SPRACHENSTREIT: Romands in Rage

Die Westschweiz fühlt sich durch den Thurgau provoziert: Wenn der Grosse Rat in zweiter Lesung nicht zur Vernunft komme, müsse der Bundesrat aktiv werden.

Silvan Meile
Merken
Drucken
Teilen

Silvan Meile

silvan.meile@thurgauerzeitung.ch

In der Schweiz kommen wir gut miteinander aus, weil wir uns gegenseitig nicht verstehen, soll einst der verstorbene alt Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz ge­sagt haben. Heute gelte das nicht mehr, sagte Pierre Ruetschi, Chefredaktor der «Tribune de Genève» in der «Tagesschau» von SRF mit Blick auf den Entscheid des Grossen Rates des Kantons Thurgau, das Fach Frühfranzösisch aus dem Unterricht der Primarschule zu streichen. «Überrascht und enttäuscht» seien die Romands darüber. Es könne gar als eine Provokation betrachtet werden, findet Ruetschi im Namen aller Westschweizer. Auch der Blick in die Zeitungen von gestern zeigt, dass jenseits des Röstigrabens kaum Verständnis für den Entscheid des Thurgauer Grossen Rats aufgebracht werden kann.

«Diese Entscheidung ist nicht akzeptabel und zeigt die Arroganz einiger Kreise gegenüber der Westschweiz und den sprachlichen Minderheiten in unserem Land», sagt SP-Nationalrat Ma­thias Reynard aus dem Wallis in der «Le Temps».

Die auflagestärkste Tageszei­tung der französischen Schweiz, «24 heures», titelte gestern in grossen Buchstaben auf ihrer Frontseite, dass der Thurgau den Sprachenkrieg wieder anzettle. Der Entscheid zur Abschaffung des Frühfranzösisch führe zu einer Konfrontation zwischen den Sprachregionen. «Der Thurgauer Grosse Rat spielt mit dem Feuer», sagt Christoph Eymann, Basler Nationalrat der liberal-­demokratischen Partei, gegenüber der Zeitung. Der ehemalige Direktor der Erziehungsdirektorenkonferenz erwartet nun eine Intervention durch Bundesrat Alain Berset. «Die Entscheidung des Thurgaus könnte sich auf die ganze Schweiz auswirken.»

«La Liberté», die französischsprachige Tageszeitung aus Fribourg, schreibt von einer Niederlage: «Die Befürworter des Französischen in der Grundschule haben gestern im Thurgau eine weitere Runde verloren.»

«C’est une catastrophe!», findet der Berner SP-Nationalrat Matthias Aebischer in der Boulevardzeitung «Blick» und schimpft den Thurgau «unschweizerisch».

Der Entscheid aus dem Thur­gau gebe den Befürwortern der Fremdsprachen-Initiative im Kanton Zürich Aufwind, schreibt der «Tages-Anzeiger». In zwei Wochen entscheidet dort das Stimmvolk, ob eine der beiden Fremdsprachen aus dem Unterricht der Primarschule gestrichen werden soll. «Das ist ein sehr schlechtes Zeichen für den na­tionalen Zusammenhalt», beurteilt der Neuenburger SP-Ständerat Didier Berberat den Thurgauer Entscheid gegenüber der Zeitung. Noch deutlicher wird der Walliser Mathias Reynard: «Wenn das Thurgauer Parlament in zweiter Lesung nicht zur Vernunft kommt, muss der Bundesrat aktiv werden.» Werde die Landesregierung nicht intervenieren, gebe es in der Romandie Pläne für eine Volksinitiative.

«Die Terminierung des Sprachenunterrichts ist keine Frage des nationalen Zusammenhalts. Doch sie setzt Signale», schreibt die «Neue Zürcher Zeitung» unter dem Titel «Französisch darf kein Spaltpilz sein».

Schlicht und einfach «C’est fini im Kanton Thurgau» titelt das «Bieler Tagblatt», die Tageszeitung aus der zweitgrössten und zugleich zweisprachigen Stadt des Kantons Bern.