das Zentrum in Zukunft beschäftigen möchte: Spiel, Kinderrechte, Inklusion, musische Bildung und Bewegung, Familienzentren und Organisationsentwicklung. Und Leiterin Franziska Vogt wünscht sich, dass die Bedeutung der Frühen Bildung noch mehr wahrgenommen wird.